Kategorien
Review

B. R. Stylers: In Dub

Die Echo Beach Serious Classics-Serie ist eine Zeitmaschine. Dieses Mal wurde sie auf die Jahre zwischen 2002 und 2009 eingestellt und auf die italienische Band B. R. Stylers fokussiert. Ein Projekt von Paolo Baldini, den jeder Dubhead unter dem Namen Paolo Baldini DubFiles auf dem Schirm haben dürfte. Während der Produzent und Bassist unter „DubFiles“ bis heute superbe Dub-Alben heraus bringt, stammt das letzte Lebenszeichen der B. R. Stylers von 2009. Bis jetzt, denn das Hamburger Dub-Label Echo Beach hat in den Archiven gekramt, ein „Best Of“ der Stylers zusammen gestellt, es schlicht „In Dub“ (Echo Beach) betitelt und in der Serious Classics-Serie veröffentlicht. Sagenhafte 18 Tracks sind hier versammelt. Schneller, energetischer Dub, auf rund der Hälfte der Tracks mit Vocals von Michela Graina fein garniert.

Bewertung: 3 von 5.
Kategorien
Review

De Soto: Silverado Days

Viele werden sich am Kopf kratzen und feststellen: „De Soto sagt mir bislang nix“. Die Senior Allstars dagegen sollten allen Leser*innen des Dubblog relativ bekannt sein. Markus Dassmann (Bass, Gitarre, Keyboard/Orgel, Melodica, Perkussion), der Spiritus Rector der Senior Allstars und Martin Musch (Schlagzeug) haben sich bereits vor einiger Zeit unter dem Label Ancient Mountain Records zusammengetan und einige interessante Sachen veröffentlicht. Mit „Silverado Days“ (De Soto/Echo Beach Lifefidelity) veröffentlicht nun Markus Dassmann unter Mithilfe von Martin Musch sein erstes Soloalbum. Darauf bekommen wir die Musik geboten, die Markus mit den Senior Allstars seit vielen Jahren zum Besten gibt: Instrumentals mit klassischen jamaikanischen Klängen, Rocksteady und gelegentlichen – hier leider recht sparsam gesetzten – Dub-Elementen. Was einige stören dürfte, ist der relativ häufige Einsatz der Melodica, die doch stellenweise etwas zu gleichförmig klingt. Vielleicht könnte Herr Dassmann mal darüber nachdenken, ob statt dessen der Einsatz eines Akkordeons oder Bandoneons mal eine reizvolle Alternative wäre. Die elf Songs, die allesamt Originalkompositionen des musikalischen Meisters und Komponisten Dassmann sind, entwickeln sich auf der Basis von schönen eingängigen Riddims. Irgendwie klingt das Ganze wie ein Album, das auch bereits in den 1970ern hätte erscheinen können – allerdings mit deutlich satterem Klang. Die Tracks sind analog eingespielt, haben einen angenehmen, warmen Sound und kommen ganz selbstverständlich daher. „Silverado Days“ ist wieder so ein Album mit richtig entschleunigten Tunes, die sich angenehm unaufdringlich in die Gehörgänge schleichen. Qualität setzt sich immer durch.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Babe Roots – Remixes EP

