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Crucial Rob: Dreadlocks on the Battlefield

Manchmal ist die Zeit einfach reif. Dann braucht man eine Steppers-Dröhnung. Und zwar so richtig. Insbesondere jetzt wo man zu Hause versauert und Sound Systems sich im Lockdown befinden. „Tailored for the Soundsystem, this EP is just waiting for the return of those evenings that we miss so much“, schreibt Culture Dub, womit das französische Label mir aus dem Herzen spricht. Die Rede ist hier übrigens von der EP „Dreadlocks on the Battlefield“, zusammengehämmert von Crucial Rob. Der Titel passt perfekt, denn wir hören hier wahrlich den Sound schwersten Geschützes. Der Franzose macht definitiv keine Gefangenen. Stoisch stampft die Bassdrum durch die Tracks und der Bass wummert im Hintergrund. Wie Schrapnell fliegen überall synthetische Sounds durch den Raum, schallen von den Wänden zurück und verlieren sich schließlich in der Unendlichkeit. Es gibt sogar kleine rudimentäre Melodien, die als Synthie-Plankton durch die basschwere Atmosphäre schweben. Die eigentlichen Stars dieser Tracks sind allerdings die Percussions. Geradezu virtuos treiben Sie in vertrackten Mustern den Beat voran.
Auf der EP gibt es insgesamt neun Tracks zu hören, die auf drei Rhythms basieren. Es gibt also: Instrumentalversion, Dub 1 und Dub 2. Klingt minimalistisch? Ist es auch, kommt aber der hypnotischen Wirkung der EP massiv zugute. Kurz: Crucial Rob hat Sound System-Dub verstanden. Dunkel, minimalistisch, hart, magisch – so muss er sein.

Wer Crucial Rob kennen lernen möchte, schaue sich dieses (etwas langatmige) Video-Porträt an, das auch sehr schön verdeutlicht, für welchem Kontext Robs Musik gemacht ist.

Bewertung: 4 von 5.
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Winds of Matterhorn

Ich habe den Eindruck, dass Reggae-Instrumentals gerade ein Revival erleben. Man denke nur an die letzten Veröffentlichungen von Clive Hunt, den Roots Makers, Addis Records oder z. B. an die schöne Gregory Isaacs-Hommage von Megumi Mesaku. Nicht selten spielt dabei die Brass-Section eine große Rolle. So auch bei dieser beeindruckenden EP aus den Schweizer Bergen: „Winds of Matterhorn“. Mit einem Umfang von nur vier Titeln handelt es sich ja eigentlich um eine 12“-Single. Bekanntermaßen sind solche kurzen Formate für den dubblog nicht von Interesse. Aber in diesem Fall müssen wir eine Ausnahme machen. Denn die vier Tracks wiegen ein komplettes Album auf. Mit Schweizer Präzision produziert, handelt es sich keineswegs nur um Rhythms, die eigentlich als Song-Backing aufgenommen wurden, sondern um komplett durch komponierte instrumentale „Songs“. In anderen Musikstilen, wie Jazz, eigentlich eine Selbstverständlichkeiten, im Reggae aber leider weitgehend in Vergessenheit geraten. Deshalb sind wir bei den Winds of Matterhorn auch meilenweit entfernt von den typischen Dub-Instrumentals bei denen ein Soloinstrument (wie zum Beispiel die Melodica) gänzlich ohne Bezug zum vorproduzierten Rhtyhm ein uninspiriertes Soloding durchzieht. Es ist ganz offensichtlich dass die Tunes von Winds of Matterhorn von vorne herein als Instrumentals geplant, komponiert und ausgeführt wurden. Eine Funktion als Vocal-Backing war nie intendiert. Die Arrangements sind gleichermaßen kunst- wie kraftvoll und folgen einer cleveren Dramaturgie. Instrumental-Soli und Rhythmus sind eng miteinander verwoben, als führten sie einen innigen Dialog. Es gibt ordentliche Kontraste: Sensible, ruhige Passagen prallen auf eine Wall of Sound und die eleglischen Klänge von Flöte und Cello treffen auf schmetternde Bläsersätze. Langeweile kommt hier nicht auf.

