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City Squad: Grenoble

Ein interessantes Konzept verfolgt das französische Label Subsquad. Es kompiliert unter dem Titel „City Squad“ kostenlose Dub-Sampler mit Dubs von Artists aus jeweils einer französischen Stadt. Nach Bordeaux im letzten Jahr war jetzt Grenoble dran. In der Stadt nahe der Alpen leben weniger Einwohner als in Herne, und doch hat Subsquad 15 (!) Tracks verschiedener Dub-Artists zusammen bekommen – alle aus Grenoble. Unfassbar! In der Stadt und der näheren Umgebung sind tatsächlich 14 Sound Systems beheimatet (in Herne kein einziges). Tja, wer hätte das gedacht? Ich habe nicht im geringsten geahnt, dass Grenoble eine Hochburg des Dub ist. Aus unerfindlichen Gründen verorte ich Dub immer noch in Großstädten. Aber spätestens seit Paolo Baldini ist immerhin klar, dass Dub auch durch die Tälern der Alpen schallt. Dass ausgerechnet Grenoble so ein Dub-Hotspot ist, liegt vor allem am Roots ’n’ Culture-Festival, das 2003 als ein der alternativen Musik gewidmetes Sommerfestival startete, sich aber nach und nach Reggae zugewandte und und seit 2017 ein reines Sound System-Event ist. Ich habe es noch nie besucht, aber ich stelle es mir fantastisch vor, denn hier kommen zwei meiner größten Leidenschaften auf magische Weise zusammen: Dub und die Berge. Vom Festival aus infizierte Dub bald die ganze kleine Stadt und das Roots’n’Culture-Kollektiv veranstaltet inzwischen das ganze Jahr durch viele andere Dub-Events in Grenoble. Wer die Dub-History von Grenoble im Detail nachlesen möchte, kann das auf der Subquad-Website machen.

Zurück zum Sampler: Er bietet 15 Tracks von lokalen Artists, von denen zwar bisher nicht ein einziger meinen Weg kreuzte, deren hier versammelte Dubs mich aber voll und ganz überzeugen. Ich habe mir das nächste Roots’n’Culture-Festival schon vorgemerkt.

Bewertung: 4 von 5.
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Crucial Rob: Dreadlocks on the Battlefield

Manchmal ist die Zeit einfach reif. Dann braucht man eine Steppers-Dröhnung. Und zwar so richtig. Insbesondere jetzt wo man zu Hause versauert und Sound Systems sich im Lockdown befinden. „Tailored for the Soundsystem, this EP is just waiting for the return of those evenings that we miss so much“, schreibt Culture Dub, womit das französische Label mir aus dem Herzen spricht. Die Rede ist hier übrigens von der EP „Dreadlocks on the Battlefield“, zusammengehämmert von Crucial Rob. Der Titel passt perfekt, denn wir hören hier wahrlich den Sound schwersten Geschützes. Der Franzose macht definitiv keine Gefangenen. Stoisch stampft die Bassdrum durch die Tracks und der Bass wummert im Hintergrund. Wie Schrapnell fliegen überall synthetische Sounds durch den Raum, schallen von den Wänden zurück und verlieren sich schließlich in der Unendlichkeit. Es gibt sogar kleine rudimentäre Melodien, die als Synthie-Plankton durch die basschwere Atmosphäre schweben. Die eigentlichen Stars dieser Tracks sind allerdings die Percussions. Geradezu virtuos treiben Sie in vertrackten Mustern den Beat voran.
Auf der EP gibt es insgesamt neun Tracks zu hören, die auf drei Rhythms basieren. Es gibt also: Instrumentalversion, Dub 1 und Dub 2. Klingt minimalistisch? Ist es auch, kommt aber der hypnotischen Wirkung der EP massiv zugute. Kurz: Crucial Rob hat Sound System-Dub verstanden. Dunkel, minimalistisch, hart, magisch – so muss er sein.

Wer Crucial Rob kennen lernen möchte, schaue sich dieses (etwas langatmige) Video-Porträt an, das auch sehr schön verdeutlicht, für welchem Kontext Robs Musik gemacht ist.

