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Dubrakadubra: Dubrakadubra

Schlagzeuger scheinen zum Dubmaster prädestiniert zu sein: Ludovic Daquin (LD Dub), Aldubb, Felix Wolter (Dubvisionist), Ben McKone (General Roots), Nelson Miller (Burning Spear) sind nur ein paar, die mir spontan einfallen. Ergo, der gelernte Drummer Gianluca Ferrara befindet sich mit seinem Projekt „Dubrakadubra“ in allerbester Gesellschaft. Ursprünglich spielte er Schlagzeug in einer Bob Marley-Coverband. Als ihn das alles nicht mehr so richtig begeisterte, verließ Gianluca „Dubrakadubra“ Ferrara bald die Band, um im Fonoprint Studio in Bologna das Handwerk des Tontechnikers zu erlernen. Einige Jahre später zog er nach Mailand, um am C.P.M. (ein Musikberufszentrum) sein erlerntes Wissen zu vertiefen. Parallel dazu war er zum gleichen Zeitraum auch als Mitarbeiter bei der Computermusik-Fachzeitschrift „Cubase Magazine“ beschäftigt. Aber auch das scheint für „Dubrakadubra“ nicht die absolute Erfüllung gewesen zu sein. Denn nach einer Zeit des Rückzugs, der Selbstreflexion und einer kurzen Unterbrechung als Postproduktionstechniker beim Rundfunk, wendete er sich seiner eigenen Musikproduktion zu. Unter dem Pseudonym „Dubrakadubra“ veröffentlichte er ursprünglich als Komponist, Arrangeur, Tontechniker und Dub-Master seine ersten eigenen Produktionen nur im Web. Die sieben, jetzt als Gesamtwerkschau, versammelten Tracks sind ein sehr schönes Konglomerat geworden. Ein Gewitter von Reverb- und Echo-Effekten erwartet uns nicht, aber ein sehr entspanntes Album, das Dub, Trip-Hop, Downtempo, Toasting, Acid Jazz, Klassik-Anleihen à la Matthias Arfmann und vieles mehr aufbieten kann. Für mich eine tolle Entdeckung.
Heute ist Gianluca Ferrara auch unter dem Pseudonym „DubMatter“ am Start. Auf seiner „Live Dub Session E.P.“ – auch nicht übel – erweist er vier (potenten) Hanfsorten die Ehre.

Bewertung: 4 von 5.
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Dreadlock Tales: Years 2000-2006

Heute gibt es Dub aus dem hohen Norden, genauer aus Finnland. Die Aufnahmen sind, wie der Titel bereits verrät, nicht brandaktuell. Dennoch lohnt es sich, in diese (kostenlose) Werkschau einmal intensiver reinzuhören. Dreadlock Tales ist (heute) ein Dub-Projekt von Kimmo Ilmari Tyni, einem Musiker und Soundengineer aus Helsinki. Zusammen mit Kasper Philström hat er 1999 „Dreadlock Tales“ als Studioprojekt gegründet, um Reggae und bevorzugt Dub aufzunehmen. Das Projekt kann bereits auf über 20-Jahre musikalische Entwicklung und Geschichte zurückschauen. Möglicherweise lag es auch wegen des Jubiläums nahe, die allerersten Dubs aus den Anfangsjahren, „Dreadlock Tales: Years 2000–2006“, als über 40-minütiges Gesamtwerk zu veröffentlichen. Zu Ohren bekommen wir eine exemplarische Zusammenstellung ganz früher „Dreadlock Tales” Titel, einschließlich des allerersten Tracks, der jemals von den zwei Musikern aufgenommen wurde. Die meisten der hier versammelten Dubs wurden noch analog eingespielt. Doch schon in den Anfangszeiten hatte Kimmo Ilmari Tyni dieses „Analog- vs. Digital-Ding“ am Laufen, bei dem er gerne zwei unterschiedliche Dub-Versionen anfertigte. Zuerst eine analog mit Instrumenten eingespielte Version, der dann die digitale mit „Maschinen” erzeugte Version folgte. Exemplarisch sehr schön bei „AmBush Dub #1 & #2″ herauszuhören. Die hier versammelten Dubs wurden noch zusammen mit Kasper Philström eingespielt und gemixt. Kaspar Philström saß am Schlagzeug und übernahm etliche andere Instrumente. Kimmo Tyni widmete sich Gitarre, Bass und Tasteninstrumenten. Eingespielt und gemixt wurden die melodischen Basslines und dynamischen Riddims analog im Old-School-Stil. Verweise auf die alten Dub-Meister sind auch hier nicht zu überhören. Was man ganz besonders als Kuriosum im Dub hervorheben muss, ist bei einigen Tracks der Einsatz eines Didgeridoos oder der Mundharmonika. Die Melodika wurde nur bei einem Track relativ sparsam eingesetzt. Sehr gespannt war ich im Vorfeld auf die Dubversion von „Wild Child“, einem Doors-Cover aus dem 1969 erschienenen „Soft Parade“ Album. Am Titelende bekommen wir ein fettes Pfund rockig-fetziger Gitarrenriffs auf die Ohren, die leider nix mit Robbie Kriegers Gitarrensound gemein haben und deshalb auf mich eher (ver)störend wirken. Darum können sich vor allem Dubheads die letzten zwei Minuten von „Wildubchild“ getrost schenken.
Trotzdem können wir aber insgesamt positiv vermerken: Auch wenn diese Tracks möglicherweise während des pechschwarzen finnischen Winters entstanden sind, verströmen sie dennoch genug Wärme, um das Studio zum einzigen Zufluchtsort werden zu lassen, an dem man sich vor dem Frost und den Stimmungsschwankungen einer Winterdepression schützen konnte.
Fazit: Mir persönlich gefallen die Aufnahmen der frühen Jahre bedeutend besser, als die heutigen Werke von Dreadlock Tales.