Babe Roots bedient mit seinen deepen und technoiden Klängen die etwas in den Hintergrund geratene Nische des Dubtechno. Der Sound des italienischen Produzentenduos erinnert stellenweise an Veröffentlichungen der Genrepioniere Rhythm & Sound. Im Unterschied dazu gelingen dem relativ jungen Projekt jedoch häufiger catchende Reggae-Hooklines. Auf dem gleichnamigen Erstlingswerk entdeckt die Hörerschaft neben „Kunta Kinte“ auch Burnings Spears „Jah nuh dead“. Zudem verlieren sich die Songs weder allzu sehr in repetitiver Streckung noch tauchen sie nach einmaligem Hören in der Bedeutungslosigkeit ab. Der große Erfolg der Debüt-LP 2017 rief eine ganze Reihe Interessierter auf den Plan. Neben den Begründern selbst, zerlegen und interpretieren nun Mike Schommer, DB1, Felix K. und Forest Drive West insgesamt fünf Songs auf der „Remixes EP“. Letztere beiden blähen die Ursprungswerke um einige Minuten auf. Forest Drive West dünnt minimalistisch aus, während Felix K. brachial nach vorne treibt. Am gelungensten wirkt Schommers Neuschöpfung: nach einer halben Ewigkeit, beinahe quälendem White Noise, lässt der Deepchord Co-Founder die Hunde von der Leine – wenn auch gemächlich. Die vorliegende EP versammelt interessante Ausflüge und Ansätze für all jene, die beim Begriff Techno nicht gleich Reißaus nehmen. Für den Einsatz im Soundsystem greifen Plattendreher*innen besser auf die Originalveröffentlichung zurück und hieven Babe Roots aus der unbeachteten Nische. „Remixes EP“ erscheint bei Echocord als Vinyl oder Download.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Tara Putra: Obvious Dubious

Hey, da ist mir in den unendlichen Weiten des WWW wieder ein Projekt über den Weg gelaufen oder noch besser zu Ohren gekommen, das genau meine Kragenweite ist und seit Tagen in Endlosschleife läuft. Wenn ein Werk schon den treffenden Titel „Obvious Dubious“ (Self Released) trägt, werde ich im wahrsten Sinne hellhörig. „Obvious Dubious“ von Tara Putra ist die dubwise Fortsetzung der schon vor einigen Jahren veröffentlichten Alben „In Dubland“ (2012) und „Driven by Dub“ (2015). Marcus Straczkowski aus Nürnberg, das Mastermind hinter dem Pseudonym Tara Putra (Hindi: Tara = Stern; Putra = Sohn), ist seit Anfang der 90er Jahre in Sachen Trip Hop, Drum & Bass, Ambient sowie psychedelic Trance unterwegs. Nachdem er sich fast ein Jahr mächtig ins Zeug gelegt hat, präsentierte er Ende 2019 „stolz und glücklich“ sein neues Dub-Album. Der erste Track „Cowboys Smoking Giants“ beginnt mit einem Donnerhall und der Durchsage: „Die Türen schließen, es geht los“ und schon startet der Dub-Train in wahrlich berauschende Regionen. Auch hier sind wieder jede Menge musikalische Anleihen zu hören. Von Mariachi Trompeten, Sitar Klängen, spanischer Folklore, butterweichen Gitarrensoli, mäandernden Synthie-Soundscapes bis psychedelischer Musik ist alles traumwandlerisch mit dem Dub-Gefüge verwoben. Mit seinem warmen, repetitiven Dub-Stil ist „Obvious Dubious“ zum jetzigen Zeitpunkt (Corona-Krise) genau das Richtige, um sich fallen zu lassen. Die organischen Soundstrukturen, benthischen Basslines und die „slowed down Riddims“ mit schönen, teilweise auch ungewöhnlichen Dub-Effekten, an denen wirklich nicht gespart wurde, laden zu dieser bewusstseinserweiternden Reise ein. Der letzte Track „Shutdown Sequence“ erinnert mich sehr stark an die guten Zeiten von Massiv Attack. Mit einer gutturalen Gesangssequenz bringt uns der Dub-Train in das hier und jetzt zurück und rollt gemächlich aus. Music for headphones!

Liebe Dubblog-Gemeinde, bleibt zu Hause, vor allem auch gesund, lauscht lieber geiler Dub-Mukke und bitte haltet in unser aller Sinne die Kurve flach!

Bewertung: 4 von 5.

