Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von Steppas Records melden sich Alpha & Omega mit „Shadrach, Meshach and Abednego“ zurück. Das Album versammelt wie der 2017er Vorgänger „One by One“ fünf Vocal-Tracks mit zugehörigen Dubs im Showcase-Style. Große Überraschungen offenbaren sich nicht: Die britischen Soundsystem-Pioniere bedienen in mystischem, monotonem und bassgewaltigem Gewand etablierte A&O-Hörgewohnheiten. Musikalisch an aktuelle Produktionsmöglichkeiten angepasst, klingen die Tracks frisch, verlieren dabei aber trotzdem nicht den typischen A&O-Sound. Christines live eingespielter Bass unterstreicht die auditive Hochwertigkeit. Mit Joseph Lalibela, Ras Tinny, Wellette Seyon, Danny Red und Nai-Jah versammelt sich ein Querschnitt zeitgenössischer Roots-Sängerinnen. Letzterer verbucht mit seiner sanften und klagenden Stimme auf „Maisha“ das Highlight der Platte für sich. Joseph Lalibela verarbeitet, gewohnt apokalyptisch, die Geschichte der drei judäischen Männer des Albumnamens in „Steppin in the Fyah“. Diese verweigerten nach biblischer Erzählung dem babylonischen König Nebukadnezar den Kniefall und überlebten die Todesstrafe im glühend heißen Ofen. Explizit religiöse Thematiken greift der Großteil der Titel auf, so auch „Jah is Here“ und „Hail Him“. Wellette Seyon formuliert ihre Botschaften in „Real Eyes Realize“ abstrakter. „Shadrach, Meshach and Abednego“ liefert solides Soundsystem-Futter für Tanzwütige und Bassverrückte und ist erhältlich als Vinyl, Download und im Streaming.
Wer Dub Spencer & Trance Hill mag, wird auch Dubment lieben. Wie die Erstgenannten, stammen sie aus der Schweiz, machen in Minimalbesetzung minimalistischen Dub, handgespielt und mit ausufernden Rock-Gitarren-Exkursionen. Klingt gelegentich nach einem psychedelischen Jazz-Trio – was wohl daran liegen dürfte, dass Dominik Zäch (Gitarre), Balz Muheim (Schlagzeug) und Linus Meier (Bass) in Luzern gemeinsam Jazz studieren. Reggae und Dub sind eigentlich dem Prinzip der strikten Repetition verpflichtet, doch darum scheren sich die drei auf ihrem Album „Dubment – Showcase & Dub Fugues“ (Echo Beach) nicht besonders. Hier wird ziemlich frei gespielt und beherzt herumexperimentiert. Merkwürdigerweise klingt es dann trotzdem nach Dub. Das Album war übrigens schon seit Dezember 2019 auf dem Markt, kommt jetzt aber aus dem Hause Echo Beach als Deluxe-Version neu raus. Deluxe daran ist, dass der Dubvisionist zu jedem Dub eine kurze „Fuge“ schuf, die dem Original folgt. Wir hören also stets zuerst den Original-Dub, dann folgt eine zwei- bis dreiminütige Fuge. „Einen Dub vom Dub zu machen, erschien mir nicht sonderlich sinnvoll“, gibt der Dubvisionist Auskunft, „Die Originale sollten ganz klar die Helden sein. Die Fugen sind nur kleine Zwischengänge“. Mir gefallen die Zwischengänge ausgesprochen gut, bringen sie doch Dub-Feeling mit, das die Originale im Überschwang der Jazz-Improvisation manchmal etwas vermissen lassen. Hier übrigens von „Fugen“ zu sprechen und damit unweigerlich Assoziationen an Bachs „Kunst der Fuge“ oder auch ans „Wohltemperierte Klavier“ zu wecken, ist wirklich eine coole Idee – auch wenn die Dub-Fugen mit dem musikalischen Konzept einer Fuge nicht viel zu tun haben. Marketing rules.
Es gibt sehr wenige Bands, die es sich leisten können, ein Album zu veröffentlichen, auf dessen Cover weder Band noch Albumtitel stehen. Spontan fallen mir nur Pink Floyd ein: auf den Original-LPs „Atom Heart Mother“, „Meddle“, „Dark Side Of The Moon“, „The Wall“ finden sich null Hinweise, um welche Band es sich handelt.
