Kategorien
Review

Rapha Pico & The Noble Chanters: The Glory of Dub

Rapha Pico, Sänger aus den Niederlanden, fiel erstmals mit seiner EP „Continue The Glory“ auf. In erster Linie ob seiner Stimme, die irgendwo zwischen Ras Batch und Army einzuordnen wäre – sprich einer Stimme ohne Eigenschaften, quasi der Lebensgrundlage von Background-Sänger*innen schlechthin. In zweiter Linie ob der Texte, die mit ihrer Schlichtheit und dem Bemühen einfachster Bilder über die üblichen und hinlänglich bekannten Rasta-Befindlichkeiten nicht hinausgehen. So weit, so schlecht – wäre da nicht eine sattelfeste Backing Band, die sich „The Noble Chanters“ nennt; wäre da nicht eine äußerst gelungene Produktion, wie sie klassischer nicht sein könnte:

Gut, der bemühte Rezensent findet immer etwas zum mosern – und sei es nur der Drummer, der zwar sehr schön Carlton Barrett imitiert, aber mit der Zeit nervt’s dann doch: Es gibt nun mal nur einen Carlton Barrett mit seinem außergewöhnlichen Drum-Stil; Klone kommen an ihn nicht heran und sind überflüssig – natürlich mit Ausnahme der Drummer in den diversen Wailers-Inkarnationen post-Marley.

Wenden wir uns also dem frisch erschienen Dub-Counterpart der EP zu, trefflicherweise „The Glory of Dub“ (Noble Chanters Productions) betitelt. Klanglich rauer und nicht so poliert wie das Vokal Album, stehen Drums und Bass mit erstaunlicher Dynamik im Vordergrund. Die in den Stücken immer wieder mal auftauchenden Stimm-Sprengsel sind sehr gut gewählt und geben meist die Essenz der jeweiligen Lyrics wieder. Die Dub-Effekte könnten klassischer nicht sein: Unaufgeregtes Echo und Hall ziehen sich durch‘s ganze Album; die eine oder andere Tonspur wird sanft ein- und ausgeblendet. Und das war’s auch schon, mehr braucht’s auch nicht. Das trägt Hörerin & Hörer durch sechs Tracks, die zusammen erstaunliche 42 Minuten lang dauern – während es der Vokal-Counterpart mit ebenfalls sechs Tracks lediglich auf 28 Minuten bringt. Da hat wohl jemand große Freude an extra-langen Dub Versions gehabt, und die Freude ist ganz meinerseits:

Im Großen und Ganzen ist „The Glory of Dub“ also ein gelungenes, wenn auch kein experimentierfreudiges Dub-Album, das sich mit seiner ihm eigenen Unaufdringlichkeit vortrefflich als Backgroundmusik zum Arbeiten, Lesen oder Dösen eignet. Dem Rezensenten wäre das eine glatte 4-Sterne-Bewertung wert, wenn… ja wenn es da nicht am Anfang und Ende jedes einzelnen Tracks unerklärliche und sinnlose sekundenlange Stille geben würde. Die dauert mal 5 Sekunden, mal sage und schreibe 20 Sekunden. Das ist äußerst ärgerlich, trübt das Hörvergnügen massiv und kann m.E. nicht als Stilmittel zu rechtfertigen sein. Warum hier nicht editiert wurde, bleibt wohl ein Rätsel, das vielleicht die Leser*innen dieser Rezension klären können. Bis dahin ziehe ich mit Bedauern zwei Sterne in der Bewertung ab.

Bewertung: 2 von 5.