Bewertung: 4 von 5.
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Bob Marley & The Wailers: In Dub Vol. 1

Wie doch die Zeit vergeht. Genau heute vor vierzig Jahren traf mich eine Nachricht im Radio mitten ins Mark. Ich fuhr meinen alten VW-Käfer an den Straßenrand, hielt wie in Schockstarre an und fühlte mich so, als wenn ich gerade die traurige Nachricht erhalten hätte, dass ein sehr guter Freund von mir gestorben wäre. Die Galionsfigur des Reggae, der Tuff Gong, hatte seinen letzten Kampf gegen den Krebs verloren. Nachdem sich Bob Marley beinahe sechs Monate in der Ringberg Klinik in Rottach-Egern hat behandeln lassen, verschlechterte sich Anfang Mai 1981 sein Gesundheitszustand sehr deutlich und er beschloss, zurück nach Jamaika zu fliegen, um dort die letzten Tage seines Lebens zu verbringen. Dieses Ziel sollte er leider nicht mehr erreichen. Bereits auf dem Rückweg in die Karibik kollabierte er auf dem Flughafen in München-Riem. Nach einer Zwischenlandung in Miami am Morgen des 11. Mai war er für einen Weiterflug zu schwach. Er wurde in eine Klinik gebracht, wo er kurze Zeit später verstarb. Einer der charismatischsten und herausforderndsten Interpreten unserer Zeit, eine musikalische, politische und sogar spirituelle Figur mystischen Ausmaßes verstarb 36-jährig und ist und bleibt Reggaes größte Ikone und eine herausragende Figur unserer Zeit. Kein Künstler in der modernen Musik hat sein Genre so dominiert wie Bob Marley den Reggae. Marley sang von Rebellion, Aufständen, Rasta und der Kraft der Liebe. Ein Mann, der sich aus bescheidensten Verhältnissen erhob, um ein Vorbild für die Unterdrückten zu werden. Er war der renommierteste jamaikanische Künstler, der dem täglichen Kampf seines Volkes und der Rastafari-Kultur (s)eine Stimme gab und obendrein der Erste, der globalen Ruhm erlangte.
Bob Marley & the Wailers haben zusammen zu Lebzeiten acht Studio- und zwei Live-Alben eingespielt. Anlässlich seines 65. Geburtstags (6. Februar) – wenn er ihn erlebt hätte – wurde 2010 „Bob Marley & The Wailers – In Dub Vol. 1“ veröffentlicht.
Wenn man einmal von Soul Revolution II absieht, die Lee Perry ursprünglich nur auf seinem Label veröffentlichte, ist „In Dub Vol. 1“ einer der wenigen Versuche Marley Dubs in Albumlänge zu veröffentlichen. Das macht das Album von vornherein interessant, aber auch gewagt. Mit „Roots Rock Dub“ startet das Album und die skanking Rhythmusgitarre in Kombination mit fragmentierten Backing Vocals werden durch jazzige Saxofon Klänge ergänzt. Die „Jamming Version“ verzichtet fast vollständig auf Echo und Hall. „Is This Love Dub“ kommt wesentlich stärker: Die Lead-Vocals werden ein- und ausgeblendet, Echo, Hall und schöne Percussions weißen den Weg. „One Love/People Get Ready Dub“ klingt in meinen Ohren ebenfalls gelungen. Bei „Forever Loving Jah Dub“ übernimmt Aston Barretts unvergleichlicher Bass die Rolle, die ihm im Dub auch gebührt, die Hauptrolle. Beim „Lively Up Your Dub“ wurde mehr von Bob Marleys Stimme beibehalten als bei einigen anderen Tracks. „Three Little Birds Dub“ klingt ein bisschen wie aus den Anfängen des Reggae, vielleicht auch aufgrund der klassischen Instrumentierung. „Crazy Baldhead Dub“ wirkt noch dunkler und dadurch auch interessanter, während „Waiting in Vain“ mir noch wesentlich düsterer erscheint als das Original. „She’s Gone Dub“ enthält einen Großteil des Originalgesangs, bevor es in einen großartigen Old-School-Version/Dub-Stil übergeht. Das Album schließt mit einer „Smile Jamaica Version“ und einem für die damalige Zeit charakteristischen, etwas dumpfen, Produktionssound.
„Lively Up Your Dub“ ist der einzige Track auf diesem Album, bei dem zweifelsfrei zu erkennen ist, dass er von Scientist gemixt wurde. Die restlichen zehn Tracks könnten Bob Marley zusammen mit Aston Barrett oder andere im Tuff Gong Studio tätige Sound-Engeneers gemixt haben. Auf dem Album sind diesbezüglich leider keinerlei weitere Informationen zu finden.
Abschließend kann man feststellen, dass auf „Bob Marley & The Wailers – In Dub Vol. 1“ keine größeren Mischpult Tricksereien stattfinden oder ein Dubfeuerwerk abgebrannt wird. Vielmehr bekommen wir vor Augen und besonders Ohren geführt, dass auch im reduzierten Dubsound Robert Nesta Marleys Songs und Melodien wie Fixsterne im unendlichen Universum erleuchten.