Kategorien
Review

Simba Khan: Brutal Tide

Jetzt schreibe ich schon so lange über Dub und werde immer noch überrascht von Produktionen, die mich so richtig catchen, ohne, dass ich sagen könnte, woran das genau liegt. So geht es mir jedenfalls mit der neuen EP „Brutal Tide“ (Dub Records) von Simba Kahn. Auf den ersten Blick drei simple Steppers-Produktionen (+ drei Versions). Digital und genau so, wie meine lieben Mitautoren des Dubblog sie nicht mögen. Bei mir aber läuft die EP in Dauerrotation. Warum? Ich versuche mal eine Erklärung: 1. Ich liebe Dynamik und Timing der Beats. Es geling mir beim Hören nicht, den Kopf still zu halten. Irgendwie passt der Groove voll auf meinen inneren Rhythmus. 2. Die Polyrhythmik der Percussions fasziniert mich. Von wegen, „simples Steppers-Gestampfe“! Hier liegen diverse Rhythmusstrukturen übereinander und verbinden sich zu einem faszinierend komplex-einfachem Muster. 3. Die Sound System-Atmo holt mich bei meinen schönsten Dub-Erinnerungen ab. Das ist Mukke, die für dunkle Nächte und hohe Lautsprechertürme geschrieben wurde – und für hunderte Dubheads, die in ihrem Rhythmus skanken. Ach ja, wer ist eigentlich Simba Khan? Ich hätte auf einen indischen Dub-Produzenten getippt. Tatsächlich aber lebt er in Belgien und ist dort Mitglied des Islanders-Sound Systems. Muss man im Blick behalten, den Mann.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Aldubb: Mesozoic Valley

Wie nennt man eigentlich Musik – und in unserem Fall Dub – die zur Gänze am Computer entstanden ist? Digital Dubs, Laptop-Mucke, EDM (frech abgewandelt: Electronic Dub Music)? So ganz taufrisch ist das digitale Handwerk ja nicht – unglaubliche 35 Jahre ist es her, dass Prince Jammy den Sleng Teng-Riddim produziert und damit einen Paradigmenwechsel ausgelöst hat, der die Reggae-Welt grundlegend verändern sollte. Gut und gerne 15 Jahre haben die digitalen Klänge vorgegeben, wo’s lang geht – und der nach Tubby’s Tod zum King avancierte Jammy war zumindest in der ersten Dekade das Maß aller Dinge. Heute sind seine Aufnahmen nur mehr akustische Zeugen längst vergangener Tage, und auch die frühen digitalen Werke anderer Produzenten und Musiker wie Fatis Burell, Bobby Digital oder Gussie Clarke haben die Zeit – wenn überhaupt – nur geringfügig besser überdauert. Allen gemein ist aber der immense und nachhaltige Eindruck, den sie im Reggae (und im Dub) hinterlassen haben.

Diesem Einfluss war sicher auch Aldubb ausgesetzt; seine Musik hat allerdings die engen Grenzen von Roots und Dancehall überwunden und zeigt sich offen für wohldosierte Prisen anderer Musik-Genres. Hochgeschätzt aufgrund seiner beiden wunderbaren „Planets of Dub“-Releases, veröffentlicht der Berliner jetzt eine Auswahl von Laptop-Dubs, die die Wartezeit auf Planet of Dub Vol. 3 verkürzen soll. Das macht „Mesozoic Valley“ (One Drop Music) keineswegs zum Lückenbüßer; die (diesmal) rein digital instrumentierten Stücke können durchaus für sich alleine stehen. Überaus gelungen der Opener „Jurassic Extinction“, der sich mit einem zurückhaltenden Streicher-Sample heranschleicht, um dann mit einem Drum & Bass-Drop eine physisch spürbare Druckwelle zu erzeugen – bei entsprechender Lautstärke wohlgemerkt. Dieser erste „Woah… Mörder-Bass!“–Eindruck erstreckt sich über die ganze Albumlänge und ist mein persönliches klangliches Leitmotiv von „Mesozoic Valley“, das auch sonst durch exzellente Abmischung und perfekt platzierte, aber dennoch unaufdringliche (analoge!) Dub-Effekte glänzt.

