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New Age Steppers: Avant Gardening

Was? Hä? Ein neues Album der New Age Steppers? Wir haben das New Age doch längst hinter uns gelassen. Was machen die dann noch hier? Ein wenig Recherche bringt es an den Tag: Bei dem heute erschienenen Album „Avant Gardening“ handelt es sich natürlich nicht um neues Material. Hier sind vielmehr seltene Dubs, Versions und unveröffentlichte Tracks aus dem On .U-Tresor versammelt. Entstehungszeit: 1980 – 1983. Achtung: Wir haben es hier mit teils äußerst experimentellem musikalischem Gut zu tun, bei dem es spontan einleuchtet, warum es bisher unveröffentlicht geblieben ist. Andererseits ist es aus heutiger Sicht auch absolut verblüffend zu sehen, wie avantgardistisch Mr. Sherwood früher gegärtnert hat und welch verrückten Gewächse er heranzog. Ich erinnere mich auch noch dunkel an das leicht verstörende Album „Spaceship Africa“ – auch von seiner Hand –, das zweifellos die vorderste Spitze der damaligen Dub-Vorhut markierte. „Avant Gardening“ ist ihm dicht auf den Fersen. Ganz schön verkopft, aber echte, hartgesottene On-U-Fans (wie Lemmi) werden daran natürlich trotzdem ihren Spaß haben.

Wer es ganz genau wissen will: „Aggro Dub-Version“ ist eine Version von „Some Love“ aus dem dritten New Age Steppers-Album „Foundation Steppers“ von 1983. Der Track wurde 2004 bereits auf der japanischen CD-Reissue veröffentlicht. „Send For Me“ wurde am 12. Juni 1983 in den Southern Studios für eine zuvor unveröffentlichte BBC Radio 1 John Peel Session aufgenommen. „Izalize“ wurde 1980 aufgenommen und auf der japanischen CD-Neuauflage des selbstbetitelten Debütalbums der Steppers im Jahr 2003 veröffentlicht. Dieser Rhythm bildete übrigens auch die Grundlage für den Track „Snakeskin Tracksuit“ auf dem African Head Charge-Album „Environmental Studies“. „Unclear“ ist eine Dub-Version des Tracks „Guiding Star“, der sich auf dem zweiten Steppers-Album „Action Battlefield“ befindet. Eine Version dieses Rhythmus erschien auch auf dem Album „Threat To Creation“ als „Eugenic Device“. „Singing Love“ ist ein Jah Woosh-DJ-Cut von „Love Forever“, der ursprünglich Teil des 12″-Discomixes war, der 1981 auf der Rückseite der „My Love“-Maxi erschien und erstmals in dieser bearbeiteten Form auf der japanischen CD-Neuauflage des Debütalbum im Jahr 2003 wiederveröffentlicht wurde. „I Scream (Rimshot)“ war 1981 die B-Seite der Single „My Love“ (war dann aber in keiner der späteren New Age Steppers-Veröffentlichungen mehr enthalten). Die Vocals stammen übrigens von Ari-Up. „Avant Gardening“ wurde 1980 aufgenommen und ursprünglich veröffentlicht auf der japanischen CD-Neuauflage des Steppers-Debütalbums aus dem Jahr 2003. „World Wide Version“ ist ein Dub von „My Whole World“ vom Album „Action Battlefield“, aufgenommen 1981 und ursprünglich auf der japanischen CD-Neuauflage im Jahr 2004 veröffentlicht. Das Clavinet darauf wurde von Kishi Yamamoto gespielt. „Some Dub“ schließt das Album und ist eine ziemlich andere Interpretation des „Some Love“-Rhythms, der 1983 während der Sessions für „Foundation Steppers“ aufgenommen wurde. Geballte Information – Dank an Discogs.