Bewertung: 4 von 5.
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Winds of Matterhorn

Ich habe den Eindruck, dass Reggae-Instrumentals gerade ein Revival erleben. Man denke nur an die letzten Veröffentlichungen von Clive Hunt, den Roots Makers, Addis Records oder z. B. an die schöne Gregory Isaacs-Hommage von Megumi Mesaku. Nicht selten spielt dabei die Brass-Section eine große Rolle. So auch bei dieser beeindruckenden EP aus den Schweizer Bergen: „Winds of Matterhorn“. Mit einem Umfang von nur vier Titeln handelt es sich ja eigentlich um eine 12“-Single. Bekanntermaßen sind solche kurzen Formate für den dubblog nicht von Interesse. Aber in diesem Fall müssen wir eine Ausnahme machen. Denn die vier Tracks wiegen ein komplettes Album auf. Mit Schweizer Präzision produziert, handelt es sich keineswegs nur um Rhythms, die eigentlich als Song-Backing aufgenommen wurden, sondern um komplett durch komponierte instrumentale „Songs“. In anderen Musikstilen, wie Jazz, eigentlich eine Selbstverständlichkeiten, im Reggae aber leider weitgehend in Vergessenheit geraten. Deshalb sind wir bei den Winds of Matterhorn auch meilenweit entfernt von den typischen Dub-Instrumentals bei denen ein Soloinstrument (wie zum Beispiel die Melodica) gänzlich ohne Bezug zum vorproduzierten Rhtyhm ein uninspiriertes Soloding durchzieht. Es ist ganz offensichtlich dass die Tunes von Winds of Matterhorn von vorne herein als Instrumentals geplant, komponiert und ausgeführt wurden. Eine Funktion als Vocal-Backing war nie intendiert. Die Arrangements sind gleichermaßen kunst- wie kraftvoll und folgen einer cleveren Dramaturgie. Instrumental-Soli und Rhythmus sind eng miteinander verwoben, als führten sie einen innigen Dialog. Es gibt ordentliche Kontraste: Sensible, ruhige Passagen prallen auf eine Wall of Sound und die eleglischen Klänge von Flöte und Cello treffen auf schmetternde Bläsersätze. Langeweile kommt hier nicht auf.

Hinter den Winds of Matterhorn stecken Posaunist Matteo D’Amico und Produzent Jean-Baptise Bottliglieri, sowie eine ganze Reihe anderer versierter Musiker. Denn nach alter Manier, wurden hier alle Instrumente von Hand eingespielt. Der Sound ist schlicht fulminant, maximal dynamisch und einfach betörend. Das einzige Manko: Vier Tracks sind viel zu wenig. Wann kommt das Album? Bis dahin tröstet uns die Erkenntnis: Die europäischen Wareika Hills liegen in den Schweizer Alpen.

Bewertung: 4.5 von 5.
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HabooDubz: Obudubz

Als hätten alle nur auf den Frühling gewartet, purzeln in den letzten Wochen massenweise spannende Dub-Produktionen herein. Vielleicht ist es aber auch nur die Ausbeute von inzwischen mehreren Monaten Home-OfficeStudio.