Hinter den Winds of Matterhorn stecken Posaunist Matteo D’Amico und Produzent Jean-Baptise Bottliglieri, sowie eine ganze Reihe anderer versierter Musiker. Denn nach alter Manier, wurden hier alle Instrumente von Hand eingespielt. Der Sound ist schlicht fulminant, maximal dynamisch und einfach betörend. Das einzige Manko: Vier Tracks sind viel zu wenig. Wann kommt das Album? Bis dahin tröstet uns die Erkenntnis: Die europäischen Wareika Hills liegen in den Schweizer Alpen.

Bewertung: 4.5 von 5.
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HabooDubz: Obudubz

Als hätten alle nur auf den Frühling gewartet, purzeln in den letzten Wochen massenweise spannende Dub-Produktionen herein. Vielleicht ist es aber auch nur die Ausbeute von inzwischen mehreren Monaten Home-OfficeStudio.

Dieses Album bereitet mir zur Zeit jedenfalls die meiste Freude: „Obudubz“ (Culture Dub) von HabooDubz. Ja, da verwechselt man schnell mal Artist- und Albumname. Hinter dem niedlichen HabooDubz – der Name würde gut als Titel für ein Kinderbuch taugen – steckt der Globetrotter Gabor Polaak. Er wurde in Budapest musikalisch sozialisiert, ist nach Manchester ausgewandert, dann nach London gezogen, anschließend nach Kambodscha emigriert, ausgiebig durch Mexiko gereist und schließlich in die ungarische Heimat zurückgekehrt. Bei seiner Weltumrundung hat er mannigfaltige musikalische Einflüsse aufgesaugt, die nun, beim Dub-Produzieren wieder raus müssen und seiner Musik diesen wunderbaren kosmopolitischen Flair verpassen. Eigentlich handelt es sich um Worldmusic inna Dub-Style. Im wahrsten Sinne: Heavy Bass und Steppers bilden meist die solide Basis, auf der dann exotische Instrumental-Sperenzchen aufbauen. Klingt nach klassischem Muster, doch Polaaks Kunst zeichnet sich gerade durch die organische Verbindung der beiden Ebenen aus. Ihm gelingt es genau das zu vermeidet, was wir beim Dub nicht selten zu hören bekommen: Ein 0815-Beat und darüber, völlig losgelöst, eine Melodica (oder ein anderes stereotypes Solo-Instrument). Das Gegenteil ist bei HabooDubz der Fall: In virtuosen Arrangements fusionieren exotische Harmonien und Rhythmusbasis zu hochspannenden Musik-Trips, denen sich wunderbar analytisch zuhören lässt, die aber auch ordentlich in den Körper fahren und Bewegungsdrang auslösen. Um die faszinierenden World-Sounds nicht auf exotische Melodien oder Samples zu beschränken, fügt Polaak oft typische Percussions hinzu oder setzt ungewöhnliche Melodieinstrumente rhythmisch ein. Nicht zuletzt sorgt auch der Mix dafür, dass die Tracks einer regelrechten Dramaturgie folgen, die stets für überraschende Wendungen und Stimmungswechsel sorgt. Das Beste zum Schluss: Da der ungarische Kosmopolit der Welt Gutes tun will, bietet er seine brillante Musik über die Culture Dub-Seite bei Bandcamp kostenlos zum Download an. Verrückt, aber äußerst sympathisch.

Bewertung: 4.5 von 5.
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The Dub Chronicles: Simba (Return to the Throne)

Im beständigen Flow an Dub-Sounds aus aller Welt, gibt es gelegentlich Produktionen, die ragen heraus wie riesige Felsbrocken. Eine flüchtige Sneak-Preview genügt, um zu wissen: Wow, das hier ist etwas Besonderes. Ein solcher Fels ist das neue Album der Dub Chronicles: „Simba (Return to the Throne)“ (Brothers in Dub). Was für ein Sound! Tight, crisp & heavy. „Two soldiers creating the soundscapes of an entire army“ – wie sich die beiden Brüder aus Toronto selbst beschreiben. Wer sich die Youtube-Videos anschaut, in der Jonathan und Craig Rattos in einsamer Zweisamkeit stoisch ihre Riddims einspielen, fragt sich in der Tat, wie dieser Army-Sound mit so geringen Mitteln erzeugt werden kann. Craig spielt Schlagzeug und Jonathan sitzt hinter einem Keyboard, auf dem er Piano, Orgel, Melodica und – man glaubt es kaum – sogar Bass spielt.