Bewertung: 4 von 5.
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Sly & Robbie: Red Hills Road

Fast habe ich den Eindruck, dass die Welt inzwischen bereit ist für instrumentalen Reggae. Mag sein, dass die stets wachsende Popularität von Dub der kleinen Schwester „Instrumentals“ den Weg bereitet hat. Es kann aber auch sein, dass es manchen Dancehall-Afficionados – ausgehungert vom Minimalismus der Beats zwischen Hip Hop und Trap – inzwischen nach sattem Sound, rollenden Grooves und echten Arrangements verlangt (wir alle werden älter). Clive Hunts phantastisches Album „Blue Lizzard“ sowie das superbe „Jamaica By Bus“ von Addis Records – beide erst vor wenigen Wochen erschienen – wecken da Hoffnung. Ganz zu schweigen von „Manasseh Meets Praise“ oder den schönen Alben von Marcel-Philipp – alles beeindruckende Instrumentalwerke jüngeren Datums. Für die Kollegen aus der Ska-Fraktion wahrscheinlich Standard, versetzt es uns Reggae-Hörer*innen in Aufregung. Und nun kommen auch noch Sly & Robbie mit ihrem neuen Instrumentalalbum „Red Hills Road“ (Taxi) um die Ecke – kein Dub, wohlgemerkt. „Ich hege eine große Liebe für instrumentalen Reggae.“, erklärt Sly Dunbar, „In Zeiten von Ska und Rocksteady gab es viele Instrumentals, doch danach nicht mehr. Insbesondere nicht bei Dancehall“. Ganz ähnlich entwickelte sich ja auch die Dub-Musik. In Zeiten volltönender Roots-Rhythms blühte das Genre, um dann – zumindest in Jamaika – mit dem Aufkommen digitaler Dancehall Beats schließlich das Zeitliche zu segnen. Nur außerhalb der Insel lebt das Genre weiter und bildet heute eine Reggae-Parallelwelt, die selbst den Globetrotter Sly überrascht und vom gewaltigen „Rumbeling Sound“ europäischer Dub-Soundsytems schwärmen lässt: „Europa ist ein Riesenmarkt für Dub – Dub ist dort einfach nice“. Aber Sly & Robbie wären nicht die Riddim Twins, wenn sie einfach nur Trends nachlaufen würden. Mit ihrem Lebenswerk in der Tasche und den Schäfchen wahrscheinlich halbwegs im Trockenen, müssen sich die beiden nichts mehr beweisen und machen einfach ihr Ding, jenseits von Trends, Mainstream-Erwartungen und Chart-Platzierungen (ganz so wie sie es schon immer gern gemacht haben). Mit dieser entspannten Haltung entstanden im Pop-Studio der beiden körperlich so unterschiedlichen wie seelisch eng verwandten Zwillinge verrückte Instrumental-Tunes, die jeglichem Konzept sowie stilistischer Einheitlichkeit spotten. Der kleinste gemeinsame Nenner besteht darin, dass ein Großteil der Tunes versucht, Dancehall instrumental zu denken. Es gibt aber auch Kumina- und Mento-Anleihen, schmalzige Soul-Schnulzen sowie uralte Aufnahmen aus den 1990er Jahren. Die Sammlung „Album“ zu nennen, ist jedenfalls Hochstapelei. Aber, was soll ich sagen: hier passt nichts zusammen, Dancehall in Form von Instrumentals funktioniert definitiv nicht und Schnulzen mit Dean Fraser-Saxofonspiel braucht auch niemand – und dennoch ist „Red Hills Rd.“ ein irgendwie charmantes Werk. Die schrullig skurrilen Produktionen, das radikale Wechselbad der Sounds (alles muss raus) sowie die Unverfrorenheit, mit dem guten Reggae-Geschmack so böse zu brechen, verleiht „Red Hills Rd.“ den Status „hörenswert“.
Übrigens war die Red Hills Road in den 1970er Jahren die Straße der Nightclubs in Kingston. Hier haben sich Sly & Robbie kennen und schätzen gelernt, als sie in konkurrierenden Clubs spielten (Sly in „Tit for Tat“ und Robbie in „Evil People“) und die Pausen nutzten, um sich gegenseitig zu besuchen und zuzuhören. Das Album ist also so etwas wie eine Hommage an diese legendäre Straße – in deren Hausnummer 30 sich außerdem bis heute das Studio der beiden befindet.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Five Star Review