Dieses Album bereitet mir zur Zeit jedenfalls die meiste Freude: „Obudubz“ (Culture Dub) von HabooDubz. Ja, da verwechselt man schnell mal Artist- und Albumname. Hinter dem niedlichen HabooDubz – der Name würde gut als Titel für ein Kinderbuch taugen – steckt der Globetrotter Gabor Polaak. Er wurde in Budapest musikalisch sozialisiert, ist nach Manchester ausgewandert, dann nach London gezogen, anschließend nach Kambodscha emigriert, ausgiebig durch Mexiko gereist und schließlich in die ungarische Heimat zurückgekehrt. Bei seiner Weltumrundung hat er mannigfaltige musikalische Einflüsse aufgesaugt, die nun, beim Dub-Produzieren wieder raus müssen und seiner Musik diesen wunderbaren kosmopolitischen Flair verpassen. Eigentlich handelt es sich um Worldmusic inna Dub-Style. Im wahrsten Sinne: Heavy Bass und Steppers bilden meist die solide Basis, auf der dann exotische Instrumental-Sperenzchen aufbauen. Klingt nach klassischem Muster, doch Polaaks Kunst zeichnet sich gerade durch die organische Verbindung der beiden Ebenen aus. Ihm gelingt es genau das zu vermeidet, was wir beim Dub nicht selten zu hören bekommen: Ein 0815-Beat und darüber, völlig losgelöst, eine Melodica (oder ein anderes stereotypes Solo-Instrument). Das Gegenteil ist bei HabooDubz der Fall: In virtuosen Arrangements fusionieren exotische Harmonien und Rhythmusbasis zu hochspannenden Musik-Trips, denen sich wunderbar analytisch zuhören lässt, die aber auch ordentlich in den Körper fahren und Bewegungsdrang auslösen. Um die faszinierenden World-Sounds nicht auf exotische Melodien oder Samples zu beschränken, fügt Polaak oft typische Percussions hinzu oder setzt ungewöhnliche Melodieinstrumente rhythmisch ein. Nicht zuletzt sorgt auch der Mix dafür, dass die Tracks einer regelrechten Dramaturgie folgen, die stets für überraschende Wendungen und Stimmungswechsel sorgt. Das Beste zum Schluss: Da der ungarische Kosmopolit der Welt Gutes tun will, bietet er seine brillante Musik über die Culture Dub-Seite bei Bandcamp kostenlos zum Download an. Verrückt, aber äußerst sympathisch.

Bewertung: 4.5 von 5.
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The Dub Chronicles: Simba (Return to the Throne)

Im beständigen Flow an Dub-Sounds aus aller Welt, gibt es gelegentlich Produktionen, die ragen heraus wie riesige Felsbrocken. Eine flüchtige Sneak-Preview genügt, um zu wissen: Wow, das hier ist etwas Besonderes. Ein solcher Fels ist das neue Album der Dub Chronicles: „Simba (Return to the Throne)“ (Brothers in Dub). Was für ein Sound! Tight, crisp & heavy. „Two soldiers creating the soundscapes of an entire army“ – wie sich die beiden Brüder aus Toronto selbst beschreiben. Wer sich die Youtube-Videos anschaut, in der Jonathan und Craig Rattos in einsamer Zweisamkeit stoisch ihre Riddims einspielen, fragt sich in der Tat, wie dieser Army-Sound mit so geringen Mitteln erzeugt werden kann. Craig spielt Schlagzeug und Jonathan sitzt hinter einem Keyboard, auf dem er Piano, Orgel, Melodica und – man glaubt es kaum – sogar Bass spielt.


Die Brüder aus Toronto befinden sich seit dem Erscheinen ihres Albums „Kingston“, 2018, in meiner Wahrnehmunssphäre. Ein Jahr später folgte dann „The TakeOver“, über das ich begeistert schrieb, es atme den Jazz-Vibe mit jeder Note. Nun ist mit „Simba“ das dritte Album der Brothers in Dub erschienen und überragt die beiden Vorgänger – und das, obwohl einige der Simba-Tracks auf den Aufnahmen von „The TakeOver“ basieren. Hier wie dort ist der Jazz-Vibe prägend, ebenso wie die schönen Instrumentalmelodien. Aber die Arrangements auf „Simba“ wirken noch „reicher“ und harmonischer und der Sound noch dynamischer. Vielleicht liegt das auch am dritten Rattos-Bruder, Ryan, der hier als Gastmusiker das Gitarrenspiel beigesteuert hat. Anders als bei den Vorängeralben, gibt es auf „Simba“ zudem vier Vocal-Tunes, die sich jedoch wunderbar in den Instrumental-Sound eingliedern und das Gesamtwerk ihrerseits mit äußerst schönen Melodien bereichern. Das Album ist übrigens ein Showcase. Die zweite ist die Dub-Version der ersten Hälfte – gemixt von Casey Burnett. Interessant, aber nicht unbedingt zwingend. Das einzige, was aber wirklich mißlungen ist: Das Cover! Ein Löwe (mit Krone!) im Abendrot vor dem Mount Meru? Okay, „Simba“ wurde inspiriert durch eine Kenja-Reise von Jonathan (und bekanntermaßen bedeutet „Sima“, Löwe). Aber ist es wirklich sinnvoll, die eigenwillige Musik des Trios in solch einem visuellen Klischee zu verpacken?