Die Brüder aus Toronto befinden sich seit dem Erscheinen ihres Albums „Kingston“, 2018, in meiner Wahrnehmunssphäre. Ein Jahr später folgte dann „The TakeOver“, über das ich begeistert schrieb, es atme den Jazz-Vibe mit jeder Note. Nun ist mit „Simba“ das dritte Album der Brothers in Dub erschienen und überragt die beiden Vorgänger – und das, obwohl einige der Simba-Tracks auf den Aufnahmen von „The TakeOver“ basieren. Hier wie dort ist der Jazz-Vibe prägend, ebenso wie die schönen Instrumentalmelodien. Aber die Arrangements auf „Simba“ wirken noch „reicher“ und harmonischer und der Sound noch dynamischer. Vielleicht liegt das auch am dritten Rattos-Bruder, Ryan, der hier als Gastmusiker das Gitarrenspiel beigesteuert hat. Anders als bei den Vorängeralben, gibt es auf „Simba“ zudem vier Vocal-Tunes, die sich jedoch wunderbar in den Instrumental-Sound eingliedern und das Gesamtwerk ihrerseits mit äußerst schönen Melodien bereichern. Das Album ist übrigens ein Showcase. Die zweite ist die Dub-Version der ersten Hälfte – gemixt von Casey Burnett. Interessant, aber nicht unbedingt zwingend. Das einzige, was aber wirklich mißlungen ist: Das Cover! Ein Löwe (mit Krone!) im Abendrot vor dem Mount Meru? Okay, „Simba“ wurde inspiriert durch eine Kenja-Reise von Jonathan (und bekanntermaßen bedeutet „Sima“, Löwe). Aber ist es wirklich sinnvoll, die eigenwillige Musik des Trios in solch einem visuellen Klischee zu verpacken?

Bewertung: 4.5 von 5.
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Fatman Riddim Section Meets the Lickshots: Big Man Sound

Wie schön, „African Beat“ mal wieder in einer richtig amtlichen Reggae-Version zu hören. Die Melodie dieses – im Original von Bert Kaempfert komponierten – Instrumentals gehört zu meinen absoluten Lieblingen. Überhaupt könnte ich die klassischen (meist dem Studio One entsprungenen) Riddims ständig hören. Machen wir uns nichts vor: Die Basslines u. a. von „Heavenless“, „Real Rock“, „Bobby Babylon“, „Full Up“, „Drum Song“, „Rockfort Rock“, „Swing Easy“, „My Conversation“ sowie die kleinen, dazugehörigen Orgelmelodien oder Bläsersätze sind bis heute unübertroffen (wenn wir Sleng Teng mal ausklammern). Wer, wie ich, so viel Spaß an den alten Kamellen hat, kann nun jubeln, denn die legendäre Fatman Riddim Section hat im Zusammenspiel mit den Lickshots eine überaus charmante EP vorgelegt, die sich fünf klassischen Hit-Riddims inna Dub-Style widmet: „Big Man Sound“. Die Fatman Riddim Section kennen wir noch aus unzähligen Produktionen der 1970er Jahre – vor allem aber als Teil der Inner Circle Band. Vom einstigen Trio scheint jetzt allerdings nur noch Gitarrist Roger Lewis aktiv zu sein. Bei den Lickshots handelt es sich hingegen um eine ehemalige Ska-Band, die schon vor einigen Jahren mit ihrem superbem Album „The Lickshots“ den Weg zum Reggae gefunden hat. Eine ungewöhnliche, aber offenbar kongeniale Kombination. Die Big Man Sound-EP ist jedenfalls eine überaus gelungene Hommage an die goldene Ära des Reggae – wenn auch mit den fünf Tracks leider im Miniaturformat. Sauber produziert, instrumentiert und eingespielt und ganz klassisch im Dancehall-Style Dub-gemixt. Es gibt sogar ein wenig Minimal-Toasting wie in den Zeiten von King Stitt – hier ist allerdings Micro Don (vom New Yorker Rice and Peas-Kollektiv) für die Ansagen verantwortlich. Niceness all around!