Info: Kasper Philström, der zu Beginn von Dreadlock Tales auch als Koproduzent und an den Reglern in Erscheinung trat, verließ nach den Aufnahmen zur „SynchroniCity” (2007) das Projekt, welches seither von Kimmo Tyni alleine weitergeführt wird.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Five Star Review

Burning Spear: Living Dub Vol. 2

Die nächste Hiobsbotschaft: Nach Frederick „Toots“ Hibbert hat Corona leider den Nächsten erwischt und viel zu früh ins Grab gebracht. Der bekannte Soundengineer Barry O’Hare verstarb Ende September im Alter von 56 Jahren. Er hinterlässt seine Frau und zwei Kinder. Berichten zufolge starb er nur wenige Tage nachdem er positiv auf COVID-19 getestet worden war im Universitäts-Krankenhaus der West Indies in Kingston. Barry O’Hare könnte vielleicht doch Einigen relativ unbekannt sein, obwohl er auch für Burning Spears Grammy-preisgekröntes Album „Calling Rastafari“ aus dem Jahr 2000 am Mischpult saß. Erst 2018 wurde er von der Jamaica Reggae Industry Association (JaRIA) für seine bedeutende Rolle in der Entwicklung und dem Fortbestand des Reggae geehrt.
Das größte Werk, das Barry O’Hare in meinen Augen der Fangemeinde hinterlässt, ist der Remix von „Burning Spear: Living Dub Vol. 2“ aus dem Jahr 1992. „Living Dub Vol. 2“ wurde ursprünglich 1980 als Dub-Version zu Burning Spears epochaler „Hail H.I.M.“ im Mix von Sylvan Morris auf LP veröffentlicht. Das vorliegende Album ist keine Neuauflage des Original-Dub-Albums, sondern ein völlig neuer Dub-Mix von Barry O’Hare und Nelson Miller (Drummer bei Burning Spear). Die „Hail H.I.M.“ ist für mich das letzte klassische Burning Spear Werk, wenn nicht sein definitives Meisterwerk. Die Backing Band stellte damals ein großer Teil der „arbeitslosen“ Wailers. Bob Marley war gerade sehr schwer erkrankt und befand sich in ärztlicher Behandlung in Dr. Issels Klinik in Bad Wiessee. Also ergriff Burning Spear die Gelegenheit und produzierte zusammen mit Aston „Familyman“ Barrett dieses Glanzstück. Auch das Remix-Album hat keine einzige Schwachstelle. Das Album beginnt mit „Cry Africa“ (Cry Blood Africans) und Burning Spears ein- und ausgeblendeter, klagender Gesang haut mich wieder um, wie bereits beim ersten Kontakt mit diesem Album geschehen. Eigentlich ist „Living Dub Vol. 2“ so homogen, dass es keinen Track gibt, den es lohnt, ausdrücklich hervorzuheben. Jeder Titel hat den perfekten Flow. Die Wailers liefern großartige Musik und Barry O’Hares kongeniale Dubs mit vielen Sound-Effekten sind traumhaft schön. Aus dem Dunst von Echo und Reverb tauchen immer wieder fantastisches „Gebläse“, fließende Keyboards, satte Basslines, komplexes Nyahbinghi-Drumming und Burning Spears klagende Stimme auf. Auch wenn ihr mich vielleicht für verrückt haltet, „Burning Spear: Living Dub Vol. 2“ ist immer noch eines der besten klassischen Dub-Alben aus der Blütezeit. Ein absolutes Muss für jeden Dub-/Reggae Fan. Really well done, Barry! (R.I.P.)