Die Schweizer Band Dubment leistet sich diesen Luxus bereits auf ihrem gleichnamigen Debütalbum „Dubment“ (Echo Beach). Auf dem Cover springt uns lediglich ein Popcorn – meine ich zu sehen – entgegen. Dubment sind ein sehr kreatives, experimentelles Trio aus Zug (Innerschweiz). Vor circa zwei Jahren war das Trio auch für ein paar Gigs mit DUB SPENCER & TRANCE HILL auf Tour in Deutschland (Danke für den Tipp, Masi!). Es ist wirklich sehr spannend, was uns da von den drei Jungs: Dominik Zäch (git), Balz Muheim (dr), Linus Meier (bg) geboten wird. Auch wenn kleinere Querverweise an das Dub Trio, die Revolutionary Dub Warriors oder natürlich auch DUB SPENCER & TRANCE HILL auszumachen sind, haben es Dubment geschafft, sich ihren ganz eigenen Dub-Kosmos zu erschaffen. Bei Dub geht es doch generell darum, Raum zu schaffen, während es beim Rock zu einem gewissen Grad darum geht, ihn zu füllen. Diesen Balanceakt meistern Dubment virtuos mit eleganter Leichtigkeit. Der Sound der (nur) fünf Songs wechselt hier zwischen etwas härteren Rockpassagen, jazzigen Gitarrenläufen und super relaxten Dub-Passagen. Die experimentierfreudige Dub-Band hat sich an der Jazz-Hochschule Luzern gefunden. Den jungen, talentierten Musikern war beim Jammen ziemlich schnell klar geworden, dass ihre gemeinsame Passion für jamaikanische/karibische Musik in Kombination mit der Grenzenlosigkeit des Jazz der ideale Nährboden für ihren in alle Richtungen ausufernden Dub ist. Auch wenn auf dem Album nur Bass, Drums und Gitarre zu hören sind, hat man trotzdem keine Sekunde das Gefühl, dass dem komplexen Sound irgendetwas fehlt. An den Contols saß Etienne Schorro, der den schönen Mix des bandeigenen Tontechnikers und Produzenten Joschka Weiss masterte. Sämtliche Titel wurden live im Studio eingespielt. Dubment werfen im Grunde alle klassischen Reggaeprinzipien über Bord. Trotzdem schafft es das Trio, mit spannenden Arrangements, spacigen Dub-Effekten, schönen Grooves und geschickt gesetzten Spannungsbögen, neue Dub-Sphären zu erschließen. (Soweit meine Rezension vom 26.04.2020). Am 05.06. veröffentlichte nun Echo Beach eine Extended Version des Originals. Nikolai Beverungen, der „Chief“ bei Echo Beach, hat die Aufnahmen in die Hände von Dubvisionist gegeben, der die Originale nochmals überarbeitete. Herausgekommen sind ein paar zusätzliche, kurze „Dub-Fugen“, die es meines Erachtens nicht zwingend gebraucht hätte, um das Opus noch attraktiver zu machen. Soll heißen: Die zusätzlichen Dubs sind solide, aber kein Dub-Feuerwerk. Bei diesem hervorragenden Ausgangsmaterial hätte ich doch etwas mehr erwartet. Übrigens, live sollen Dubment, wie Hazer Baba auch, ein beeindruckendes Konzerterlebnis sein. Dass die Tracks des Albums live genauso klingen werden wie hier, ist fraglich, denn das Motto des Trios ist und bleibt: Transformation und Improvisation.
Your name: Paolo Baldini DubFiles You live in: Pordenone, Italy Title of your last album: „Dolomites Rockers“
What is your personal definition of dub?
Dub is a technique. A technique which, in its original form, allowed to transform a song into a dub version, a new psychoacoustic experience. A technique with a permanent link with reggae music, but now also declined and applied to all genres of black music.
What makes a good dub?
Two things, basically: a song on a good riddim and an inspired dubmaster.
Which aspects of dub music fascinate you the most?
I was amused by the transformational process that a song undergoes when it becomes a dub version. And before understanding the mechanisms behind these processes I was impressed by the role of bass and the feeling of space-time modification. Moreover, this technique transformed exclusively technical equipment into creative and artistic instruments turning the sound engineer into the Dub Master. That is to say, the person who has the power to regulate the emotional tension of a version.
