Kategorien
Review

Marcel-Philipp Meets Scientist

Marcel-Philipp ist auf den Dub-Geschmack gekommen, entstammen doch seine drei letzten Alben allesamt diesem Genre. Doch nach „Dub You Crazy“ und „Can’t Get Enough of Dub“ liegt nun ein ganz spezielles Album vor: „Marcel-Philipp Meets Scientist“ (Ashera). Was für eine spannende Zusammenarbeit: Der Multiinstrumentalist und Schöpfer luftig-leichter Reggae-Kompositionen trifft auf den Dub-Großmeister und Kreateur bleischwerer Mixes.

Wie kam es zu dieser bemerkenswerten Zusammenarbeit?

Marcel-Philipp: „Ende 2019 kam der erste Kontakt zustande als ich an der Planung einer Scientist Audio Engineering Master Class in Deutschland beteiligt war. Mitte 2021 habe ich ihm dann das Rohmaterial für einen Track von mir geschickt. Zu Beginn war das Projekt eigentlich auch nur auf einen Track begrenzt doch wir waren beide vom Ergebnis begeistert. Deshalb haben wir beschlossen, ein komplettes Album umzusetzen.“

Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet?

Marcel-Philipp: „Mit seiner Erfahrung und seinen Fähigkeiten hatte er das ganze Album innerhalb weniger Tage fertig. Die russische Künstlerin Lera (lastcaress), die ich mit dem Cover-Design beauftragt hatte, konnte aus Termingründen erst Ende September liefern, weshalb ich den Release-Termin in den November 2021 legte.“

Was schätzt du an der Arbeit von Scientist?

Marcel-Philipp: „Viele der von Scientist gemischten Alben gehören soundmäßig zu meinen absoluten Lieblingen. Während der Zusammenarbeit war der Kontakt zwischen uns sehr intensiv und ich konnte Einblicke in seine Vorgehensweisen und sein Wissen im Bereich Audio Engineering bekommen.“

Was ist das Geheimnis von Scientist?

Marcel-Philipp: „Noch vor der Erstellung des Dub Tracks haucht Scientist dem Gesamtsound seine spezielle Magie ein. Alle Alben, die von Scientist gemischt wurden, haben diesen einzigartigen Sound. Bei ihm beginnt alles mit dem Schlagzeug-Sound. Seiner Aussage nach, kann er jeden seiner tausenden gemischten Tracks nur am Sound der Kick-Drum ausmachen. Auf die Frage nach dem Vorgehen beim Mixing der Bass Gitarre antwortete er „The bass guitar drives the kick“. Seine Obsession für den Sound ist unfassbar. Die Kombination aus technischer und wissenschaftlicher Herangehensweise gepaart mit seinen künstlerischen Fähigkeiten und dem Interesse am Ausprobieren macht ihn zu dem was sein Künstlername aussagt: einen Wissenschaftler.“

Du bist ganz offenbar ein Fan von Scientist. Wo kommt deine Bewunderung für ihn her?

Marcel-Philipp: „Bei mir beginnt der ganze Schaffensprozess mit den Instrumentalversionen. Aus Mittel zum Zweck habe ich mich deswegen früh intensiv mit Mixing und Mastering auseinandergesetzt. Schon vor Jahrzehnten habe ich den Klang, speziell der Kick und der Snare, von Scientist Tracks analysiert. Nicht um diesen Sound zu kopieren, sondern um zu verstehen, wie und was er da macht. Als sich die Möglichkeit einer Zusammenarbeit bot, war ich sehr dankbar und enorm gespannt was Scientist mit meinen Instrumentals anstellen würde.“

Und, was hat er mit ihnen gemacht? Wie unterscheiden sich seine Dubs von deinen?

Marcel-Philipp: „Scientist machte große Anpassungen am Sound von Kick und Snare. Die Melodika als Lead-Instrument bekommt bei ihm viel Platz und ist im Vergleich zu meinen Dubs viel mehr präsent. Aus technischer Sicht spielt Scientist beim Einsatz vom Delay viel mit dem Feeback und auch die Verwendung des High-Pass Filters ist bei ihm omnipräsent.“

Bleibt das Joint Venture mit Scientist eine Ausnahme, oder planst du auch mit anderen Dub-Meistern zusammenarbeiten?