Kategorien
Review

Brother Culture: Code Name in Dub

Der Brixton-MC Brother Culture erlebt gerade so etwas wie seinen zweiten Frühling. Erst die Hit-Single „Jump Up Pon It“, dann das erfolgreiche Album „Code Name“ und nun der dritte Streich: „Code Name in Dub“ (Evidence Music). Eines muss man dem sympathischen Rasta lassen: Er hat ein Gespür für Hooklines. Gold wert, um einen Dub-Sound System-Dance so richtig zum Kochen zu bringen. Zu schade jedoch, dass es ihm nicht gelingt, um diese Hooklines herum vollwertige Songs zu stricken, was zur Folge hat, dass er diese endlos stakkatohaft wiederholen muss, um auf Song-Länge zu kommen. Mich nervt das ein wenig. Umso mehr freute ich mich, als das Dub-Pendant zu „Code Name“ erschien, versprach es doch gute Schweizer Qualitätsproduktionen ohne enervierende Lyrics-Schleifen. Jedoch weit gefehlt: Der Vocal-Anteil ist für ein Dub-Album gewaltig. Noch schlimmer: Ohne Vocals bleiben die Produktionen erschreckend blass. Schnelle Beats, die keinen Raum für spannungsvolle Arrangements lassen, stereotypes Dub-Mixing und generell meist aalglatter Sound. Tja, da hatte ich mehr erhofft. Aber hohe Erwartungen sind ja meist Ursache von Enttäuschungen.

Bewertung: 2.5 von 5.

Kategorien
Review

Khoe-Wa Meets Luiza: Nadjilo

Gelegentlich begegnet mir Musik, die mich regelrecht beglückt und an der ich mich kaum satt hören kann. Aktuell ist das diese EP: Khoe-Wa Meets Luiza, „Nadjilo“ (ODGPROD). Fünf perfekte Songs, wie ich finde. Und ja: „Songs“, also mit Gesang. Kann ich es trotzdem unter „Dub“ verbuchen? Ich meine ja, denn Musik und Stimme gehen hier eine so perfekte Symbiose ein, dass die Stimme zum Instrument wird, zumal Luiza in der mir gänzlich unverständlichen Sprache Shona singt (kling frappierend skandinavisch, wird aber tatsächlich von neun Millionen Menschen des Volkes der Shona als Muttersprache gesprochen und hat in Simbabwe den Status einer Nationalsprache). Begleitet wird sie von den Klängen des Khoe-Wa Sound Systems, über das nicht viel in Erfahrung zu bringen ist, außer dass es (wahrscheinlich) in Frankreich beheimatet ist und aus zwei Leuten besteht: einem Dub-Produzenten und einem Sitar-Spieler – was ja an sich schon eine fantastische Kombination ist. Die beiden haben bereits 2016 ein Album veröffentlicht, das aber unter den etwas zu brachial produzierten Beats litt. Auf „Nadjilo“ ist davon keine Spur mehr. Beats, Sitar und Luizas Gesang fügen sich zu sanften, ätherischen und doch energetischen Klängen voller Harmonie und Schönheit. Schade, dass es nur fünf Tracks sind. 50 wären mir lieber.

Bewertung: 4.5 von 5.
Kategorien
Review

Dubvisionist meets Dubblestandart & Firehouse Crew

Das Echo Beach-Label versteht es, seine veröffentlichten Produktionen ein- oder mehrmals wiederzuverwerten. Das kann man mit einigem good will als nachhaltiges Upcyclen oder gar als Weiterforschen am musikalischen Mikrobiom interpretieren; in vorliegendem Fall sehe ich es aber eher als Wiederbelebungsmaßnahme für ein… nun ja, suboptimal gelungenes Album. Kurzum, Dubblestandart’s „Reggae Classics“-Kollaboration mit der Firehouse Crew hat einen kräftigen neuen Anstrich erhalten. Nachdem Paolo Baldini für sein feines Dubblestandart-Remix Album bereits zwei Tracks aufgemischt und entrümpelt hat, nimmt sich jetzt Felix Wolter aka The Dubvisionist dankenswerterweise des gesamten Albums an, dass soeben unter dem Titel „Dubvisionist meets Dubblestandart & Firehouse Crew“ (Echo Beach) erschienen ist.