Blundetto: Good Good Dub

Auf dieses Album habe ich mich so richtig gefreut: Blundetto, „Good Good Dub“ (Heavenly Sweetness). Gefährlich, denn eine solche Vorfreude mündet aufgrund der hohen Erwartungen ja nicht selten in einer Enttäuschung. Doch nicht bei „Good Good Dub“! Das Album des Franzosen ist schlicht very good good! Natürlich handelt es sich um die Dub-Version des im letzten Jahr erschienenen Albums „Good Good Things“ – das wiederum ein verspäteter Nachfolger von „Bad Bad Things“ ist. Wer Blundetto nicht kennt: Es handelt sich um den Franzosen Max Guiget, der seine Musik in einer kleinen Zweizimmerwohnung in der Nähe des Gare du Nord zwischen einer gigantischen Vinyl-Plattensammlung, alten Aufnahmegeräten, exotischen Instrumenten und übervollen Aschenbechern aufzunehmen pflegt. Verschrieben hat er sich globalen Sounds – insbesondere Latin – und maximal entspannten Rhythmen voller rauchiger Atmosphäre. Reggae hört man auf seinen „normalen“ Alben eher selten. Ganz anders jedoch auf deren Dub-Counterparts! Blundetto weiß nämlich, was Dub wirklich benötigt: Ein Reggae-Fundament. Okay, so richtig solide ist es manchmal nicht, aber das wäre für den Sound-Nerd auch zu einfach. Seine Kunst besteht vielmehr darin, exotische Zutaten zu einem faszinierenden Sound-Amalgam zu verschmelzen, das von intensiver, dichter – manchmal durchaus melancholischer – Atmosphäre geprägt ist. Wer sich darauf einlässt, die fette Atmosphäre in vollen Zügen einatmet, Ohren und Geist öffnet, kann nicht anders, als dieser Musik zu erliegen; sich in sie fallen zu lassen wie in ein Bett aus Zuckerwatte und schließlich voller Genuss zu versinken. Wunderschön! Nur sieben Tracks – dafür aber mit so viel emotionalem Gehalt wie anderswo sieben Alben.

Bewertung: 5 von 5.
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Five Star Review

Aldubb & Mr. Glue: Der Mensch

„Ich mag einfach Alben.“, konstatiert Aldubb. »Die Entwicklung, dass die meisten Artists nur noch Singles zu produzieren, gefällt mir nicht. Für mich ist einAlbum mehr als die Summe seiner Singles. Die logische Fortführung des Gedankes, mehrere Einzelstücke zu einem Gesamtwerk zusammenzufassen ist das Konzeptalbum. Eigentlich ist „Der Mensch“ aber kein klassisches Konzeptalbum, das Konzept besteht eher in der ungewöhnlichen Kombination aus Dub und Deutschunterricht.« Da untertreibt der seit „A Timescale of Creation – Symphony No. 1 in Dub minor“ ungeschlagene Konzeptalben-Großmeister Aldubb aber gewaltig. Sein neues Werk „Der Mensch“ macht doch schon im philosophisch anmutenden Titel klar, dass es hier keineswegs nur um ein Duzend ordinärer Dubs gehen kann. Ein Konzept besteht in einer übergeordneten Idee, an der sich das Werk ausrichtet, eine Idee, die ihm Form und Sinn verleiht. Diese Idee ist bei Aldubbs neuem Album „Der Mensch“: deutsche Lyrik. What?? „Die Idee entstand so:“, erklärt er, „Mr. Glue gefiehl es, wenn während unserer Dubherz-Radio Shows gerade Instrumentals liefen, immer mal wieder 1-2 Sätze Literatur zu zitieren. Anfangs waren das nur Vierzeiler, bis ich mir dann einen Dub schnappte und ihn mit einem längeren Text zu einem Song arrangierte. Das war der Song „Die Liebe“. Inhaltlich haben wir uns dann relativ schnell die beiden Schlagworte „Der Mensch und die Liebe“ als Leitfaden gegeben. Innerhalb weniger Wochen hatten wir dann 9 Texte aufgenommen.“ Was Aldubb hier schildert, hört sich so selbstverständlich und naheliegend an, ich frage mich allerdings, warum niemand zuvor auf diese grandiose Idee gekommen ist. Tagein, tagaus setzen wir uns geduldig der Beschallung mit Langweil-Texte über Religion, Gras und Sex aus – ein Grund übrigens, warum ich kaum noch „normalen“ Reggae hören mag. Dabei gibt es so wunderschöne Lyrik, die es nur mit so wunderschöner Musik zu kombinieren gilt, um ein so wunderschönes Hörerlebnis zu erschaffen wie „Der Mensch“. Aldubb und Mr. Glue haben Dub Poetry soeben neu erfunden. Gott sei Dank, sind die beiden nicht der Versuchung erlegen, deutschsprachige Lyrik mit atonaler oder sonst wie verkopfter „Kunstmusik“ zu unterlegen. Nein, wir hören hier superb produzierte, handgemachte Dubs, kraftvoll und zugleich sensibel, akribisch arrangiert und gemixt, perfekt gemastert und vor allem ungemein musikalisch: „Ein glücklicher Zufall führte dazu dass Toni Farris, der übers Wochenende mit der Evolution-Band im Studio zu tun hatte, Zeit fand, die damals fast fertigen Songs mit ein paar seiner genialen Piano-Melodien zu würzen und damit gewaltig auf zu werten.“, verrät Aldubb.