Marcel-Philipp: „Ich selbst strebe nicht an, bestimmte Sounds zu reproduzieren und lasse mich bei meinen eigenen Mixes von meinem Gefühl leiten. Aus Komponisten-Sicht sind Kooperationen daher sehr interessant und ich würde mich freuen, wenn ich in Zukunft auch mit anderen Dub-Meistern zusammenarbeiten könnte. Ich höre in meiner Freizeit viel Dub-Musik und bin immer wieder bei den Neuerscheinungen sehr positiv überrascht.“

Klingt so, als wärest du jetzt von deinen Instrumentals voll auf Dub umgestiegen?

Marcel-Philipp: „Mein Hauptfokus liegt immer noch auf den Instrumentals, denn ohne diese kann ich keinen Dub produzieren. Die drei Dub Alben sind ein Ergebnis der vielen Instrumentals die ich in den letzten Jahren fertiggestellt habe. Ich freue mich nun aber wieder darauf viele neue Tracks einzuspielen. Also werden von mir als nächstes wieder ein oder mehrere Instrumental-Alben erscheinen, bevor ich dann auch diese in Dubs verwandele.“

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Five Star Review

High Tone Meets Zenzile: Zentone, Chapter 2

Man muss konstatieren: Corona hat auch sein Gutes! Diese beiden (!) Alben, nämlich: High Tone Meets Zenzile – Zentone, Chapter 2 (Jarring Effects). Was für ein fulminantes Dub-Werk! Hervorgegangen aus der deprimierendsten aller Pandemien, fünfzehn Jahre nach dem „Chapter 1“. Offenbar haben die neun Musiker der zwei profiliertesten Dub-Bands Frankreichs es in der Einsamkeit ihrer Homeoffices nicht länger ausgehalten und sich ganz konspirativ für eine Woche in Lyon im Studio eingeschlossen, um – ja unglaublich – von Angesicht zu Angesicht miteinander zu musizieren. Ohne viel Studio-Rocket Science (ganz im Gegensatz zu „Chapter 1“). Statt dessen mit einem einfachen Sound System-Setting, spontan, direkt und improvisiert. Alles, was zählte war der zwischenmenschliche Vibe. Das Ergebnis ist atemberaubend. Zwei Alben voller fantastischer, inspirierter Kompositionen mit insgesamt 22 Tracks, die vor Wärme, Intensität und echter Schönheit nur so strotzen. Katalysator dieser Qualität war offenbar die pure Lust an der persönlichen Begegnung – vielleicht gepaart mit ein paar während der Lockdowns angestauten musikalischen Ideen aller Beteiligten. Substanz statt Effekt lautete das Motto. Alle Tracks wurden live produziert und anschließend auf analogen Konsolen gemixt. Der Sound ist warm, komplex und voller Dynamik. Hier stimmt einfach alles. Und natürlich passt zu solch einem Ansatz die Einbeziehung von Sängern. Ja, tatsächlich! Ich bin eigentlich Dub-Purist, aber hier liefern Nai-Jah, Nazamba, Jolly Joseph und Rod Taylor einen absolut essenziellen Beitrag zur musikalischen Vielfalt, ohne dabei den Dub-Vibe auch nur im Geringsten zu schmälern. Ihre Performances – vor allem Nai-Jahs und Nazambas – sind einfach grandios.

Okay, jetzt muss aber noch die Geschichte mit den zwei Alben aufklärt werden: Zenzile und High Tone haben während ihrer Woche in Lyon insgesamt zehn Rhythms aufgenommen. Zenzile hat sich anschließend alle zehn Stück vorgeköpft, gemixt und zu einem Album zusammen gestellt, das als CD oder Download gekauft werden kann. High Tone hat sich hingegen nur die vier Rhythms vorgenommen, für die ein Sänger aufgenommen wurde und präsentiert sie im Showcase-Style: Vocal-Version, Instrumental-Version, Dub-Version – und kommt so auf zwölf Tracks, die als Doppel-Vinyl angeboten werden (sie könne aber auch als Download erworben werden). Um die Sache jetzt aber schön kompliziert zu machen, gibt es noch eine Streaming-Variante. Diese besteht aus den zehn Zenzile-Mixes sowie den vier Vocal-Versions von High Tone. Alles klar?