Alles gut also? Nicht so ganz; die oben erwähnten „wohldosierten Prisen“ sind diesmal für meinen Geschmack zu stark ausgefallen – etwas weniger Trap- und HipHop-Elemente („Velociraptor“) und Dubstep-Anleihen („Tethys“) würden dem konservativen Dubhead besser gefallen. Stattdessen hätte ich mir mehr „lebensechte“ Samples wie die anfänglichen Streicher gewünscht, die einen schönen Kontrast zu den programmierten Beats bilden. Größtes Manko des Albums sind aber die fehlenden Hooklines – da hilft weder der erwähnte druckvolle, fast schon subsonisch spürbare Bass noch der gelungene Mixdown: Wenn sich keine melodische Phrase oder Basslauf im Ohr festkrallen will, plätschern die Tracks beim oftmaligen Hören dann doch mehr oder weniger austauschbar vor sich hin. Da nützt auch nicht das durchaus interessante Konzept, in das Aldubb seine Tracks eingebettet hat: Die Titel erzählen vom Erdmittelalter, dem auseinander driftenden Urkontinent Pangea, der Tethys und allem was da im Jura so kreucht und fleucht – bis der Asteroid kommt und das große Aussterben beginnt. Die Musik selbst hat keinerlei Bezug zu den Titeln; platt gesagt kreischt uns kein Velociraptor im gleichnamigen Track entgegen; der riesige Triceratops will in seinem Stück partout nicht aufstampfen und klangtechnisch auf sich aufmerksam machen. Das soll nicht heißen, dass mir ein akustischer Comic besser gefallen hätte; allein meine Aufmerksamkeit und der damit verbundene Wiedererkennungswert wären so wesentlich höher gewesen.

Letztlich lässt mich „Mesozoic Valley“ als Rezensenten mit durchaus ambivalenten Gefühlen zurück. Im Gegensatz dazu werden alle, die Aldubbs frühere Werke wie „Let There Be Dub“ oder „Advanced Physics“ schätzen und lieben, diesen Zwiespalt nicht nachvollziehen können und meiner Wertung noch den einen oder anderen Stern hinzufügen. Nur zu!

Bewertung: 3 von 5.
Kategorien
Review

Jah Schulz: Right Time – Right Dub

Man könnte ja meinen, dass das wirklich wahre und echte Sound System-Futter stets aus dem UK, Frankreich oder Italien käme. Aber nix da! Mit Jah Schulz haben wir einen der besten Steppers-Produzenten überhaupt – und zwar in Stuttgart. Nachzuhören auf seinem neuen Album: „Right Time – Right Dub“ (Railroad). Wie gewohnt straighter Hardcore-Steppers, wuchtig, brutal, überwältigend. Wie gewohnt live gemischt und wie gewohnt ohne Kompromisse. Kein Wunder, dass seine Dubs in internationalen Sound Systems für Furore sorgen. Dub ist schon seit vielen Jahren das Zentrum der Welt von Michael Fiedler aka Tokyo Tower aka Jah Schulz. Unter letzterem Pseudonym konzentriert er sich auf Steppers – live und im Studio. Wobei er angeblich auch im Studio beim Mixen die Live-Methode pflegt. Ist aber nicht so wesentlich, denn was hinten raus kommt ist purer Steppers-Dub, nice gemixt, aber letztlich zählt hier Rhythmus, Atmosphäre, Härte und Bass. Und diese Ingredienzien beherrscht Herr Schulz par excellence. Wobei hier jetzt nicht der Eindruck entstehen soll, die Dubs wären stupides Gestampfe. Ganz und gar nicht. Die richtige Zeit für den richtigen Schulz-Dub kann auch Sonntag Vormittags auf dem Sofa sein. Dann ist er weniger ein physisches, als ein kognitives Erlebnis, denn fürs bewusste, analytische Zuhören bieten Schulzes Produktionen ebenfalls reichlich Input. Kurzum: Right Dub – zu jeder Zeit.