Der Dubvisionist erledigt dabei seinen Job recht forsch, um nicht zu sagen: rücksichtslos, und er denkt nicht daran, Gefangene zu machen: So fliegen Paul Zasky’s steife Vocals komplett aus dem Mix und dürfen, wenn überhaupt, nur mehr als hochgradig verfremdete Schnipsel zurückkehren. So gelingt es tatsächlich erstmals, Bruchstücke der Stimme in den Dienst der Sache zu stellen und damit ein großes Manko des Original-Albums zu beheben. Auch mit anderen Tonspuren geht Felix Wolter nicht zimperlich um; Gitarren- oder Drum-Parts müssen schon mal dran glauben, um Raum für die der beabsichtigten Stimmung zuträglicheren Synths zu schaffen. Als Klangteppich spielen sie eine gewichtige Rolle im Mix und verbreiten eine getragene, mitunter mystisch-melancholische Atmosphäre, die den Grundtenor des Albums prägt.

Mir ringt diese resolute, kompromisslose Herangehensweise des Dubvisionisten einigen Respekt ab; was er aus den gegebenen Klängen noch rausholt, ist erstaunlich: Tänzelten die Originale noch allzu leichtfüßig daher, bekommt sie jetzt von ihm ein ordentliches Fundament verpasst – ein Stück wie „Hypocrite“ gerät so zum stampfenden Furiosum. Andere Tracks scheinen hingegen ätherisch zu schweben; der Opener „I’m No Robot“ beschwört schon mal mehr als eine Minute die Grundstimmung des Albums herbei – bevor mit Einsetzen der Drums Anleihe an der Hookline von Joy Division’s „Love Will Tear Us Apart“ genommen wird. Ein dramaturgischer Glanzgriff, keine Frage. Ebenso gelungen die neue, spacigere Version von Burning Spear’s „Fly Me To The Moon“ – erstaunlich, wie der neue Mix das Material belebt und eindrucksvoll demonstriert, wie zwei Dub-Mixer – Felix Wolter und Robbie Ost – ein und das selbe Material unterschiedlich interpretieren.

Nun ist es wohl so, dass zwei Herzen in Felix Wolter’s Brust pochen – da gibt’s den geschätzten Dubvisionisten, aber auch das Projekt PFL (Pre Fade Listening), dass sich mehr oder weniger der Lounge-Musik verschrieben hat. Beide beeinflussen und befruchten sich zu einem gewissen Grad gegenseitig, was zweifellos anhand von „Dubvisionist meets Dubblestandart & Firehouse Crew“ nachvollziehbar ist. Diese Mischung macht bisweilen den Reiz von Wolter’s Mixes aus, wird aber für den Dubhead spätestens dann zum Problem, wenn PFL dann doch mal das Kommando an sich reißt und einen Track wie „Babylon The Bandit“ in seichtere Lounge-Gewässer führt. Ein einmaliger Ausrutscher, der gerade noch von einer dominanten Bassline aufgefangen wird.

Soundtechnisch bewegen wir uns hier in den typischen Dubvisionist-Dimensionen: Markanter, eher mittig angelegter Bass; die Höhen zurückhaltend. Wer sich kristallklar-glitzernde Trebbles erwartet, wird enttäuscht werden. Alle anderen wissen, dass eine klangliche Hochglanzpolitur hier falsch am Platz wäre – Dub ist nun mal mehr Dampfwalze als Windspiel, mehr Gefühl denn Intellekt. Unter dieser Prämisse verwandelt der Dubvisionist einen ehemals hölzern-steifen Release in ein gefühlvolles, getragen-melancholisches, letztlich aber doch auch in ein Album mit positivem Ausblick.

P.S.: Klangtechnisch Interessierten empfehle ich, die Mixes von Robbie Ost, Paolo Baldini und vom Dubvisionisten back-to-back anzuhören; die Unterschiede sind ebenso eklatant wie erstaunlich: eine kleine Reise durch drei unterschiedliche Klangwelten.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Portugal Dubwise