Echte Dub-Nerds werden die Mixes natürlich miteinander vergleichen und feststellen, das High Tone traditioneller ans Werk geht und mit seinen Mixes auf den Sound System-Einsatz zielt, während Zenzile zu etwas verspielteren, Sofa-kompatiblen Ansätzen neigt. Ich kann mich aber gar nicht entscheiden, was mir besser gefällt – deshalb höre ich stets beide Alben hintereinander.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Review

Kanka: My Bubble

Bass is the Base of Dub! Eine ebenso simple, wie evidente Tatsache. Klar: Bass ist natürlich nicht alles (aber alles ist im Dub ohne Bass nichts!). Aber Bass macht – zumindest bei mir – mindestens fünfzig Prozent dessen aus, was ich an Dub liebe. Alles andere muss sich die verbleibenden Prozent teilen. Und deshalb bin ich ein Fan von Kanka, jenes bescheidenen französischen Dub-Nerds, der seine Musik regelmäßig kostenlos zum Download anbietet. Kanka ist DER Mann des Basses. Abgesehen von Alpha & Omega kenne ich keinen Dub-Artist, der so tonnenschwere Basslines produziert, wie er. In seiner Musik ist Bass die alles durchdringende dunkle Materie. Alles existiert IM Bass, nicht daneben, darüber oder darunter. Der Bass ist allumfassend. Nun ist mit „My Bubble“ sein neues Album erschienen. Ich rate dazu, es auf einem guten HiFi-System – am besten mit voluminösem Subwoofer – anzuhören, die Massage der Eingeweide zu genießen und auch dann nicht abzuschalten, wenn der zu Notreparaturen herbei gerufene Statiker bereits in der Tür steht. Noch besser ist es natürlich, Kanka in einem Live-Soundsystem zu erleben. Der kleine Mann steht in stoischer Ruhe hinter seinem Mischpult, nie hebt sich sein Blick ins Publikum, nie spricht er auch nur ein Wort. Aber die Musik, die er durch die Lautsprechertürme schickt, bringt die Erde zum beben. Der Titel des Albums, „My Bubble“ macht schon klar, dass nur wir Hardcore-Dub-Nerds, Kankas Zielgruppe sind. Wir, die wir mit ihm in einer Dub-Filterblase stecken und diese Art von Musik zu genießen wissen. Ich gebe zu, dass seine Musik keine Raffinesse besitzt, dass sie keine frischen Ideen enthält und an Minderkomplexität grenzt. Geschenkt. Aber ich schätze das, was aus dem Verzicht all dieser Zutaten erwächst: Eine absolute Konzentration auf das Wesentlich: Bass & Rhythmus. Die Wirkung ist hypnotisierend. Ein Trance-Ritt durch die Abgründe der dunklen Materie. Das Album gibts bei odgprod.com zum kostenlosen Download.

Bewertung: 4 von 5.

Kategorien
Review

Roots Organisation: Stricktly Recreational

Ich habe es ja schon so oft gesagt: „Instrumentaler Reggae ist ein gigantischer, supranationaler, omnipräsenter Über-Hype!“ Ehrlich! Hier haben wir wieder ein perfektes Beispiel dafür: „Stricktly Recreational“ von der Roots Organisation. Und wieder kommt dieses Bläser-getriebene, fulminante Werk aus den Alpen – wie zuletzt die „Winds of Matterhorn“. Doch anders als die Winde, verortet sich die Wurzel-Organisation mehr im Klangspektrum des Jazz – was immer auch einwenig nach Ska klingt, obwohl die EP frei ist von entsprechenden Rhythmen. Als Produzent zeichnet aDUBta verantwortlich. Er nahm die neunköpfige Band im Grazer Stressstudio live auf – was hilft, den Sound zu erklären. Da ich Blechbläser im Reggae und insbesondere auch im Dub sehr mag und auch viel mit deren Soli anfangen kann, gefällt mir die EP ausnehmend gut. Der Sound ist luftig, die Arrangements äußerst abwechslungsreich und das Tempo beschwingt. Der Mix vermittelt sogar gelegentlich dezent ein wenig Dub-Appeal. Nice.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Ksanti & Owl Trackers: Time Lapse