Bewertung: 4 von 5.

Kategorien
Review

Sumac Dub: Norska

Der Multiinstrumentalist und klassisch ausgebildete Geiger Tom Dorne aka Sumac Dub hat gestern ein neues (kostenloses) Album „Norska“ (ODGProd.com) veröffentlicht. Das sehr ansprechende Cover erinnert mich unwillkürlich an die Ents aus dem „Herr der Ringe“. Vergangenen Dezember hat Sumac Dub noch die EP „Jam Session Vol. 1“ veröffentlicht, um das Warten auf das neue, fünfte Album zu verkürzen. Zwei Jahre hat sich der passionierte Weltreisende für „Norska“ Zeit gelassen. Mit seiner Musik findet Sumac Dub immer wieder einen Weg, interessante akustische Welten zu erschaffen, die er frei und ohne Grenzen erkundet. Aus seinen vielen Reisen durch Asien und den Nahen Osten schöpft er hörbar die meisten Inspirationen. Bisher sind all seine Alben gespickt mit vielen ethnisch-musikalischen Einflüssen. Daneben ist Sumac Dub aber auch stark von der aktuellen Electro-Dub-Szene Frankreichs beeinflusst. Bei „Le Chant de Sirli“ (Der Gesang der Lerche) unterstützt ihn Art-X mit weichen, pabloesken Melodica-Passagen. Aber auch auf „Norska“ bekommen wir gelegentlich einen, wenn auch, moderateren „Steppers“ geboten. Was bei all seinen Werken extrem positiv zu Buche schlägt, ist der Einsatz vieler exotischer Instrumente, die so im Dub recht selten bis überhaupt nicht zum Einsatz kommen. Sumac Dub hat auch hier wieder ein mystisches Gesamtwerk kreiert, in dem Harmonie und Kraft brillant im Einklang sind. Tom Dorne aka Sumac Dub bewegt sich mit seinem einzigartigen Dub-Verständnis in (s)einer eigenen Liga. Das Warten hat sich mehr als gelohnt.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