Bewertung: 4.5 von 5.
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Alpha Steppa: #streetdub, Vol. 1

Bekanntermaßen ist Dub keine Live-Musik. Trotzdem ist es möglich, Dub-Tracks spontan auf der Straße zu produzieren, oder in einer Bergbahn, oder auf einer grünen Wiese, oder im Auto oder oder in der U-Bahn, oder … Ben Alpha hat daraus ein Konzept gemacht: „Meine Idee war es, mich und die Artists aus der Komfortzone – also dem Studio oder der Bühne – herauszuholen und zugleich eine Art musikalisches Tagebuch zu schreiben.“ erklärt er, „Deshalb nahmen wir das Album live auf den Straßen von Großbritannien, Frankreich, Mexiko, Spanien, den USA, Irland und der Tschechischen Republik auf.“ Wie das von Statten ging, lässt sich auf dem Youtube-Kanal von Steppas Records verfolgen. Noch diese Woche wird dort Folge 50 der Streeddubs erscheinen.

Das Album „#streetdub Vol. 1“ ist nun eine Sammlung von 23 (!) so entstandener Dubs. Es handelt sich im engeren Sinne nicht um ein reines Dub-Album, denn neben Dubs von Ben und seiner Tante, sind vor allem viele Vocals zu hören, u. a. von Ras Tinny, Nai-Jah, Awa Fall, Fikir Amlak, Ashanti Selah u. a. Logischerweise wurden die Stücke nicht auf den Straßen komponiert und eingespielt. Die Backings waren bereits vorhanden und sind größtenteils von den Alpha Steppa-Studio-Alben bekannt. Lediglich das Voicen und der Live-Dub-Mix geschah an der frischen Luft. Manchmal auch die Aufnahme zusätzliche Instrumente, wie z. B. Violine, Trompete, Gitarre und Harfe von Dubzoic & The Mariachis. Auch reine Unplugged-Dubs (nur Querflöte und Gitarre) sind zu hören.

Nicht alles klingt auf Studio-Sound-Niveau, dafür aber wird man oft mit schöner Szenerie im Hintergrund entschädigt – oder aber dem grauen Bild des urbanen Alltags. In den Videos sind die Lyrics übrigens untertitelt – durchaus hilfreich. Mit dem großartigen Effekt, dass die oft kämpferisch-sozialkritischen Texte auf der Live-Bühne einer realen Stadt eine frappierende Bedeutungsintensität entwickeln. „Wir nutzen die Videos als Gelegenheit, um Themen zu beleuchten, die für uns wichtig sind.“ sagt Ben, „Es ist eine Art Dub-Aktivismus.“ Erstaunlich, dass sein Konzept allein durch die Verschiebung des Kontextes, weg von der Bühne hinein ins reale Leben, so brillant aufgeht. Deshalb – so ehrlich muss man sein – sind die Videos das Original und das vorliegende Album „nur“ die Kopie. Aber die kann man, anders als die Videos, auch konsumieren, während man einen Blog-Artikel schreibt.

Bewertung: 4 von 5.
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Zion Train: Illuminate in Dub

Das ist sie nun – wenn auch nicht mehr taufrisch –, die Dub-Version des neuen Zion Train-Albums aus dem letzten Jahr: „Illuminate in Dub“ (Universal Egg). Kann ein gutes Zion Train-Album durch ein Dub-Reworking noch besser werden? Im Fall von „Illuminate in Dub“ fällt meine Antwort eindeutig aus: Ja, kann es. Okay, wir verlieren hier einen Großteil der durchweg guten und engagierten Lyrics des Originals, aber dafür gewinnen wir deutlich mehr musikalische Prägnanz. Das mag an dem Dub-Mixdown und besserem Mastering liegen, vor allem aber natürlich daran, dass hier – anders als bei der Vocal-Version – die Musik vom „Backing“ zum „Fronting“ wird. Neil Perch hat hier keine Dekonstruktion und minimalistischen Dub-Neuaufbau betrieben, sondern hat die Komplexität der Tunes weitgehend bewahrt. Der Präsenz-Effekt entsteht lediglich aus der Verschiebung des Fokus auf die Musik und den dynamischeren Klang. „Illuminate in Dub“ ist also keine Neuerfindung, sondern ziemlich nah am Original gebaut – und trotzdem besser. Zumal die meist grandiosen Hooklines der Vocal-Versions auch im Dub zu hören sind.