Die meisten Dub-Alben gehorchen einer durchgehende Stilistik – vom ersten bis zum letzten Track. Ist das Logic-Pro-Setting ein mal gefunden, kann es von Track zu Track kopiert werden. Das Kollaborationsprojekt der beiden Produzenten Ksanti & Owl Trackers: „Time Lapse“ bricht mit diesem Muster und gleicht vielmehr einer Reise durch verschiedene Stile, musikalische Einflüsse, Stimmungen und Tempi. Das Spektrum reicht von sanftem Steppers, über indische Einflüsse bis zu Lo-Fi- und Electro-Dub. Und das in nur vier Tracks (und einem Zwischenspiel)!

Bei Ksanti & Owl Trackers handelt es sich um zwei französisch Produzenten. Ksanti ist ein Dubmaker aus Bordeaux, mit Vorliebe für progressiven Steppers und musikalischen Experimenten in Richtung Electro, Chill und manchmal Lo-Fi Sounds. Owl Trackers ist hingegen ein Dubmaker aus der Pariser Region, der Dub mit Electro-, Trip-Hop- oder Techno-Einflüssen verbindet und zu faszinierenden Sound-Landschaften verwebt.

„Time Lapse“ führt uns im Zeitlupentempo durch diese Landschaften. Die Dubs strahlen eine ungemein kontemplative Ruhe aus während zugleich ein Gefühl der Erhabenheit entsteht, mit dem wir auf die Schönheit der imaginären musikalischen Landschaft blicken. Klingt etwas schwülstig, macht aber – wenn man sich darauf einlässt – den großen Reiz dieser vier Tracks aus. Hört mal rein. Der Download ist kostenlos.

Kategorien
Five Star Review

Late Night Tales Presents Version Excursion Selected by Don Letts

Wir Dubheads leben in unserer kleinen, hermetischen Dub-Blase und feiern unser very, very special interest Sub-Genre als den Nabel der Welt. Einen Nabel, dessen Existenz 99,999999 Prozent der Menschheit allerdings noch nicht einmal erahnen. Im Vergleich zu Rock, Pop und Hip Hop lebt die Musik, um die wir Zeitlebens kreisen, absolut in Verborgenen. Geradezu zynisch ist diese Unbekanntheit angesichts der Tatsache, dass die Abkömmlinge von Dub, wie z. B. Discomixes, Remixes oder Bass Music, längst Teil des Mainstreams geworden sind. Aber was soll’s? Solange es noch Musiker und Produzenten gibt, die unsere Blase mit Nachschub versorgen, kann es uns ja egal sein, ob die Welt da draußen Notiz von uns nimmt. Und doch … Irgendwie regt sich der Missionar in mir: „Hey Leute, hört euch das hier mal an. Es wird euer Leben verändern!“. Na, ja, man wird träumen dürfen. Aber in der Tat eröffnet sich gerade eine fantastische Chance, zwar nicht dem Mainstream, aber doch musikinteressierten Menschen außerhalb unserer Blase einen Blick auf die Schönheit von Dub zu gewähren: „Late Night Tales Presents Version Excursion Selected by Don Letts“. Late Night Tales ist eine Compilation-Reihe, die seit 2001 Artists und DJs einlädt, tief in ihre persönliche Sammlung einzutauchen und den „ultimate late night mix“ zu kuratieren. Vor 20 Jahren war das ein komplette neues und äußerst beliebtes Konzept. Wir erinnern uns z. B. an die äußerst populäre KJ Kicks-Reihe, oder an die legendären Fabric-Compilations. Was diese CD-Serien damals so interessant machte: Mit aufwändigem Marketing richteten sie sich an ein aufgeschlossenes Musikpublikum und ermöglichten den versammelten Genre-Produktionen eine unvergleichliche Reichweite. Im Spotify-Zeitalter ist das vielleicht nicht mehr ganz so bedeutsam – funktioniert aber immer noch. Deshalb ist es schon etwas ganz Besonderes, wenn eine Serie wie „Late Night Tales“ (laut GQ der „Rolls Royce unter den Serien“) den DJ, Radio-DJ und Filmemacher Don Letts einlädt, ein Dub-Album zu kuratieren.