Bewertung: 5 von 5.
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King Pong Dub System: Dub Brut

Jakob Rehlinger ist ein Deutscher, der in Kanada lebt oder ein deutschstämmiger Kanadier. Sei’s drum, das ist jetzt auch nicht von wesentlicher Bedeutung. Auf jeden Fall würde ich Jakob Rehlinger als einen „kosmischen“ Musikkomponisten und Improvisator bezeichnen, der in Etobicoke, Ontario, lebt. Er veröffentlichte bisher eine große Anzahl an Alben, die nicht nur unter seinem bürgerlichen Namen, sondern auch mit zig Synonymen: King Pong Dub System, BABEL, Moonwood, Heavy Moon, TRANZMIT und in verschiedensten Genres aufgenommen wurden. Von Dub, Chillout, Funk, Krautrock, Psychedelic, Berliner- bis Düsseldorfer Schule ist alles vertreten.

Wir legen hier unseren Schwerpunkt natürlich auf Dub – was sonst? Bereits bei seiner ersten offiziellen Veröffentlichung als „King Pong Dub System: Islington West“ hatte er lt. eigenen Aussagen ein gewisses Unbehagen. Ein „weißer“ Mann, produziert Musik, die stark vom Dub inspiriert ist, ohne dass schwarze Musiker oder Musiker jamaikanischer Herkunft involviert sind. Obwohl King Pong vor allem diese Musik aus Wertschätzung und Respekt macht, ist es doch unvermeidlich, sich auch kulturelle Elemente der Musik anzueignen. Im Laufe der Zeit hat es King Pong dennoch geschafft, seinen völlig eigenen Sound zu erschaffen. Seine von ihm komplett in Personalunion eingespielten Alben, sind mittlerweile etwas weniger von authentischen Dub-Reggae-Rhythmen und -Sounds „inspiriert“. Trotzdem muss King Pong immer wieder anerkennend zur Kenntnis nehmen, dass er auf den hohen Schultern „schwarzer“ Riesen steht: King Tubby, Lee Scratch Perry, Scientist, Mad Professor, Sly & Robbie, Bonjo Iyabinghi Noah, Augustus Pablo und viele andere, von denen er Klänge, Ästhetik und sogar Elemente seines Spitznamens entlehnte. In diesem Jahr hat er sich nochmals das bereits im Sommer 2017 veröffentlichte Album „King Pong Dub System: Dub Brut“ vorgeknöpft und remixed. Herausgekommen ist ein Dub aus der langen Post-Punk-Tradition mit unüberhörbaren Anleihen bei „weißen“ Männern wie The Clash, Mark Stewart und Adrian Maxwell Sherwood. „Dub Brut“ sind improvisierte Drum-Machine-Jams und Live-Loop-Sessions, die von Jakob Rehlinger aka King Pong beinahe komplett live aufgenommen und gedubbt wurden. Mit jedem weiteren Hören offenbart das Album neue Sound-Effekte.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Nueve Millas: Nine Miles From Kingston Dub