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

Sumac Dub: Ex-Home Session

Selten habe ich so viel Zeit zuhause verbracht, wie in den letzten Wochen. Corona sperrt uns in unseren Wohnungen und Häuser ein. Diese Klausur ist quälend, kann aber auch Quell großer Kreativität sein. Auf Tom Dorne aka Sumac Dub scheint das zuzutreffen, denn er hat gerade eine herausragende, wunderschön melancholische EP mit dem vielsagenden Titel „Ex Home-Session“ (ODGProd) veröffentlicht. Nicht nur verweist der Titel auf die heimische Isolation (im schönen Grenoble), sondern er knüpft auch an Toms „Jam Session Vol. 1“ von 2019 an. Nahtlos, denn hier wie dort überwiegt ein ruhiger, meditativer Sound, durchzogen von Ambient-Geräuschen wie z. B. Vogelgezwitscher und manchmal begleitet vom Violinen- oder Klavierspiel des Meisters himself. Auch die aus Reden oder Lesungen gesampleten Vocals sind typisch für die beiden Werke. Es ist aber vor allem die „Ex-Home Session“, die mich ih ihren Bann zieht. Die magische Stimmung der ersten Tracks ist überwältigend. Tieftraurig, düster, schwer und doch kraftvoll. Sanfte Beats mit dosierten Klavier-Akkorden und melancholischem Geigenspiel garniert. Unfassbar schön. Dann folgt der Track „Imminent Departure“ und mit ihm eine Sound-Metamorphose zu Dub-Techno – was schockierend, aber absolut schlüssig ist. Die warm pluckernden Minimal-Techno-Beats führen nur logisch fort, was die beiden vorangegangenen Tracks „Petit Prince“ und „The Hadal Tone“ begonnen haben.

Verblüfft haben mich allerdings die beiden letzten beiden Tracks, denn sie stammen von den Bass Trooperz. Keine Ahnung, ob Tom bei denen mitmischt oder ob er deren Tracks hier nur als Dubs abmischt. Jedenfalls passen auch sie perfekt ins Gesamtwerk, featuren schönes Sitar-Spiel und atmosphärisches Wellenrauschen – drehen dann bei den Beats aber deutlich auf. Das setzt einen positiven und energetischen Schlusspunkt hinter eine der schönsten Dub-EPs der Corona-Zeit.

Bewertung: 5 von 5.
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Marcel-Philipp: Dub You Crazy & Can’t Get Enough of Dub