How did you discover your passion for dub and how did you develop yourself and your music since then?
I was a lucky teenager because the Rototom festival started in a place very close to my city and I started attending it from the first edition! I discovered that world first as a spectator and only then as a musician. Basically I am an underground reggae musician who, exploring the possibilities that home recording offered in the nineties, became a producer. Step by step.
What is the most important factor when producing dub music?
The separation of the tracks of a song, an analogue mixer, and a few aux. And the endless combinations thereof, which is eventually what constitutes the studio of a dubmaster.
What does the process of creating a typical dub track look like?
If it’s a version, I firstly rebuild the original settings of the multitrack session of the vocal cut, and when it sounds good, I start selecting a few outboards and effects that I think fit the tune. I then press “record” and do a number of dubs. Only the best survive.
Dub is a technique, which, in it’s original form, allowed to transform a song into a new psychoacoustic experience.
When are you satisfied with a dub track you produced?
I’m satisfied with a version I make when, listening to it again, I get lost in it and I can’t trace my actions back.
What is your special strength?
I don’t know … Maybe being incline to auto-suggestion.
Which one of your albums do you consider your best work up untilnow?
Always the last one! But I like being influenced by those who hear and choose them.
Are you able to make a living with music?
Respectable survival.
What aspects of your job do you enjoy the most?
All of them. For real!
What do you dread in the studio?
Current drops? Or maybe my son?! Jokes aside, I have a lot of analogue equipment and I fear the wear of tubes and condensers. Especially in the mixer.
I was a lucky teenager because the Rototom festival started in a place very close to my city and I started attending it from the first edition!
When you’re not working on dubs, what isyour favorite thing to do?
When I’m not busy with my family I have several safe places where I regenerate. One of these is astrophysics! When I have time, I go to the mountains.
What do you listen to besides dub music?
Any form of Jamaican music. From calypso to dancehall. I recently re-discovered space music and ambient electronic music.
If money and time didn’t matter: Which project would you like to realize?
I had so many ideas that I stopped thinking about it. Let’s say I’d try to invest on my label La Tempesta Dub to release more material.
Are there any sound system events that you particularly like to attend? Why?
The Dub Academy at Rototom Sunsplash and the International Dub Gathering. I grew up at Rototom.
What do you prefer: Studio work or sound system performance?
Both. One necessarily feeds the other.
Whom do you consider the greatest dub artist of all time?
Could anyone you know not answer King Tubby? They would need a good reason not to.
And who is currently the most interesting dub artist?
There are countless artists who interest and inspire me. I think I could give different answers to this question depending on the time of the day. Iration Steppas are a must in terms of sound system rituals. Dougie Conscious is a big inspiration when it comes to studio mixing… Mad Professor and Adrian Sherwood are a beacon when it comes to using effects. Prince Fatty and Victor Rice are a true inspiration as far as acoustic recording and tape are concerned… And I think O.B.F. are the most interesting crew at the moment.
Which sound system do you value the most?
I have a rock-solid bond with Imperial Sound Army.
What are your personal top 5 dub albums?
5. Scientist: SCENTIFIC DUB 4. Zion Train: ORIGINAL SOUND OF THE ZION 3. Iration Steppas: DUBZ FROM DE HIGHER REGIONZ 2. Lee Perry: REVOLUTION DUB 1. King Tubby & Barrett Bros: PICK A DUB
Zugegeben, beim ersten Mal habe ich nur halbherzig und nebenbei via Notebook-Speaker zugehört. Größter denkbarer Fehler eines Rezensenten, keine Frage – Schande über mich. Unter Umständen kann ich ein wenig Verständnis heischen, wenn ich gestehe, dass mich Dubvisionist’s „Yoga in Dub“ ziemlich unberührt zurückgelassen hat. Ein Album, dass im Work-Life-Balance-Trend sicher seine Berechtigung hat und etwa bei einem Vinyasa-Flow gut einsetzbar ist – sofern man bei der Ausführung der Asanas keine Stille ertragen kann. Und doch: Ich habe die Annäherung von Reggae/Dub zur „New Age“-Musik im allerweitesten Sinn schon besser gehört. Tiefenentspannte Leser*innen mögen sich Deva Premal’s hervorragendes, von Maneesh de Moor produziertes Mantra-Chanting-Album „A Deeper Light“ zu Gemüte führen; oder Jay Uttal’s „Roots, Rock, Rama!“-Release, bei dem das Kirtan-Urgestein seine Chants mit handfesten Reggae-Grooves unterfüttert.