Erwähnte ich schon, wie sehr es mich verblüfft, aber auch ungemein freut, dass Dub inzwischen an fast jedem Ort der Welt entsteht, gespielt und von netten Menschen gehört wird? Ja, Dub ist echte „Weltmusik“ geworden – auch wenn sie nach wie vor weit unter der Wahrnehmungsschwelle des Mainstreams existiert. Wie nicht anders zu erwarten, tummelt sich auch in Portugal eine rege Dub-Szene, wie der Sampler „Portugal Dubwise“ (Subciety) nun eindrucksvoll unter Beweis stellt. Stattliche 19 Dubs von 19 unterschiedlichen Dub-Artists sind hier versammelt, was ja schon mal die quantitative Dimension der Szene deutlich macht. Aber auch stilistisch präsentiert sich Portugal hier äußerst vielseitig. Während die ersten Tracks Bilder von unendlich relaxten Dub-Produzenten herauf beschwören, die in Lissabonner Cafés sitzend und Cortado trinkend auf ihren Laptops Lounge-artige Beats zusammen klicken, offenbart der Mittelteil des Samplers die harte Seite der portugiesischen Dub-Produktion. Steppers-Dubs, die sich richtig ordentlich gewaschen haben und perfekt in ein Set von Marc Iration passen würden. Zum Schluss gibt es dann noch ein paar experimentellere Tracks zu hören, die sogar ganz dezent technoide Sounds anklingen lassen. Insgesamt ein überaus solider und mit viel Gespür für einen nahtlosen Flow kuratierter Dub-Sampler, der Portugal mit Nachdruck auf die Weltkarte des Dub setzt.

Bewertung: 4 von 5.

Kategorien
Review

Dubrakadubra: Dubrakadubra

Schlagzeuger scheinen zum Dubmaster prädestiniert zu sein: Ludovic Daquin (LD Dub), Aldubb, Felix Wolter (Dubvisionist), Ben McKone (General Roots), Nelson Miller (Burning Spear) sind nur ein paar, die mir spontan einfallen. Ergo, der gelernte Drummer Gianluca Ferrara befindet sich mit seinem Projekt „Dubrakadubra“ in allerbester Gesellschaft. Ursprünglich spielte er Schlagzeug in einer Bob Marley-Coverband. Als ihn das alles nicht mehr so richtig begeisterte, verließ Gianluca „Dubrakadubra“ Ferrara bald die Band, um im Fonoprint Studio in Bologna das Handwerk des Tontechnikers zu erlernen. Einige Jahre später zog er nach Mailand, um am C.P.M. (ein Musikberufszentrum) sein erlerntes Wissen zu vertiefen. Parallel dazu war er zum gleichen Zeitraum auch als Mitarbeiter bei der Computermusik-Fachzeitschrift „Cubase Magazine“ beschäftigt. Aber auch das scheint für „Dubrakadubra“ nicht die absolute Erfüllung gewesen zu sein. Denn nach einer Zeit des Rückzugs, der Selbstreflexion und einer kurzen Unterbrechung als Postproduktionstechniker beim Rundfunk, wendete er sich seiner eigenen Musikproduktion zu. Unter dem Pseudonym „Dubrakadubra“ veröffentlichte er ursprünglich als Komponist, Arrangeur, Tontechniker und Dub-Master seine ersten eigenen Produktionen nur im Web. Die sieben, jetzt als Gesamtwerkschau, versammelten Tracks sind ein sehr schönes Konglomerat geworden. Ein Gewitter von Reverb- und Echo-Effekten erwartet uns nicht, aber ein sehr entspanntes Album, das Dub, Trip-Hop, Downtempo, Toasting, Acid Jazz, Klassik-Anleihen à la Matthias Arfmann und vieles mehr aufbieten kann. Für mich eine tolle Entdeckung.
Heute ist Gianluca Ferrara auch unter dem Pseudonym „DubMatter“ am Start. Auf seiner „Live Dub Session E.P.“ – auch nicht übel – erweist er vier (potenten) Hanfsorten die Ehre.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Dreadlock Tales: Years 2000-2006