Wer, wenn nicht Don Letts, wäre der perfekte Mann, um dieses missionarische Crossover anzuführen, steht er doch seit je her für die Mischung diverser Musikkulturen und Dub. “A disciple of sound system, raised on reggae n’ bass culture my go to sound was dub. Besides being spacious and sonically adventurous at the same time, its most appealing aspect was the space it left to put yourself ‘in the mix’ underpinned by Jamaica’s gift to the world – bass. But that’s only half the story as the duality of my existence meant I was also checking what the Caucasian crew were up to not to mention the explosion of black music coming in from the States.“ Erläutert Don Letts seinen musikalischen Hintergrund und fährt fort: „That’s why „Late Night Tales Presents Version Excursion“ crosses time, space and genre, from The Beach Boys to The Beatles, Nina Simone to Marvin Gaye, The Bee Gees to Kool & The Gang, The Clash to Joy Division and beyond. You’d think it impossible to draw a line between ‚em? But not in my world. Fortunately, the ‘cover version’ has played an integral part in the evolution of Jamaican music and dub covers were just a natural extension.”

Was für eine coole Idee! Da Dub – zumindest in Letts Auffassung – Remix bedeutet, offeriert er hier ausschließlich Versions von Songs, die außerhalb des Reggae entstanden sind. Ein starkes Konzept, das nicht nur ästhetisch eine Runde Sache, sondern ideal geeignet ist, ein Mainstream-Publikum außerhalb des Reggae anzusprechen.

Ja, Don Letts ist der Missionar, der ich gerne wäre. Sich seiner Chance bewusst, begnügte er sich zudem keineswegs damit, eine schnöde Titelliste bei Late Night Tales einzureichen, sondern macht aus seiner kleinen Dub-Ausstellung ein richtiges Meisterwerk, indem er das Remix-Prinzip von Dub nicht nur zum Prinzip seiner Auswahl an Cover Versions, sondern auch zum Prinzip seiner Präsentation machte. Deshalb sind 13, seiner 21 Tracks „Exclusives“, also Remixe, bzw. Re-Dubs historischer Produktionen, die von Leuten wie Mad Professor, Scientist oder Dennis Bovell erstellt wurden.

Tja, der Mann ist konzeptverliebt – bin ich aber auch und kann daher seine Late Night Tales Version Excursions nur in den höchsten Tönen loben. Da die ganze Sache mit ordentlichem Budget und viel Marketing und aufgezogen wird, gibt es auch ein unterhaltsames Video, in dem Letts die Kriterien seiner Auswahl erläutert und ein paar Anekdoten zu den einzelnen Titeln zum Besten gibt. Cooler Typ und reichlich eloquent. Ein geborener Ambassador of Dub.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Review

Dubvisionist: Treasures from the Harddrives

Bei neuen Arbeiten vom Dubvisionist werde ich reflexartig neugierig, denn Dubs von Felix Wolter würde mir der Netflix-Algorithmus mit mindestens „98 % Übereinstimmung“ vorschlagen. Die Trefferquote liegt also bei der von Biontech. Zum Glück hat der Hannoveraner Dub-Produzent einen steten Output-Pegel an qualitätsvollen Dubs – und das bereits seit den 1980er Jahren. Er und ThaiGrr gründeten damals The Vision, eine wegweisende deutsche Reggae-Band, deren Aufnahmen die Grundlage einiger fantastischer Dub-Alben waren, die Felix im Laufe der Jahre schuf. In jüngerer Zeit lieferte er viele überzeugende Dub-Mixes im Auftrag von Echo-Beach.

Nun hat der Dub-Wizzard in seinen Archiven gestöbert und mit „Treasures from the Harddrives“ zehn spannende und trotzdem bisher unveröffentlichte Dubs zu Tage gefördert. Warum sie bis jetzt eine rein virtuelle Existenz zu fristen hatten, erscheint beim Hören völlig unverständlich, denn sie sind in jeder Hinsicht vorzeigenswert. Ich bin begeistert vom Sound (der Meister versteht sein Mastering), von den Arrangements und natürlich den Mixes. Vor allem aber vom Abwechslungsreichtum der Track-Auswahl. Vielleicht ist das ja ein Bonus, der sich automatisch Einstellt, wenn Aufnahmen aus unterschiedlichen Kontexten kompiliert werden. Die Leistung besteht dann aber zweifellos darin, dafür zu sogen, dass alles trotzdem wie aus einem Guss klingt. Der Dubvisionist hat diese Herausforderung mit Bravour absolviert.