Tatsächlich geht’s hier aber um den Nachfolger von „Yoga in Dub“, der sich da „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ (Echo Beach) nennt. Felix Wolter aka Dubvisionist ist wohlbekannt und geschätzt in der Dub-Szene; der dubblog.de Rezension seiner feinen „King Size Dub Special“-Werkschau ist nichts mehr hinzuzufügen. PFL bzw. Pre Fade Listening als der heute eher unbekannte Part in der Gleichung würde ich als eine der musikalischen Inkarnationen Felix Wolters sehen: Ein Projekt, das mit seinen Lounge-Produktionen anno dunnemal durchaus von sich reden machte.
„Lounge“ als Bezeichnung für ein Sammelsurium unterschiedlichster Musikstile war mir allerdings immer schon ein rätselhaftes Phänomen – sicher, es ist meist richtig entspannter Downbeat; oft instrumental oder mit mehr oder weniger schleierhaften Ethno-Vocals und -Samples versehen. Irgendwo zwischen Alles und Nichts angesiedelt, dient er den Millenials als Hintergrundbeschallung in den coolen Bars und hippen Club-Lounges. Dort trifft man sich zum gepflegten chill out, hegt Freund- und Bekanntschaften und plant zusammen womöglich den weiteren Verlauf der Nacht. Kurzum: Dort wo man statt „schön“, „gut“ oder „fein“ das Wort „nice“ benutzt, ist die Wahrscheinlichkeit, Lounge zu hören sehr hoch. Das alles hat in erster Linie mit Kommunikation zu tun; Musik spielt eine untergeordnete Rolle: Nicht zu laut, nicht zu präsent, nicht zu aufdringlich oder im schlimmsten Fall gar das Gespräch störend. Passive Musik, die man eigentlich nicht hören, sondern bestenfalls als Hintergrundgesummse wahrnehmen möchte, sich jedoch hervorragend zum Überbrücken der Stille eignet – für den Fall, das man sich so gar nichts mehr zu sagen hat. Sarkasmus beiseite: Unter dem Label „Lounge Music“ wurde vor allem in den Nullerjahren eine ganze Menge Geld eingefahren; es war vermutlich der letzte Hype, bei dem physische Tonträger eine Rolle gespielt haben. Was bleibt ist ein Kuriosum: Musik, die man eigentlich nicht (bewusst) hören will.
Zurück zum Thema; zurück zu einem Album, das im richtigen Setting – sprich einer Subwoofer-mächtigen Musikanlage – zu einem veritablen Bassmonster gerät. Freilich haben wir hier keinen klassischen Reggae/Dub vor uns; Hardcore-Dubheads werden aber durchaus den einen oder anderen Snipet einer Reggae-Bassline identifizieren; etwa im Track „Going Underground“, in dem der Groove von The Tamlins‘ bzw. Sly & Robbie‘s „Baltimore“ zu erkennen ist. Oder wie wär’s gleich mit der ganzen „Drum Song“-Bassline im „Long Reasoning Dub“? Selbst Nyabinghi-Drums kommen zum Einsatz („Searching for the Magic Frequency“), und doch würde ich das Album eher unter Downbeat einordnen – auch, um den unglückseligen Begriff Lounge zu vermeiden. Dafür ist der Release einfach zu interessant, verlangt nach gebührender Aufmerksamkeit, um viele kleine und größere Sound-Gimmicks zu entdecken – wie Vocal-Samples, eine rockige Gitarre und wunderbare Percussions.