Heute gibt es Dub aus dem hohen Norden, genauer aus Finnland. Die Aufnahmen sind, wie der Titel bereits verrät, nicht brandaktuell. Dennoch lohnt es sich, in diese (kostenlose) Werkschau einmal intensiver reinzuhören. Dreadlock Tales ist (heute) ein Dub-Projekt von Kimmo Ilmari Tyni, einem Musiker und Soundengineer aus Helsinki. Zusammen mit Kasper Philström hat er 1999 „Dreadlock Tales“ als Studioprojekt gegründet, um Reggae und bevorzugt Dub aufzunehmen. Das Projekt kann bereits auf über 20-Jahre musikalische Entwicklung und Geschichte zurückschauen. Möglicherweise lag es auch wegen des Jubiläums nahe, die allerersten Dubs aus den Anfangsjahren, „Dreadlock Tales: Years 2000–2006“, als über 40-minütiges Gesamtwerk zu veröffentlichen. Zu Ohren bekommen wir eine exemplarische Zusammenstellung ganz früher „Dreadlock Tales” Titel, einschließlich des allerersten Tracks, der jemals von den zwei Musikern aufgenommen wurde. Die meisten der hier versammelten Dubs wurden noch analog eingespielt. Doch schon in den Anfangszeiten hatte Kimmo Ilmari Tyni dieses „Analog- vs. Digital-Ding“ am Laufen, bei dem er gerne zwei unterschiedliche Dub-Versionen anfertigte. Zuerst eine analog mit Instrumenten eingespielte Version, der dann die digitale mit „Maschinen” erzeugte Version folgte. Exemplarisch sehr schön bei „AmBush Dub #1 & #2″ herauszuhören. Die hier versammelten Dubs wurden noch zusammen mit Kasper Philström eingespielt und gemixt. Kaspar Philström saß am Schlagzeug und übernahm etliche andere Instrumente. Kimmo Tyni widmete sich Gitarre, Bass und Tasteninstrumenten. Eingespielt und gemixt wurden die melodischen Basslines und dynamischen Riddims analog im Old-School-Stil. Verweise auf die alten Dub-Meister sind auch hier nicht zu überhören. Was man ganz besonders als Kuriosum im Dub hervorheben muss, ist bei einigen Tracks der Einsatz eines Didgeridoos oder der Mundharmonika. Die Melodika wurde nur bei einem Track relativ sparsam eingesetzt. Sehr gespannt war ich im Vorfeld auf die Dubversion von „Wild Child“, einem Doors-Cover aus dem 1969 erschienenen „Soft Parade“ Album. Am Titelende bekommen wir ein fettes Pfund rockig-fetziger Gitarrenriffs auf die Ohren, die leider nix mit Robbie Kriegers Gitarrensound gemein haben und deshalb auf mich eher (ver)störend wirken. Darum können sich vor allem Dubheads die letzten zwei Minuten von „Wildubchild“ getrost schenken.
Trotzdem können wir aber insgesamt positiv vermerken: Auch wenn diese Tracks möglicherweise während des pechschwarzen finnischen Winters entstanden sind, verströmen sie dennoch genug Wärme, um das Studio zum einzigen Zufluchtsort werden zu lassen, an dem man sich vor dem Frost und den Stimmungsschwankungen einer Winterdepression schützen konnte.
Fazit: Mir persönlich gefallen die Aufnahmen der frühen Jahre bedeutend besser, als die heutigen Werke von Dreadlock Tales.

Info: Kasper Philström, der zu Beginn von Dreadlock Tales auch als Koproduzent und an den Reglern in Erscheinung trat, verließ nach den Aufnahmen zur „SynchroniCity” (2007) das Projekt, welches seither von Kimmo Tyni alleine weitergeführt wird.