Ich habe in letzter Zeit selten ein Album mit so viel Genuss gehört. Von wegen „Deutschunterricht“! Dub und Lyrik gehen hier eine Verbindung ein, die viel, viel mehr ist als die Summe aus den beiden beiden Komponenten. Die Worte bekommen zusätzliche Kraft durch die Musik und die Musik wird durch sie noch mehr zum bewussten „Hörerlebnis“. Lasst uns doch ein neues Dub-Genre daraus machen! Ich wäre dabei.

Wer allerdings unter – vom real existierenden Deutschunterricht seiner/ihrer Kindheit zugefügten – Konditionierungsschäden gegen Lyrik leidet, findet auf „Der Mensch“ übrigens auch alle Dubs ganz nüchtern ohne Poesie. Auch schön.

Bewertung: 5 von 5.

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Dubylon

Wer Spaß an Dub Spencer & Trance Hill hat, wird auch Dubylon mögen. Das Live-Dub-Duo aus Stuttgart hat nach einjähriger, kreativer Improvisationsarbeit sein Debut-Album vorgelegt: „Dubylon“ (Dubylon) – und was soll ich sagen? Klingt wie Dub Spencer meets Free Jazz und ist definitiv eine Exkursion wert. „Dubylon bedeutet für uns, unserer Kreativität völlig freien Lauf zu lassen, mit live gesteuerten Effekten auch mal wild herum zu experimentieren und nicht an Grenzen oder Vorgaben gebunden zu sein.“, geben João Braun und Julian Humburg Auskunft. Damit treffen sie den Nagel auf den Kopf – wobei wir auch schon bei dem Körperteil sind, mit dem „Dubylon“ genossen werden sollte: dem Kopf. Wer sich auf die interessant-widersprüchliche Mixtur aus straighten Beats und soliden Basslines auf der einen Seite und schrägen, beinahe schon atonalen Experimenten auf der anderen Seite intellektuell einlässt, dürfte mit den fünf Tracks der EP eine spannende Erfahrung machen. Ich bin jedenfalls ziemlich gespannt darauf, in welche der beiden Richtung die Reise von Dubylon weiter gehen wird.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Mato: Scary Dub

Mato ist ein echter Konzeptkünstler. Er käme nie auf den Gedanken, einfach mal ein paar nice Dubs aufzunehmen und sie dann auf ein Album mit einem Titel wie „Corona-Dubs“ zu packen. Never! Bei ihm braucht es ein gehaltvolles Thema, sei es Hollywood-Filmmusik, große Klassik – oder zumindest ein Daft Punk-Meisterwerk. Mato ist immer für eine Überraschung gut. So auch dieses Mal: Erneut hat er sich der Filmmusik zugewandt, jedoch mit Genre-Ausrichtung: „Scary Dub“ (Stix Records). Wer den blutigen Schriftzug auf dem Cover sieht, muss nicht lange überlegen: Es geht um Horrorfilme, quer durch die Jahrzehnte: von Dracula und Frankenstein über Exorzist und Halloween bis Akte X und die Mumie. Ein witziges Konzept, das wunderbare Samples erlaubt. Das Problem ist nur, dass das Horror-Genre, anders als z. B. der Western, keine großen und allseits bekannten Soundtracks hervor gebracht hat. Wer daher auf Wiedererkennungseffekte und schaurig-wohlige Filmerinnerungen hofft, wird unweigerlich enttäuscht. Bleibt also die nackte Musik. Und da wären wir dann bei einem Dutzend leichtfüßiger Tracks in typischer Mato-Manier, ohne rechte Bodenhaftung, dafür voller spaßiger Sample-Anekdoten. Schade, schade, denn der konzeptbesessene Franzose baut an sich einfallsreich arrangierte Dubs und liefert einen präzisen Sound – Qualitäten mit denen sich mehr erreichen ließe. Meine Theorie: Als Backings hinter schönen Vocals wäre seine Musik klasse. Als Dub taugt sie trotz Hall und Echo weniger.