Darf man „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ vielleicht gar mit dem Dub Syndicate zu besten On-U Sound-Zeiten vergleichen? Nun ja, ein Style Scott ist nicht ersetzbar, aber Adrian Sherwood experimentiert auch gerne mit allen möglichen Einflüssen und Stilen. Insofern kann man Parallelen ziehen; und würde man mir den Track „The Lone Ranger“ als verschollene Dub Syndicate-Aufnahme verkaufen wollen – ich würde es vermutlich nicht hinterfragen. Abgesehen vom Langweiler-Track „Yoga Secret“ ein interessantes Album also, dass mit Dub-Effekten nicht geizt. Soundmäßig ist es mit seinen eher zurückhaltenden Höhen in der Dubvisionist-spezifischen Klangwelt zuhause, die auf früheren Releases schon mal wesentlich dumpfer daherkam. Balsam für Hörer*innen wie den Rezensenten, dem schneidende, extreme Höhen blutende Ohren bescheren, der dafür aber Eingeweide-Massagen im unteren Hz-Bereich umso mehr feiert.
Letztlich empfehle ich den geneigten Leser*innen, sich nicht vom Album-Cover, dem Track-Titel „Skylarkin Lounge“ und der Lounge-Phobie des Rezensenten irritieren zu lassen. Alben der etwas anderen Art verlangen nach Offenheit und der Bereitschaft, sich auf sie einzulassen – insbesonders wenn sie nicht den gängigen Dub-Klischees entsprechen. Wer so auf „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ zugeht, wird belohnt werden.
Kennt jemand von euch Brooklyns „Underground Supergroup“ und Publikumsmagnet namens Super Hi-Fi, die auch schon mit den Skatelites on Tour waren? Gegründet wurde die Band 2010 vom Bassisten und Sänger Ezra Gale. Das vorliegende Debut „Dub To The Bone“ (Electric Cowbell Records) ist bereits 2012 entstanden und ist bis heute ein äußerst kurioses Sound-Gemisch. Super Hi-Fi’s jamaikanisch beeinflusster Dub, mit zwei Posaunen, Gitarre, Bass und Drums ist ein ganz spezieller Sound und sucht immer noch seinesgleichen. Die Band sagt selbst über ihre Musik: „We in Super Hi-Fi are committed to going the extra mile to make art that stands out and lasts.“ Deshalb veröffentlichen sie ihre Musik (auch) auf Schallplatten. Obwohl das wesentlich teurer ist, bleibt das Quintett bei seiner Arbeitsweise, auch weil Schallplatten besser und nach Meinung der Band wesentlich wärmer klingen. Zusätzlich machen LPs bedeutend mehr her – von der Haltbarkeit einmal ganz abgesehen. Im Aufnahmestudio wird sehr lange experimentiert bis der Sound 100%ig stimmt. Kompromisse möchten Super Hi-Fi keine machen, die Band ist erst mit dem optimalen Ergebnis zufrieden. Alles wird analog auf Tonband mitgeschnitten, denn auch bei dieser Methode sind die Musiker vom besseren Klang der Aufnahmen überzeugt. Ja und….., welche Musike erwartet mir jetze? Schwieriges Unterfangen: Jazzige bis weiche Posaunenklänge, rockig krachende bis gezupfte Gitarren, fette Bass-Lines, satte Drums und über allem schwebt der Geist von King Tubby und Lee „Scratch“ Perry. Ach ja, Victor Rice und das Subatomic Sound System haben auch noch mitgemischt. Alles klar?