Lange Rezi, kurzer Sinn: Mir gefällt das Album ausnehmend gut. Während manche Alben vor allem durch Atmosphäre und Sound überzeugen und für eine Existenz im Hintergrund prädestiniert sind, bieten sich die „Treasures“ von Felix dem bewussten Zuhören geradezu an. Highly entertaining – 98 % garantiert.

Bewertung: 4.5 von 5.

Kategorien
Review

Indica Dubs Meets Vibronics: Highest Principles of Dub

„The Highest Principles of Dub“ – ich muss gestehen, dass mich dieser Titel absolut catcht. Ein Album, dass diesen Titel trägt, muss gehört werden! Hier geht es ums Prinzip – ums Dub-Prinzip. Also nicht nur um ein paar nette Dubs, sondern um etwas Grundlegendes. Um etwas, das Dub im Kern ausmacht. Und mal ehrlich: Wollen wir das nicht alle wissen? Natürlich kennen wir die Ingredienzien von Dub bestens und wir können in der Regel auch genau sagen, welcher Dub uns gefällt und welcher nicht. Wir können es sogar begründen – meist mit Geschmacksurteilen wie „Ich mag keine schlappen Basslines“. Aber wissen wir, warum Dub uns so fasziniert? Warum wir uns so viel davon anhören? Warum wir Plattenregale und virtuelle Mediatheken damit vollstellen? Ja, warum wir in unserer Lebensspanne viel, viel Geld darin investiert haben? Nein, das wissen wir nicht. Der Ursprung unserer Leidenschaft bleibt uns unbekannt, bleibt ein Mysterium. Kann uns „Highest Principles of Dub“ von Indica Dubs Meets Vibronics erleuchten? Kann uns dieses Werk zum Grundsatz von Dub führen, der uns endlich erkennen lässt, was Dub ausmacht und worin unsere Leidenschaft ihren Ursprung hat? Nun, wer auf soliden Soundsystem-Dub steht, der könnte hier zu einer Erkenntnis gelangen, denn die hier dargebotenen14 Dub-Prinzipien zeigen, wo im Sound System der Hammer hängt. Sukh – ehemaliger Protegé von Dougie Conscious – hat sich mit eben diesem zusammen getan und die Prinzipien formuliert. Logisch, dass es dabei nicht um Variationen und aktuelle Moden geht, sondern ums Grundsätzliche. Deshalb haben wir es mit ultra orthodoxem UK-Dub zu tun – um nicht zu sagen: mit Steppers! Ich weiß, dass Steppers hier im dubblog zuweilen ein Reizwort ist. Sorry! Aber STEPPERS muss so sein wie hier bei Sukh und Dougie: Hart, straight, kompromisslos, tief und schnell. Aber mit Augenmaß! Die beiden übertreiben es nämlich nicht. Die Struktur bleibt klar erkennbar, es gibt Melodien und Arrangements  – und ja, sogar dem Mix wohnt eine gewisse Dramaturgie inne. Zwar weiß ich immer noch nicht, warum ich Dub liebe – aber ich weiß das ich diese Dubs liebe.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Interview

Interview with the International Observer

Your artist name: International Observer
Your real name: Tom Bailey
You live in: Aotearoa New Zealand
Title of your last album: Bat

What is your personal definition of dub?
Dub has become a broad field of activity, which is only right for an experimental form, but I do value a connection to the early
old school attitudes and ideas.

What makes a good dub?
Deconstruction and subversion. The radical element must be present with the narcotic/soporific.

Which aspects of dub music fascinate you the most?
The rebellious spirit which refuses to accept the mainstream version of song/reality. There’s also something shamanistic about the mind altering aspects.

How did you discover your passion for dub and how did you develop yourself and your music since then?
My first experience of dub was „Garvey’s Ghost“. By chance I got to know it before encountering the original „Marcus Garvey“ album, so my mind was blown twice in reverse order!