Bewertung: 4.5 von 5.
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Dub Garden: Doctor Wind In Dub

Jedes Mal, wenn ich das vorliegende Album höre, denke ich, dass ich es unbedingt im Dubblog besprechen sollte. Dub Garden sind eine vierköpfige Truppe – zwei Mädels und zwei Jungs – aus Thessaloniki, die in Sachen trip-hoppiger Musik seit 2016 unterwegs sind. Im Sommer 2017 veröffentlichten sie ihr erstes Album: „Doctor Wind“, dem sie 2019 eine Dub-Überarbeitung in Form von Dub Garden: „Doctor Wind In Dub“ folgen ließen. Trip Hop(pige) Formationen aus Anfang der 1990er wie: Massive Attack, Portishead, Thievery Corporation, Groove Corporation, Waldeck, Kruder & Dorfmeister u. v. a. haben maßgeblich dazu beigetragen, dass mein Interesse an Dub über die vielen Jahre nicht gelitten hat und ich immer noch tief in der Materie bin. Ganz besonders muss ich aus der Zeit noch zwei Alben hervorheben: Massive Attack/Mad Professor: „No Protection“ und Groove Corporation: „Co-Operation Dub“, die mir das Fehlen guten, aktuellen, jamaikanischen Dubs wesentlich erträglicher machten. Haargenau dieses Erbe vertreten die griechischen Dub Garden mit ihrem hier vorliegenden Album „Doctor Wind In Dub“, einem Trip Hop-Album, das sehr stark vom Dub beeinflusst ist. Die acht um die vier Minuten langen Tracks reflektieren verschiedenste Musikeinflüsse und nehmen uns mit sehr angenehmen Gesangseinsprengseln, stoischen Basslines, wohl akzentuierten Gitarren-Licks auf eine melodische und ebenso groovige Reise von den frühen Neunzehnneunzigern bis heute. Über teils ethnische, Blues- aber auch Ambient-Elemente begeben wir uns auf weniger bekanntes Dubterrain und ausgelatschte Dubpfade.
Kurz: Wir haben hier eine großartige Mischung aus traditionellem Dub und Innovation. „Doctor Wind In Dub“ ist zeitlos und vertreibt hoffentlich nicht nur mir die schlechten Vibes, welche die „Infamitäten des Lebens“ gelegentlich mit sich bringen.

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

Alborosie: Back-A-Yard Dub

Es ist Freitag, der 23. April, heute erscheint Alborosies sechstes Dub Album. Machen wir uns nichts vor, der Kandidat ist damit gekürt. Man wird „Back-A-Yard Dub“ kaum von der Pole Position der diesjährigen Dub-Charts verdrängen können. Weil es nicht nur grandios klingender, moderner Old School Dub in der Tradition echter Versions ist, sondern auch ein für sich allein funktionierendes Hörereignis, das selbst ohne Deejay, Dancehall oder Sound System mit mörderischen Wellen alles wegbläst, was sich ihm in den Weg stellt. Das Album ist das Pendant zu der vor wenigen Wochen veröffentlichten Wailing Souls LP „Back A Yard“, die Alborosie mit viel Eighties Tamtam, Simmons und Synthie Drums in seinem Studio produziert hat. Flabba Holt von den Roots Radics hat den Bass gespielt, Tyrone Downie von den Wailers die Keyboards. Nachdem das Kraft strotzende Alterswerk der Wailing Souls im Kasten war, hat Puppa Albo die „Alborosie Dub Station“ angeschmissen. Es ist sein neuestes Spielzeug, ein von ihm entwickeltes Plug-In, das in der Lage ist, die typischen Effekte aus King Tubbys Studio zu reproduzieren. Wobei der Hall und der Sound des Tubby Tape-Echos weniger spektakulär, aber doch sehr nice sind. Absolut krass jedoch der digitale Nachbau des High Pass Filters. In Kombination mit der Instrumentenvielfalt der Wailing Souls Vorlage und den Dubskills von Alborosie sorgt das neue Effektboard für ein monströses Spektakel. Montiert zu einem anarchischen Ping-Pong-Exzess voller Hall- und Filtereffekte, die man so noch nicht gehört hat. Vergleichbar mit der Soundgewalt eines Groucho Smykle. Der aber muss zusätzliche Keyboards aufnehmen, um seinen Wall Of Sound zu inszenieren. Alborosie dagegen profitiert von der Vielschichtigkeit seiner Produktion und packt für den Dub noch ein paar gefühlte dB mehr drauf. No matter what the people say, these sounds lead the way! Sein Mix ist wie eine Verkaufsempfehlung für das von ihm entwickelte Gerät, und erste Reaktionen in den Social Media lassen bereits erkennen, dass dieses Plug-In in nächster Zeit den Dub auf breiter Fläche beherrschen wird. Dass die LP „Back-A-Yard Dub“ heißt – und damit meint: zurück in Jamaika – und die Verpackung an die Ästhetik der alten Stempeldruck Cover erinnert, spielt nicht nur zufällig darauf an, dass Alborosies Dub dort entsteht, wo er herkommt. Gäbe es 10 Sterne, diese LP würde 15 kriegen.