Satori, ein japanisch-buddhistischer Begriff für Erkenntnis, Erwachen und Verstehen, leitet sich vom japanischen Verb satoru ab. Das Hauptmotiv des Zen-Buddhismus ist die Erkenntnis vom universellen Wesen des Daseins. Es kann nur durch persönliche Erfahrung verstanden werden. Aha, das ist also der eine Weg. Wir nähern uns dieser Erkenntnis dann doch eher auf der musikalischen Schiene, denn vor ein paar Tagen ist nun Satori vs. Dr. Echo: „Dub Defender Sessions“ (Anicca Records) erschienen. Satori ist das Alter Ego von Steven Jess Borth II und Dr. Echo von Justin De Hart. Die zwei aus Sacramento stammenden Kalifornier Borth und De Hart kennen sich schon etliche Jahre und arbeiten auch schon sehr lange zusammen. Zurzeit lebt Satori in Dänemark und gehört als Saxofonist ins direkte Umfeld des Guiding Star Orchestras oder arbeitet bei einigen Projekten mit dem Jazz-Duo Bremer & McCoy zusammen, während der Toningenieur Dr. Echo in der Zwischenzeit seine Zelte in Neuseeland aufgeschlagen hat. Trotz der räumlichen Distanz ist es den beiden Protagonisten endlich gelungen, die Früchte ihrer Zusammenarbeit aus den Jahren zwischen 2007 und 2009 in Form der „Dub Defender Sessions“ zu veröffentlichen. Die Sammlung enthält Aufnahmen, die bisher nie das Licht der Welt erblickten. Etwa die Hälfte der Tracks hat Gesang und verbreitet – trotz der süßlichen an Ali Campbell (UB40) erinnernden Stimme – eine etwas düstere Stimmung. Trotzdem interagiert die dubbige Musik vorzüglich mit den Texten. Der Rest des Albums sind sehr schöne, chillig-dubbige Instrumentals. Eigentlich bekommen wir hier nichts Spektakuläres geboten, aber die hohe Qualität des Albums liegt in den Dubs, die Dr. Echo und Satori gemeinsam produziert haben. Dr. Echo bringt seine jahrzehntelange Mixing-Erfahrung zum Einsatz und schöpft aus den Möglichkeiten der Technik. Dabei überfrachtet er die Dubs nicht mit einer Flut an Effekten, sondern schafft in seinen Dubs Raum für Ruhe und ambiente Klänge. „Dub to Nowhere“ ist meines Erachtens ein hervorragendes Beispiel dafür. Ein weiteres Highlight und zugleich der Schlusspunkt des Albums setzt mit seinem Rasta-Drumming und seiner relaxten Atmosphäre „Dub Decision“.
Fazit: Wenn man dem Album Zeit gibt, begeistert es durch seinen gefühlvoll gespielten Roots-Reggae, butterweichen Keyboard- und Saxofon-Passagen und seine teilweise im Ambient verwurzelten Dubs. Ein sehr schönes, unaufdringliches Werk, das zu Unrecht viele Jahre in irgendwelchen Regalen verstaubte.
Wer nicht lesen will muss hören: Ab sofort bieten wir euch nicht nur Lesefutter sondern auch Ohrenschmaus. So finden ihr am Ende der Startseite ab sofort zwei exklusive dubblog-Playlists, die wir euch zusammen gestellt haben.
Unsere Playlist „editor’s choice“ bietet einen wöchentlichen Rück- und Überblick auf das aktuelle Geschehen in der Dub-Landschaft. Mit der Track-Auswahl wollen wir das Genre in all seinen Tiefen ausloten, gleichzeitig aber auch die subjektive beste und aktuellste Musikauswahl bieten. Das wichtigste aber: Das Ding soll euch Freude machen und die eine oder andere musikalische Entdeckung bereithalten. Euer Feedback wird uns zeigen, ob wir damit richtig liegen.
Das zweite Audio-Angebot ist die Playlist „deep in dub by dubblog“. Sie umfasst 100 Tracks und lotet das Angebot unserer Lieblingsmusik deutlich umfangreicher und nachhaltiger aus. Sie ist ein Ableger des bewährten Playlist-Koloss „deep in dub (Extended Version)“, der mit über 4.700 Dub-Tracks der neueren Zeit, sprich ab dem Jahr 2000, aufwartet und laufend mit neuem Material erweitert wird. Kuratiert von yours truly – Gerhard Thomas Kriz aka gtkriz – könnt Ihr davon ausgehen, Dub der klassischen Machart serviert zu bekommen. Und dass, so Ihr wollt und durchhaltet, 14 Tage lang 24/7 ohne eine einzige Track-Wiederholung. Die volle Breitseite, sozusagen.
Für alle, die sich eher in den glorreichen Dub-Jahren der späten 70er und frühen 80er am besten aufgehoben fühlen, hier noch ein Tipp: Spotify hostet auch die Playlist „deeper in dub“: Roots Radics, Aggrovators/Revolutionaries/Sly & Robbie, Scientist, Prince Jammy, King Tubby, Joe Gibbs – alle alten Meister versammelt in einer einzigen, tonnenschweren Dub-Schlacht. Enjoy!