Bewertung: 3.5 von 5.
Kategorien
Five Star Review

Burning Spear: Living Dub Vol. 2

Die nächste Hiobsbotschaft: Nach Frederick „Toots“ Hibbert hat Corona leider den Nächsten erwischt und viel zu früh ins Grab gebracht. Der bekannte Soundengineer Barry O’Hare verstarb Ende September im Alter von 56 Jahren. Er hinterlässt seine Frau und zwei Kinder. Berichten zufolge starb er nur wenige Tage nachdem er positiv auf COVID-19 getestet worden war im Universitäts-Krankenhaus der West Indies in Kingston. Barry O’Hare könnte vielleicht doch Einigen relativ unbekannt sein, obwohl er auch für Burning Spears Grammy-preisgekröntes Album „Calling Rastafari“ aus dem Jahr 2000 am Mischpult saß. Erst 2018 wurde er von der Jamaica Reggae Industry Association (JaRIA) für seine bedeutende Rolle in der Entwicklung und dem Fortbestand des Reggae geehrt.
Das größte Werk, das Barry O’Hare in meinen Augen der Fangemeinde hinterlässt, ist der Remix von „Burning Spear: Living Dub Vol. 2“ aus dem Jahr 1992. „Living Dub Vol. 2“ wurde ursprünglich 1980 als Dub-Version zu Burning Spears epochaler „Hail H.I.M.“ im Mix von Sylvan Morris auf LP veröffentlicht. Das vorliegende Album ist keine Neuauflage des Original-Dub-Albums, sondern ein völlig neuer Dub-Mix von Barry O’Hare und Nelson Miller (Drummer bei Burning Spear). Die „Hail H.I.M.“ ist für mich das letzte klassische Burning Spear Werk, wenn nicht sein definitives Meisterwerk. Die Backing Band stellte damals ein großer Teil der „arbeitslosen“ Wailers. Bob Marley war gerade sehr schwer erkrankt und befand sich in ärztlicher Behandlung in Dr. Issels Klinik in Bad Wiessee. Also ergriff Burning Spear die Gelegenheit und produzierte zusammen mit Aston „Familyman“ Barrett dieses Glanzstück. Auch das Remix-Album hat keine einzige Schwachstelle. Das Album beginnt mit „Cry Africa“ (Cry Blood Africans) und Burning Spears ein- und ausgeblendeter, klagender Gesang haut mich wieder um, wie bereits beim ersten Kontakt mit diesem Album geschehen. Eigentlich ist „Living Dub Vol. 2“ so homogen, dass es keinen Track gibt, den es lohnt, ausdrücklich hervorzuheben. Jeder Titel hat den perfekten Flow. Die Wailers liefern großartige Musik und Barry O’Hares kongeniale Dubs mit vielen Sound-Effekten sind traumhaft schön. Aus dem Dunst von Echo und Reverb tauchen immer wieder fantastisches „Gebläse“, fließende Keyboards, satte Basslines, komplexes Nyahbinghi-Drumming und Burning Spears klagende Stimme auf. Auch wenn ihr mich vielleicht für verrückt haltet, „Burning Spear: Living Dub Vol. 2“ ist immer noch eines der besten klassischen Dub-Alben aus der Blütezeit. Ein absolutes Muss für jeden Dub-/Reggae Fan. Really well done, Barry! (R.I.P.)

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Review

King Pong Dub System: Dub Brut

Jakob Rehlinger ist ein Deutscher, der in Kanada lebt oder ein deutschstämmiger Kanadier. Sei’s drum, das ist jetzt auch nicht von wesentlicher Bedeutung. Auf jeden Fall würde ich Jakob Rehlinger als einen „kosmischen“ Musikkomponisten und Improvisator bezeichnen, der in Etobicoke, Ontario, lebt. Er veröffentlichte bisher eine große Anzahl an Alben, die nicht nur unter seinem bürgerlichen Namen, sondern auch mit zig Synonymen: King Pong Dub System, BABEL, Moonwood, Heavy Moon, TRANZMIT und in verschiedensten Genres aufgenommen wurden. Von Dub, Chillout, Funk, Krautrock, Psychedelic, Berliner- bis Düsseldorfer Schule ist alles vertreten.