PS: Als der Text geschrieben wurde, waren noch keine Streaming-Links freigeschaltet. Hörproben gibt’s hier. Oder man vertraut dem Rezensenten und besorgt sich gleich die LP. Das Vinyl wird’s eh nicht ewig geben.

Bewertung: 5 von 5.
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Reggae Angels with Sly & Robbie: Remember Our Creator – Fox Dubs

Kalifornien scheint ein Brutkasten für Talente zu sein, die Reggae mit allen möglichen Einflüssen verbinden – Rock, Pop, Soul, Hip-Hop. Da wären etwa Rebelution, Tribal Seeds, Iya Terra, Slightly Stupid, Long Beach All Stars, John Brown’s Body usw. usf. Das macht sich in der Musik selbst, in den Arrangements, im Mix, und in den Lyrics bemerkbar. Da ist mehr oder weniger Party angesagt, ein wenig Sozialkritik darf auch sein. Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel – dazu zähle ich etwa Groundation, aber auch die die Reggae Angels. Letzteren Act gibt’s seit 1992; er besteht mehr oder weniger aus Sänger Peter Wardle mit wechselnden Backing-Bands – was nicht weiter interessant oder erwähnenswert wäre, wenn… ja wenn da nicht Sly & Robbie’s Taxi Gang seit einigen Jahren im Studio und bisweilen auch live den musikalischen Teppich für die Reggae Angels ausbreiteten.

Seit mittlerweile drei Alben sind die Riddim Twins an Wardle’s Seite; immer abgemischt von Jim Fox, der die Tracks dann noch einer extra Dub-Behandlung unterzieht. Ergibt zusammen das satte Vocal/Dub-Package, das dann als Doppel-Album daherkommt. Ähnlich funktioniert’s auch beim neuen Album „Remember Our Creator“, wobei die Dubs diesmal als eigenes Album angeboten werden: „Remember Our Creator – Fox Dubs“ (Kings Music International). Allein die Liste der an den Aufnahmen Mitwirkenden lässt erkennen, dass Peter Wardle extrem gut mit der jamaikanischen Reggae-Szene vernetzt ist und die entsprechenden Kapazunder in den Kingstoner Anchor- und One Pop-Studios versammeln konnte. Das Ganze dann nicht in JA abzumischen, sondern in Jim Fox‘ Hände zu legen, scheint geradezu genial.

Nun kann man von Wardle‘s Gesang halten was man möchte – mich erinnert er an Roots-Recken wie Cedric Myton oder Lascelle Bulgin; die Backing-Vox (u.a. seine Tochter) hingegen an die Melody Makers minus dem Feuer von Cedella Marley. Mit seinen durchaus positiven, Gott-zentrierten Texten prägt er jedenfalls auch das musikalische Geschehen, sprich die Arrangements. Es ist schön, dass Sly Dunbar hier mal vorwiegend One Drops spielt und so eine solide Roots-Grundlage für die ausgeklügelten Arrangements bietet, die exzellent umgesetzt sind. Auf den Track mit Drum-Machine hätte ich freilich verzichten können; er demonstriert aber sehr gut den Unterschied zwischen Mensch und Maschine – gerade wenn’s um Gefühl und eine gewisse Sanftheit geht:

Wobei wir eigentlich bei Jim Fox gelandet sind, der bei „Remember Our Creator“ bzw. „Remember Our Creator – Fox Dubs“ für den Klang verantwortlich ist. Er ist zweifellos ein Meister seines Fachs und spielt in einer Liga mit Steven Stanley und Godwin Logie; entsprechend ausgewogen und facettenreich sein typisch unaufgeregtes Klangbild. Wunderbar die tiefergelegte, satte, weiche und gleichzeitig präzise Bass-Drum, die eine tolle Dynamik liefert und das Herz des Rezensenten höher schlagen lässt. Fox schafft es sogar, Aggro-Sax-Player Dean Fraser einen Dämpfer zu verpassen bzw. soundmäßig tief ins Geschehen zu integrieren, anstatt ihn kreischend oben drauf zu setzen – ein Kunststück für sich. Nicht ganz so gut gelungen Dunbar’s Hi-Hat, die zu trocken und laut daherkommt und etwas zu viel Einblick in die aktuell nicht-ganz-so-exakte Beckenarbeit des Drummers bietet. Die – wenn man das so dramatisch sehen will – Katastrophe des Albums ist aber ein kitschig-aufdringliches Keyboard Marke Korg & Konsorten. Sowas hörte man zuletzt in den 1980ern, als sich genrefremde Musiker am Reggae vergingen. Ich laste das Peter Wardle selbst an, der Keyboards spielt und sich hier wohl mit ein paar Overdubs eingebracht hat. Schuldig auch Jim Fox; er hätte diese Keys im Mix vergraben können. 

Was soll man machen – er ist halt ein guter Kerl, der Jim. Deshalb wollen wir ihm auch den zwar klanglich brillanten, aber doch recht unspektakulären Dub-Mix nachsehen. Es ist nun mal sein Markenzeichen als Dub-Mixer: Das Original wird nicht groß verändert, sondern vorwiegend durch dezente Delays ergänzt. Wer das mag, nennt diesen Vorgang „veredeln“; ich behaupte aber: Das Edle an „Remember Our Creator – Fox Dubs“ ist der wunderbar ausgeglichene Sound, der schon beim Abmischen des Vocal-Albums entstanden ist. Minus dem Kitsch-Keyboard, wohlgemerkt.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Fatman Riddim Section Meets the Lickshots: Big Man Sound

Wie schön, „African Beat“ mal wieder in einer richtig amtlichen Reggae-Version zu hören. Die Melodie dieses – im Original von Bert Kaempfert komponierten – Instrumentals gehört zu meinen absoluten Lieblingen. Überhaupt könnte ich die klassischen (meist dem Studio One entsprungenen) Riddims ständig hören. Machen wir uns nichts vor: Die Basslines u. a. von „Heavenless“, „Real Rock“, „Bobby Babylon“, „Full Up“, „Drum Song“, „Rockfort Rock“, „Swing Easy“, „My Conversation“ sowie die kleinen, dazugehörigen Orgelmelodien oder Bläsersätze sind bis heute unübertroffen (wenn wir Sleng Teng mal ausklammern). Wer, wie ich, so viel Spaß an den alten Kamellen hat, kann nun jubeln, denn die legendäre Fatman Riddim Section hat im Zusammenspiel mit den Lickshots eine überaus charmante EP vorgelegt, die sich fünf klassischen Hit-Riddims inna Dub-Style widmet: „Big Man Sound“. Die Fatman Riddim Section kennen wir noch aus unzähligen Produktionen der 1970er Jahre – vor allem aber als Teil der Inner Circle Band. Vom einstigen Trio scheint jetzt allerdings nur noch Gitarrist Roger Lewis aktiv zu sein. Bei den Lickshots handelt es sich hingegen um eine ehemalige Ska-Band, die schon vor einigen Jahren mit ihrem superbem Album „The Lickshots“ den Weg zum Reggae gefunden hat. Eine ungewöhnliche, aber offenbar kongeniale Kombination. Die Big Man Sound-EP ist jedenfalls eine überaus gelungene Hommage an die goldene Ära des Reggae – wenn auch mit den fünf Tracks leider im Miniaturformat. Sauber produziert, instrumentiert und eingespielt und ganz klassisch im Dancehall-Style Dub-gemixt. Es gibt sogar ein wenig Minimal-Toasting wie in den Zeiten von King Stitt – hier ist allerdings Micro Don (vom New Yorker Rice and Peas-Kollektiv) für die Ansagen verantwortlich. Niceness all around!

Bewertung: 4.5 von 5.