„Nueve Millas“ (Nine Miles) ist das musikalische und audiovisuelle Projekt einiger argentinischer Künstler, die sich die Vertonung von Gedichten, Visuals in Kombination mit Mystik, Astronomie, Reggae und Dub auf die Fahne geschrieben haben. Der Kopf und die Stimme des Projekts ist Pablo Carlos Budassi aka Milkaya aka Malaya. Zusammen mit seinem Bruder Nicolas Budassi, Francisco Vanini, Gonzalo Arriagada Matias Trillini und einigen Freunden gründete er 2002 die Band „Nueve Millas“, bei der er heute noch als Keyboarder mitwirkt. Mit der Band reiste das Allround-Talent Milkaya (Musiker, Grafiker, Texter) quer durch Argentinien, Chile und Bolivien.
Auf Nueve Millas: „Nine Miles From Kingston Dub“ zeigt das 10-köpfige Kollektiv, dass es auch andere Musikgenres (Rock, Punk) sehr gerne mag. Wobei hier zweifellos der Schwerpunkt auf Roots Reggae liegt. Auf gar keinen Fall will die Band von jemandem abhängig sein und deshalb geschieht alles in Eigenregie. So wurde auch dieses Album im Roots-Roots-Heimstudio aufgenommen. Weil Dub doch meist recht zeitlos daher kommt, merkt man auch diesem Album nicht an, dass es bereits 10 Jahre auf dem Buckel hat. Mit ihrer Musik hat die Band nach eigenem Bekunden keinerlei Hoffnung, kommerziell erfolgreich zu sein. Was sie erreichen wollen, ist, dass ihre Musik außerhalb von Zeit und Raum klingt. Ich würde mal sagen: „Das ist Nueve Millas gelungen.“
Wenn ich für dieses Album eine (Kommerz-)Schublade öffnen müsste, dann vielleicht weit entfernt die des „Latino Reggae“.
Empfehlung der Band: „Um den wahren mystischen Zustand des Dub zu erreichen, wird empfohlen, dieses Album unter Einfluss entheogener Pflanzen zu hören.“ Dazu sag‘ ich frei nach Fritz Teufel: „Wenn’s der Musik-Empfindung dient!“

Bewertung: 3.5 von 5.

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Mafia & Fluxy Remembers King Tubbys: King of Dub

Mafia & Fluxy produzieren nach wie vor Musik am laufenden Band. Wohin bloß mit dem ganzen Material? Im Fall des neunen Dub-Albums des Duos: Mafia & Fluxy Remembers King Tubbys, „King of Dub“ (Mafia & Fluxy) heißt es: Ab in die Streaming-Dienste – ohne Pressemeldung, ohne Linernotes, ja sogar ohne Social Media-Post. Spricht daraus die Geringschätzung des eigenen Werkes? Oder handelt es sich gar um ein nur halbherziges Tribut? Nach meinen Geschmack hätte das Album jedenfalls mehr Aufmerksamkeit verdient, denn den beiden Musikern ist hier durchaus eine schöne Hommage gelungen. Tubby-Dubs, digital nachgespielt und neu gemischt – übrigens erneut von „The Pharmacist“. Wer nicht genau hinhört (und nicht vom überaus crispen Sound irritiert wird) könnte hier historische Aufnahmen vermuten. Der Dromilly Avenue-Sound ist verblüffend gut kopiert, die Flying Cymbals zischeln wie in Bunny Lees Originalaufnahmen, der Bass spielt eher im Hintergrund, während der komplette Sound Echokammern und diverse Modulationen durchläuft. Natürlich stellt sich wie so oft die Frage, warum Reproduktionen anhören, wenn es doch die Originale gibt? Ein entscheidender Grund ist zweifellos die Klangdynamik moderner Aufnahmen, an die wir uns inzwischen gewöhnt haben und gegen die historische Originale einfach blass wirken – so tragisch das auch seien mag. Ein anderer Grund ist möglicherweise die Ehrfurcht vor dem handwerklichen Können, das darin besteht, historische Sounds getreu nachzuahmen. Der dritte Grund ist vielleicht der schönste: Die Werke der alten Meister sind oft von so herausragender Qualität, dass man sie immer wieder gerne hört, wann immer es einen Anlass dazu gibt – und sei es die Neuerscheinung eines Retro-Dub-Albums.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Christoph El‘ Truento: Peace Maker Dub