Es sein noch kurz angemerkt: Die Web-Einbindung der beiden Playlists „editors choice“ und „deep in dub“ am Ende der dubblog-Startseite erlaubt – aus Gründen des Urheberrechts – nur das Abspielen von 30-sekündigen Previews. Doch nur einen Klick weiter gelangt ihr zum kostenlosen Spotify Web-Player, der euch das komplette Hörvergnügen bietet. Mit SongShift gibt es zudem eine kostenlose App, die es euch erlaubt, Spotify-Playlists in den Streaming-Dienst eurer Wahl zu importieren.
Schon wieder etwas Neues von Paolo Baldini. Im März die Echo Beach-Retrospektive, dann, vor wenigen Wochen, das Dubblestandart-Remix-Album „Dub Me Crazy“ und jetzt mit großem Crescendo: Paolo Baldini DubFiles Meets Dan I & Imperial Sound Army: „Dolomite Rockers“ (La Tempesta Dub). So lang Name und Titel, so fett das Album: 22 Tracks im Showcase-Style, produziert und eingespielt von den beiden Italienern Paolo Baldini und Dan I im Alambic Conspiracy Studio am Fuß der Alpen. Dan I, den ich vor allem aus seiner Zusammenarbeit mit Alpha & Omega in Erinnerung habe, steuert vor allem den Gesang bei, Baldini den Rest. Der Sound ist heavyweight Steppers, kompromisslos und energiegeladen. Clevere Arrangements, smartes Mixing und überhaupt eine sehr beseelte Atmo sorgen dafür, dass negative Steppers-Klischees weiträumig umschifft werden. So kann zeitgemäßer Dub klingen! Okay, Dan Is Vocals sind nicht allzu inspiriert, haben hier aber niemals die Verantwortung, ein ganzes Stück tragen zu müssen. Meist gliedern sie sich harmonisch in den Gesamtsound ein. Aber ich vermute, es war sein Einfluss, der Baldini auf die dunkle Seite des Steppers gezogen hat. Verglichen mit Baldinis früheren Produktionen ist „Dolomite Rockers“ härter, dunkler und wuchtiger geraten. Mir gefällt das supergut. Mit Akae Beka, Fikir Amlak, und Benji Revelation treten zudem drei Gastvokalisten auf, die perfekt zum neuen Baldini-Sound passen. Sehr cool ist auch, dass dieser urbane Dub-Sound in einer der schönsten Naturlandschaften Europas entstanden ist – der Heimat der beiden Musiker. Noch cooler finde ich es, ihr den Albumtitel zu widmen.
Es ist immer wieder faszinierend, welch unterschiedliche Stimmungen Dub transportieren kann. Der Abstand zwischen der neuen EP von Jim: „Jimmy Reggae Dub“ (JIM) und einem energiegeladenen Steppers könnte größerer jedenfalls nicht sein. Der „Peter Pan des französischen Hip Hop“, als den er sich selbst bezeichnet, hat hier ein zutiefst melancholisches Werk vorgelegt. Geradezu quälend langsame Beats, rau und pur, kontrastieren zu Akkordeon- und Harfenklängen und federleichten, elegischen (synthetischen) Sopranstimmen. Alles in Moll minus. Was Melancholie betrifft, kennt Jim sich bestens aus. Mit seinen Hip Hop-Produktionen hat er ihre Abgründe bereits intensiv erkundet. Seit Jahren leidet er unter einem hochgradigen Tinnitus – schrecklich für jemanden, dessen Leben der Musik gewidmet ist. Aber vielleicht war das ja der Grund, sich den ruhig fließenden Basslines von Dub zuzuwenden. „Jimmy Reggae Dub“ (der Titel ist jedenfalls nicht auf dem Niveau der Musik!) ist innerhalb von drei arbeitsintensiven Wochen in Studioklausur entstanden. „I felt suffocated after 10 years of hip hop“, erklärt Jim, „I always liked reggae but never thought of doing it one day. But with confinement and my desire to explore something else, this EP was born. I tried to get the sound as acoustic and raw as possible.“ Das ist Jim perfekt gelungen. Oft sind es ja gerade die Genre-Außenseiter, die – vielleicht auch unbewusst oder aus Unvermögen – mit den Konventionen brechen, Neues entdecken und so die Musik bereichern.