Wir legen hier unseren Schwerpunkt natürlich auf Dub – was sonst? Bereits bei seiner ersten offiziellen Veröffentlichung als „King Pong Dub System: Islington West“ hatte er lt. eigenen Aussagen ein gewisses Unbehagen. Ein „weißer“ Mann, produziert Musik, die stark vom Dub inspiriert ist, ohne dass schwarze Musiker oder Musiker jamaikanischer Herkunft involviert sind. Obwohl King Pong vor allem diese Musik aus Wertschätzung und Respekt macht, ist es doch unvermeidlich, sich auch kulturelle Elemente der Musik anzueignen. Im Laufe der Zeit hat es King Pong dennoch geschafft, seinen völlig eigenen Sound zu erschaffen. Seine von ihm komplett in Personalunion eingespielten Alben, sind mittlerweile etwas weniger von authentischen Dub-Reggae-Rhythmen und -Sounds „inspiriert“. Trotzdem muss King Pong immer wieder anerkennend zur Kenntnis nehmen, dass er auf den hohen Schultern „schwarzer“ Riesen steht: King Tubby, Lee Scratch Perry, Scientist, Mad Professor, Sly & Robbie, Bonjo Iyabinghi Noah, Augustus Pablo und viele andere, von denen er Klänge, Ästhetik und sogar Elemente seines Spitznamens entlehnte. In diesem Jahr hat er sich nochmals das bereits im Sommer 2017 veröffentlichte Album „King Pong Dub System: Dub Brut“ vorgeknöpft und remixed. Herausgekommen ist ein Dub aus der langen Post-Punk-Tradition mit unüberhörbaren Anleihen bei „weißen“ Männern wie The Clash, Mark Stewart und Adrian Maxwell Sherwood. „Dub Brut“ sind improvisierte Drum-Machine-Jams und Live-Loop-Sessions, die von Jakob Rehlinger aka King Pong beinahe komplett live aufgenommen und gedubbt wurden. Mit jedem weiteren Hören offenbart das Album neue Sound-Effekte.

Bewertung: 3.5 von 5.

Kategorien
Review

Nueve Millas: Nine Miles From Kingston Dub

„Nueve Millas“ (Nine Miles) ist das musikalische und audiovisuelle Projekt einiger argentinischer Künstler, die sich die Vertonung von Gedichten, Visuals in Kombination mit Mystik, Astronomie, Reggae und Dub auf die Fahne geschrieben haben. Der Kopf und die Stimme des Projekts ist Pablo Carlos Budassi aka Milkaya aka Malaya. Zusammen mit seinem Bruder Nicolas Budassi, Francisco Vanini, Gonzalo Arriagada Matias Trillini und einigen Freunden gründete er 2002 die Band „Nueve Millas“, bei der er heute noch als Keyboarder mitwirkt. Mit der Band reiste das Allround-Talent Milkaya (Musiker, Grafiker, Texter) quer durch Argentinien, Chile und Bolivien.
Auf Nueve Millas: „Nine Miles From Kingston Dub“ zeigt das 10-köpfige Kollektiv, dass es auch andere Musikgenres (Rock, Punk) sehr gerne mag. Wobei hier zweifellos der Schwerpunkt auf Roots Reggae liegt. Auf gar keinen Fall will die Band von jemandem abhängig sein und deshalb geschieht alles in Eigenregie. So wurde auch dieses Album im Roots-Roots-Heimstudio aufgenommen. Weil Dub doch meist recht zeitlos daher kommt, merkt man auch diesem Album nicht an, dass es bereits 10 Jahre auf dem Buckel hat. Mit ihrer Musik hat die Band nach eigenem Bekunden keinerlei Hoffnung, kommerziell erfolgreich zu sein. Was sie erreichen wollen, ist, dass ihre Musik außerhalb von Zeit und Raum klingt. Ich würde mal sagen: „Das ist Nueve Millas gelungen.“
Wenn ich für dieses Album eine (Kommerz-)Schublade öffnen müsste, dann vielleicht weit entfernt die des „Latino Reggae“.
Empfehlung der Band: „Um den wahren mystischen Zustand des Dub zu erreichen, wird empfohlen, dieses Album unter Einfluss entheogener Pflanzen zu hören.“ Dazu sag‘ ich frei nach Fritz Teufel: „Wenn’s der Musik-Empfindung dient!“

Bewertung: 3.5 von 5.