Im Grunde müssten wir uns hier über den 31-jährigen Neuseeländer Christopher Martin James nicht weiter unterhalten. In frühen Jugendjahren war er ziemlich erfolgreich in Sachen Hip-Hop unterwegs. Als Christoph El‘ Truento hat er seit 2013 seinen musikalischen Wirkungskreis grundlegend geändert und macht nun hauptsächlich in: Ambient mit wabernden, kosmischen Klanglandschaften, Alternative, Experimental und Noise. Also eigentlich nichts für den Dubblog.
Wäre da nicht Christoph El‘ Truento: „Peace Maker Dub“ (Eigenproduktion), auf dem er sich wieder auf seine musikalischen Wurzeln besinnt. In einem Interview verrät er, dass Reggae die erste Musik gewesen sei, mit der er bewusst in Berührung kam. Sein wesentlich älterer Bruder – ein Reggae Kenner – hat(te) eine riesige Reggae-Sammlung und so lagen oft Alben von King Tubby, Lee Perry, Winston „Niney the Observer“ Holness, Errol (E.T.) Thompson oder den anderen Verdächtigen auf dem Plattenteller. Den Gedanken, ein Dub-Album zu machen, trug El‘ Truento viele Jahre mit sich herum. Vom Start des Dub-Projektes bis zum vorliegenden Endresultat dauerte es über zwei Jahre. Ein Grund dafür war auch, dass zwischen der Musik, die sich El‘ Truento im Kopf vorstellte und der, die letztendlich aufgezeichnet wurde, immer wieder Welten lagen. Nach eigener Auskunft scheiterte er bei den ersten Dub-Versuchen kläglich. Diese Problematik kann man heute beim Hören des Albums kaum noch glauben. OK, er hatte sich dann auch tatkräftige, versierte Verstärkung ins heimische Studio nach Auckland (NZ) geholt. Die wunderschön entspannten Saxofon- und Flöten-Passagen von JY wurden in nur zwei Stunden eingespielt! Als Unterstützung an den Perkussions wurde Lord Echo aus Wellington (NZ) angeheuert und Truentos großer Bruder durfte die „chinna-esken“ Gitarrenparts übernehmen.
In einem Interview mit dem Neuseeländischen Rundfunk erklärte Christoph El‘ Truento, dass einige Aufnahmen anfangs mit ziemlich dürftigem/billigem Equipment entstanden seien. Sein erklärtes Ziel war von Anfang an, den Sound nicht so crispy wie viele neue Produktionen erscheinen zu lassen. Viel mehr wollte er, dass das Album etwas mehr low-fi klingt, so wie (ganz) frühe Perry/Tubby Aufnahmen. „Pep’s Chant“, ein überzeugendes Upsetter Remake auf dem El‘ Truentos 7-jähriger Sohn den Part singt, der im Original von Lee Perrys Sohn übernommen wurde. Mit zwei Takes war Pep‘s Gesang im Kasten, den Papa Christoph dann zusammen frickelte. Ein Titel wie „Bush Walk Dub“ musste unbedingt sein. El‘ Truento war schon im kindlichen Alter immer extrem begeistert, dass Perry Ziegen- und Kuhgeräusche mit seinen Dubs verknüpfte. So lag es nahe, auch einige typische Tiergeräusche aus dem neuseeländischen Buschland in die Aufnahmen zu integrieren. Auch Klanglandschaften, die bereits einige Zeit im Archiv schlummerten, wurden jetzt mit den Dub-Tracks verwoben.
Insgesamt lesen sich die einzelnen Titel des Albums wie verschollene Aufnahmen aus längst vergangenen Zeiten. Reminiszenzen an die jamaikanischen Erfinder der ganz frühen Dub-Kunst sind unüberhörbar. Der Sound klingt stellenweise etwas dumpf, was aber lt. El‘ Truento durchaus so gewollt ist.
Mich überzeugt „Peace Maker Dub“ mit herrlichen Gitarrensoli, wimmerndem Orgelsound, Flying Cymbals, Nyahbinghi-Drumming, Flöte, Sax, wummernden Bässen, Xylophon, klassischen Dub-Effekten und analogem Sound. Erinnerungen an richtungsweisende Originale aus der Zeit werden sicherlich bei jedem Dub-Kenner geweckt.
Also: Es ist alles vorhanden, was das Herz eines Bud- ähm, Dubheads höher schlagen lässt.