Ich gewinne zusehends mehr den Eindruck, dass sich Reggae-Instrumentals neben Dub einen festen Platz im Reggae (zurück) erobern. Auch hierzulande ist ein waschechter Multi-Instrumentalist am Werk: Marcel-Philipp. Vor nunmehr fünf Jahren schwärmte ich von seinem Debut „Morning Sessions Vol. 1“ – einem unfassbar optimistisch-unbeschwerten, sonnendurchfluteten Instrumentalalbum, geprägt von betörenden Melodien. Nun, vier Instrumentalalben später, legt er mit „Dub You Crazy“ und „Can’t Get Enough of Dub“ seine ersten beiden Dub-Alben vor. „Ich hatte schon früh eine konkrete Vorstellung im Kopf, wie mein erstes Dub-Album klingen soll.“, erklärt er, „Aber um diese Vorstellung zu verwirklichen, musste ich lange nach dem passenden Equipment, Setup und Workflow suchen und damit herum experimentieren.“ Was ja umso mehr einleuchtet, da Marcel-Philipps handgespielter, offener und luftiger Sound – trotz des Verzichts auf Gesang – meilenweit vom gewohnten Dub-Klang entfernt ist. Daher verwundert es nicht, dass „Dub You Crazy“ und „Can’t Get Enough Dub“ akustisch ziemlich aus dem Dub-Rahmen fallen, klingen die Dubs doch eher nach einem Live-Konzert am Sonntagvormittag, statt nach verrauchtem Keller-Club kurz vor Sonnenaufgang. Aber es gibt ja keine Regel, wie Dub „richtig“ zu klingen hat. Erlaubt ist erst einmal alles. Wer sich auf Marcel-Philipps Sound einlässt, entdeckt sehr schöne Arrangements, cleveres Mixing und jede Menge positiver Vibes – dunkele Dub-Magie aber weniger. Womit wir dann zwangsläufig bei der interessanten Frage sind, wo Marcel-Philipp die Grenze zwischen Instrumental und Dub zieht. „In meinen Instrumentalversionen sorge ich für eine Balance zwischen Melodie- und Rhythmusinstrumenten. Die Melodien der Solo-Instrumente erzählen eine Geschichte. Die restlichen Instrumente bilden das Fundament.“, erläutert er. „Ich will einen ehrlichen und authentischen Sound ohne Hall- und Delay-Effekte. Die Instrumente sollen so klingen, als stünden sie direkt vor mir. Bei meinen Dubs sind hingegen Bass und Schlagzeug im Vordergrund. Von den Melodien der Solo-Instrumente verwende ich dann meist nur einen kleinen Auszug, während ich hinsichtlich der Effektauswahl im Gegensatz zum Minimalismus meiner Instrumentals keine Grenzen kenne.“ Genau hier liegt aber auch eine kleine Schwäche der beiden Alben. Marcel-Philipps Musik lebt genau von der Balance, die er hier beschreibt. Die Melodien sind essenziell. Werden sie dem Mix geopfert, geht verloren, was die besondere Qualität seiner Musik eigentlich ausmacht. Drum & Bass können diese Lücke nicht immer füllen. Deshalb bleiben für mich die Instrumentals das Maß der Dinge.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Lee Groves: Dance a Dub

Wie sehr liebte ich den Sound von Rockers Hi Fi, Dreadzone, Groove Corp., More Rockers und anderen progressiven Dub-Bands, die in den 1990er Jahren Dance-Music und Dub zu einem aufregenden, neuen Sound verschmolzen. Einem Sound, der nicht einfach nur Dance-Beats mit Dub-Ingredienzien versah. Nein, es war eine völlige Neuerfindung, die wunderbar komplexe Beats mit Reggae-Basslines und Offbeats synthetisierte. Break Beat, Industrial, Drum and Bass, Indietronic, Ambient und ja, auch House und Techno beeinflussten diesen Sound. Das waren Zeiten! Ich schrieb damals großspurig von der „Zukunft des Dub“. Tja, weit gefehlt. Der Sound evaporierte über die Jahre ins Nichts und von den alten Recken ist eigentlich nur noch Dreadzone mit mittelmäßigen Releases übrig geblieben. Aber zum Glück gibt es den brillanten Back-Katalog von Echo Beach und zum Glück gibt es Lee Groves. Ersterer enthält die passenden Tunes und letzterer hat den Dance/Dub-Groove der 90er mit der Muttermilch aufgesogen. Führt man nun beides zusammen entsteht: „Dance a Dub“ (Echo Beach) – eine glorreiche Renaissance des einst so progressiven Dub-Sounds. Lee Groves hat es einfach drauf, Tunes von den Dub Pistols, Dubblestandart, dem Dub Syndicate, und vielen anderen mehr, original so klingen zu lassen, als wären sie in Birmingham des Jahres 1995 aufgenommen worden. Dazu hat Mr. Groves die Vorlagen kräftig umgemodelt, overdubbed, mit einem ordentlichen Schuss Bewegungsenergie versehen und druckvoll abgemischt. Perfekt, wie ich finde. Was im Übrigen nicht verwundert, denn Lee Groves ist beinharter Musikprofi. Angefangen hat er mit der Programmierung von Sound-Karten für die angesagtesten Synthesizer der frühen 90er Jahre, Sounds die sich prominent in Stücken von Vangelis oder den Pet Shop Boys finden. Danach gründete er PuSH-Records, – unter anderem mit Spencer Graham von Dreadzone (!). In seiner Produzentenkarriere reihten sich anschließend Big Names aneinander: Depeche Mode, Marilyn Manson, Janet Jackson, Craig David, Goldfrapp, Beck, Britney Spears, Black Eyed Peas und sogar Janet Jackson. Und nun, zur Krönung seiner Laufbahn: Dance a Dub!

Bewertung: 4.5 von 5.