Bewertung: 3 von 5.
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JahYu: Center of Gravity

Als Designer habe ich den falschen Musikgeschmack. Das Cover-Artwork im Genre Dub gehört zu den schlechtesten auf dem Musikmarkt – was mir bei nahezu jedem neuen Release, den ich musikalisch so richtig feiere, zugleich großes visuelles Leid zufügt. Das liegt entweder daran, dass Dub-Producer so sehr auf den akustischen Sinn fokussiert sind, dass ihnen keine Kapazität mehr fürs Auge bleibt, oder aber es liegt daran, dass sie gezwungen sind, ihre Musik unter fatal prekären Umständen zu produzieren und sich Kosten für angemessenes Grafikdesign schlicht nicht leisten können. Tragisch! Aber hier haben wir endlich, endlich mal eine fantastische Ausnahme von der Regel: JahYu: „Center of Gravity“ (Steppas). Das Cover ist großartig. Was für eine schöne Illustration! Ich bräuchte das gute Stück als Vinyl in 30 x 30 cm! Natürlich weckt ein solches Cover hohe Erwartungen. Ebenso das Label: Steppas Records von Ben Alpha – Home of Alpha Steppa, Alpha & Omega und einigen anderen herausragende Dub-Artists. Zu letzteren gehört auch JahYu. Er lebt und arbeitet in Hamburg, ist koreanischer Abstammung und produziert höchst interessante Dub-Musik im Grenzbereich zwischen Dub, Dubstep und Bass Music. Sein Markenzeichen: Auf traditionellen koreanischen Instrumenten eingespielte ätherische Melodien, die über schweren Dub-Beats schweben. Dieser reizvolle Kontrast ist nicht grundsätzlich neu. Augustus Pablo und in seiner Folge unzählige andere Instrumentalisten haben ihn genutzt, um spirituell anmutenden Dub zu produzieren. Daher verwundert es nicht, dass das Adjektiv „spirituell“ auch stets verwendet wird, um JahYus Musik zu charakterisieren. Und wir wissen ja alle, dass Ben Alpha auch voll auf spirituell-meditativen Dub abfährt. Ich muss aber sagen, dass ich die Beats des Hamburgers eigentlich noch viel spannender finde, als seine koreanischen Instrumente. Denn JahYus Beat-Konstruktionen transzendieren ein ums andere Mal das bekannte Steppers-Muster in Richtung Neuland (zumindest für Dub-Verhältnisse) und sorgen so für frische Hör-Erfahrungen. So entsteht über die Albumlänge eine schöne Bass-Odyssee, mal über steiniges, raues Gelände und dann wieder durch die sanft wiegenden Wellen des Offbeats. Spannend und erlebnisreich bis zum Schluss. Kurz gesagt: Cover und Musik passen bestens zusammen.