What or who had the biggest influence on you?
In the late seventies I followed a London sound system called The Mighty Observer who demonstrated the radical use of bottom end in a live situation. That began a love affair with large surface area of bass bins and the righteous music coming out of them.

How would you describe your style of dub?
That’s for others to say, but I don’t feel confined to any one approach.

What does your process of creating a dub track look like?
Generally I pick an arbitrary starting point and improvise until something interesting arises, then I pursue it to see if something can be grown out of that idea. That can take minutes, hours or days. There’s no fixed pattern.

When are you satisfied with a dub track you produced?
Sometimes never, but you have to move on before overworking a good idea.

Dub doesn’t need a vocal original.

What is most essential when producing dub music?
Love of dub.

Does a Dub need a vocal original to be a good dub?
No

Which one of your albums do you consider your best work up until now?
Not for me to say.

What aspects of your job do you enjoy the most?
Everything.

What annoys you in the studio?
Timewasting

When you’re not working on dubs, what is your favorite thing to do?
Meditation.

What do you listen to besides dub music?
Everything I hear. From inane pop to classical masterworks to birdsongs.

My greatest musical role model? J. S. Bach!

If money and time didn’t matter: Which music project would you like to realize?
Money and time don’t matter.

What do you prefer: Studio work or sound system performance?
I love the occasional sound system gig, but it’s really the days
spent in the studio which are most interesting and rewarding. Something compels me to go in and do it.

What is your greatest musical role model and why?
J. S. Bach, for the contrapuntal basslines

Is there a sound system that you particularly appreciate?
Memories of the Mighty Observer are strong.

What are your personal top 5 dub albums?
I’m writing to you on the day that Lee Perry has died so I’d like to say something about him. I was lucky to cross paths with him on a couple of occasions. Once, playing keyboards on his History, Mystery and Prophesy album. That was an intense session at Compass Point studio in Nassau. The legend is that he had fallen
out with Chris Blackwell, but the fact that he was happily working in Blackwell’s studio doesn’t support that. Perry was a a flamboyantly eccentric artist, so it was all to easy to misunderstand him, but his track record and influence are remarkable. I think one of his main motivations was simply to bring reggae music to the world.

Much later, I toured with him and Mad Professor in Australasia. His eccentricity had reached spectacular heights by then and some of my strongest memories are of mundane things like going through airport security with him. He seemed to love setting off alarms – and that’s a great metaphor for his work in general. So, although I love so many of the early dub artists, today I would choose any five albums by Lee Scratch Perry, the upsetter.

Kategorien
Review

The Archives: Carry Me Home Dub

Vor einem Jahr erschien das viel beachtete Original „Carry Me Home: A Reggae Tribute to Gil Scott-Heron and Brian Jackson“ von The Archives. Eine Big Budget Produktion von Eric Hilton (eine Hälfte der Thievery Corporation) und Darryl “Trane” Burke. Superb eingespielter, aufgenommener und vermarkteter Reggae-Retro-Sound. Die Dub-Version war da nur eine Frage der Zeit. Nun liegt sie vor: „Carry Me Home Dub“ von The Archives (Montserrat House). Das Big Budget ist bei jeder Note zu hören. Da stimmt soundtechnisch einfach alles. Und ja, es ist natürlich auch echter Dub, obwohl nicht selten auch Vocals zu hören sind. Aber mit Sound System-Nächten hat die Musik nichts zu tun. Sie will sonntags morgens beim Frühstück gespielt werden, oder beim gepflegten – aber coolen – Dinner. Es handelt sich um „niveauvollen“ Dub, geschmackssicher und stilvoll. Aber allzu oft, wohnt „niveauvollen“ Werken auch ein Quäntchen Langeweile inne. Alles ist kalkuliert, angemessen und ausgewogen, reflektiert und intellektuell. Es fehlt schlicht an dem, was Spaß macht: An harten Kontrasten, an überraschenden, manchmal disruptiven Ideen, an Mut und Waghalsigkeit. Deswegen weiß ich nicht so recht, wie ich das Album bewerten soll. Es ist zweifellos absolut hochwertig, aber viel Spaß habe ich beim Hören nicht. Puh! Vielleicht fehlt mir einfach das Niveau.

Bewertung: 3 von 5.