100 x Dub Evolution

Wie ihr wisst, schreibe ich die Dub-Kolumne in der Riddim. Soeben ist die hundertste Ausgabe der Riddim erschienen. Unglaublich! Ich habe somit hundert (!) Dub Evolution-Kolumnen geschrieben. Das sind hochgerechnet an die 900 bis 1000 rezensierte Dub-Alben. Ich wundere mich selbst, wie sich über Dub so viel schreiben lässt. Immerhin handelt es sich um ein kleines Sub-Genre, weitgehend ohne Stars, ohne Skandale, Tratsch oder Crime-Stories. Ja sogar ganz ohne Lyrics. Es bleibt die bloße Musik, meist sogar herunter gestrippt auf Drum, Bass und Effekte. Kein Wunder, dass sich für nicht Eingeweihte bei Dub alles gleich anhört. Aber wenn sich über Briefmarken oder Zierfische ganze Kompendien füllen lassen, dann ist es doch wohl auch möglich, 100 Kolumnen über Dub zu schreiben! Immerhin haben wir es mit einem der faszinierendsten Musikstile der Welt zu tun. Dub ist purer Rhythmus und Sound – ganz um seiner selbst willen und nicht nur als Hintergrund für einen Song. Kein Text, (fast) keine Melodie, nichts außer Klang: pure Musik. Würde man ihn mit der Malerei vergleichen, dann wäre Dub abstrakte Kunst. Sie steht nicht im Dienste einer Darstellung, sondern ist reine sinnliche Erfahrung (wer je ein Dub-Soundsystem erlebt hat, weiß, dass Dub eine maximal sinnliche Erfahrung ist). Dub ist wie ein Bild von Barnett Newman: Eine riesige Farbfläche, die den Betrachter vollständig einnimmt. Oder, um es neudeutsch zu formulieren: Dub ist immersiv. Man taucht ein, versinkt, wird vollständig eins mit Dub. Warum? Weil Dub einen Raum aufspannt, dessen gewaltige Dimension sich an reflektiertem Hall und Echo nur erahnen lässt. Outer-Space, gefüllt mit dunkler Bass-Materie. Aber – und das liebe ich sehr – Dub ist nicht nur immersiv: So wie die Hochtöner an der Spitze eines Lautsprecherboxenberges, gibt es eine helle, rationale, bewusste Kopfstimme über der Bass-Materie. Sie ermöglicht es, Dub bewusst zuzuhören, seine Form zu analysieren und dem Soundengineer virtuell über die Schulter zu schauen. Es ist so, als würde man in einem Film für einen Moment aufhören, der Story zu folgen und die Aufmerksamkeit auf die Form lenken, darauf, wie die Story inszeniert ist. Dieser analytische Blick drängt sich bei Dub geradezu auf. Das ostentative Spiel mit Arrangements und Effekten lässt Zuhörern keine andere Wahl – insbesondere wenn experimentierfreudige Engineers wie Adrian Sherwood oder Mad Professor am Werk sind.
Ja, Dub ist klein, aber tief. Ich könnte den ganzen Dubblog damit füllen, über das Wesen von Dub nachzudenken, die Mutter aller Remixe, den Pionier der Bass-Music – überhaupt: die erste Musik, die alles dem Primat von Rhythm und Sound untergeordnet hat. Eine wahrlich revolutionäre Musik, über die sich gar nicht genug schreiben lässt.

Kategorien
Review

The Ullulators: Dub Royale – Chapter One

The Ullulators sind eine Band aus Bath (GB), die bereits seit Ende der 1980er existiert. Eigentlich sind sie eine Indie-Rockband mit einem Hang zum Reggae, die es im Laufe der Jahre zu Kultstatus gebracht hat. Die Liaison von Punk aber auch Indie-Rock mit Reggae/Dub reicht schon bis in die Zeit der frühen 80er zurück, als Bands wie z. B. The Clash in Zusammenarbeit mit Mikey Dread ihr epochales Triple-Album „Sandinista“ veröffentlichten. Vor knapp einem Jahr haben The Ullulators „Dub Royale Chapter One“ (The Ullulators self-released) veröffentlicht, an dem sie über zwei Jahre „geschraubt“ und jede Menge Arbeit reingesteckt haben. Der Kopf der Band, Gavin Griffiths, hatte die Intention für dieses Projekt ein Album zu kreieren, das die Stimmung und den Sound des 70er-80er Roots-Dub-Reggae verkörpert. Die vorliegenden 16 Tracks bieten ein breites musikalisches Spektrum, das von Roots-Dub bis Worldmusik sämtliche Ingredienzen aufweist. Alle Aufnahmen wurden von Gavin Griffiths gemischt und gemastert. Griffiths hat so weit es ging auf analoge Studiotechnik und klassisches Equipment zurückgegriffen. Ich finde, die Arbeit und der Aufwand haben sich gelohnt, denn es ist ein schönes Potpourri verschiedenster Musikstile – immer unter dem Aspekt Dub – zusammengekommen. Bei dem Endprodukt kann man auf jeden Fall leicht heraushören, dass das musikalische Ausgangsmaterial der Ullulators doch bedeutend rockiger war, als das sonst der Fall ist. Insgesamt gesehen bekommen wir hier die Entwicklung einer kultigen Indie-Band im Dub-Riddim offenbart und wenn wir Mr. Griffiths glauben dürfen, ist das lediglich „der erste Streich und der zweite folgt sogleich“.

Bewertung: 4 von 5.