Bewertung: 4 von 5.
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Jah Schulz: Dub Over Science

Jah Schulz hat nachgelegt: „Dub Over Science“ (Basscomesaveme). Ob der Titel ein Kommentar zur Corona-Pandemie ist? Falls ja, dann zweifellos in dem Sinne, „probieren geht über studieren“, denn genau das macht Jah Schulz hier. Ein gewagtes Experiment im Grenzbereich zwischen Mystik und Wissenschaft. Während Dr. Schulz sonst dazu neigt, den wissenschaftlichen Diskurs mit eher wuchtigen Argumenten im Steppers-Style voran zu treiben, hat er nun beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen – im wahrsten Sinne. So taucht er für „Dub Over Science“ hinab in die Marianengraben-Tiefseestation. Dort unten hat er ein Studio, in dem die Zeit langsamer vergeht, weshalb auch die dort produzierten Tracks mit halber Geschwindigkeit ablaufen. Was im Übrigen die Frequenz von den bisher von ihm gewohnten 16 Hz auf 8 Hz halbiert. Das lässt sich hier oben auf der Erde mit dem menschlichen Gehör natürlich nicht mehr wahrnehmen, ist aber als leichtes Erdbeben deutlich zu spüren. Die Forschungsfrage lautet: Wie tief muss der Bass noch runter geschraubt werden, um den Erdboden so stark in Vibration zu versetzen, dass die dadurch erzeugten Mikrodruckwellen den SARS-CoV-2-Virus im Dauerbeschuss zerbröseln lassen? Aus dieser bahnbrechenden Erkenntnis ließe sich in kürzester Zeit ein Dub-Vakzin entwickeln, dass alle Menschen heilen könnte – ganz ohne Nadelstich! Bei mir funktioniert es jedenfalls schon: Seit ich das Album über meinen Subwoofer laufen lasse, fühle ich mich ausgesprochen gesund.

Bewertung: 4 von 5.
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Radikal Guru: Beyond the Borders

Radikal Guru habe ich auf dem Schirm seit mir Neil Perch (Zion Train) vor ca. sieben Jahren einmal sagte, dass er ihn für einen der interessantesten Dub-Artists halte. Seitdem blicke ich immer äußerst erwartungsfroh auf neue Veröffentlichungen des polnischen Dub-Wunderknaben, aber ich muss gestehen, so richtig begeistert war ich nie – was zweifellos an der durch Neil geschürten, allzu hohen Erwartungshaltung liegen dürfte. Nun besteht wieder eine neue Gelegenheit mein Bild des Gurus doch noch in Richtung „genial“ zu verschieben, denn sein neues Album „Beyond the Borders“ (Moonshine Recordings) ist draußen. Eines vorweg: Wie bei den Vorgängern handelt es sich nicht um ein reines Dub-Album. Sechs der zehn Tracks sind Vocal Tunes – allerdings gebaut auf waschechtem Dub-Fundament. Und ja, der radikale Guru wird seinem Namen gerecht: Wie gewohnt sind seine Sounds hard & heavy. Eine Qualität, die durch die knackige Produktion noch verstärkt wirkt. Scharfe Vocals von Tenor Youthman, Troy Berkley oder Lady Skavya unterstützen den Effekt zudem. Aber ich bin auch wieder etwas enttäuscht; irgendwie ist mir die Musik zu eindimensional, zu unspektakulär, zu konventionell für einen Mann, der sich radikal nennt. Auch den Vokalisten ist (vielleicht mit Ausnahme von Tenor Youthman) nicht viel eingefallen. Da hilft es auch nicht, wenn der Guru verhalten mit Dubstep, Hip Hop oder Trap spielt.

Bewertung: 2.5 von 5.
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R.Esistance in Dub Meets Longfingah: The Longfingah Attack

Selten habe ich einen so stilsicheren Old School-MC wie Longfingah gehört. Schon mit seinen frühen Aufnahmen als Sänger von Illbilly Hitec war er mir positiv aufgefallen. Nicht nur mir, denn es folgten Produktionen u. a. mit Mungo’s HiFi, Zion Train und Dubmatix. Mit „Urban Mystic“ folgte dann ein Album und nun liegt mit „The Longfingah Attack“ eine richtig schöne neue EP mit vier Vocal-Tunes und vier Dubs vor. Doch dem MC gebührt hier nicht das alleinige Lob: Die italienische Live-Dub-Band R.Esistance in Dub hat kongenial passende Dub-Rhythms geliefert; niemand geringeres als Paolo Baldini hat produziert und die Dubs gemischt. Ein überaus starkes deutsch-italienisches Gesamtpaket. Einziger Kritikpunkt: Ein ganzes Album wäre mir erheblich lieber gewesen – aber vielleicht liegt ja die Würze in der Kürze.

Bewertung: 4 von 5.