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

Dub Spencer & Trance Hill: Tumultus II

PINK FLOYD. Ein ganzes Album schreit Pink Floyd – und ich liebe es vom ersten bis zum letzten Track und zurück: „Tumultus II“ nennt sich der neue Release von Dub Spencer & Trance Hill, und ich bin mir gar nicht so sicher ob für ihn die Kategorien „Dub“ oder gar „Reggae“ passend sind – beide waren für die Schweizer immer schon zu eng gefasst. Die Release-Info verleiht das Prädikat „psychedelischer Dub“ – vermutlich mangels einer besseren Begrifflichkeit, und der Markt verlangt nun mal nach einer Schublade. Fest steht: Die Herren beherrschen ihre Instrumente (dazu zähle ich auch das „Instrument“ Dub) dermaßen gut, dass sie damit nicht nur simpel Musik, sondern epische Klanggemälde erschaffen können. Dazu braucht’s die Freiheit, sich nicht an übliche Musikstrukturen zu halten; sich nicht in der ewigen rhythmischen Wiederholungsschleife auszuruhen, den Klangideen Zeit und Raum zum Atmen zu geben, Konzepte nach Belieben zu erstellen oder aufzugreifen und letztlich gerade auch die Freiheit, sich keinen Deut darum zu scheren was am Markt gerade gang und gäbe ist. So entstand eine Reihe großer Alben und ein ausgezeichneter Ruf, dem selbst konzeptuelle Seltsamkeiten wie „Riding Strange Horses“ und „Christmas in Dub“ nichts anhaben konnten.

Hier also ein weiteres Konzeptalbum, dass sich mehr denn je jenseits jeglicher Dub-Gepflogenheiten bewegt und vielleicht gerade deshalb ein Meilenstein im bisherigen Oeuvre von Dub Spencer & Trance Hill ist: Tumultus II, dessen kurioses Konzept aus nichts Geringerem als dem Alltag in einem antiken römischen Legionslager besteht. Da marschieren Truppen auf, Rüstungen und Waffen klirren und scheppern, Fanfaren eröffnen den Kampf der Gladiatoren und wir hören was die alten Römer sonst noch so für Lärm drauf hatten, bevor sie mutmaßlich von Asterix & Obelix vermöbelt wurden. Das Schweizer Vindonissa Museum hat im Rahmen seiner Soundwerkstatt Tumultus all diese antiken Klänge reproduziert, aufgenommen und verbindet sie mit modernen Sounds – diesmal eben mit dem von Dub Spencer & Trance Hill.

Hausmusik: Dub Spencer & Trance Hill & die Römer (© Museum Aargau)

Das Konzept hätte auch gehörig schief gehen können – etwa in Form eines platten musikalischen Alberto Uderzo und René Goscinny-Comics. Die obgenannten Fanfaren kommen dem gefährliche nahe, aber der Rest der geschätzten Hundertschaft an Geräusch-Samples wurde verfremdet, in Loops gelegt, mit Dub-Effekten bearbeitet und perfekt in eine vom bandeigenen Keyboarder Philipp Greter tadellos produzierte musikalische Reise eingebettet, die über sämtliche Dub-Plattitüden erhaben ist. Mitunter drängt sich allerdings die Frage auf, inwieweit dem Albumkonzept Rechnung getragen wurde – zumal die manipulierte Geräuschkulisse auch losgelöst davon funktioniert und als Soundtrack für vielerlei Stories herhalten könnte. 

Musikalisch kann man „Tumultus II“ als ausschweifend im allerbesten Sinn bezeichnen: Die Herren Trance & Hill nehmen sich Zeit. Das merkt man nicht nur an der Dauer der Tracks, wo man schon mal nahezu 15 spannende Minuten lang eine musikalische Idee entwickelt und sie in den verschiedensten Klangfarben und rhythmischen Facetten darstellt. Die musikalischen Strukturen und Arrangements sind so fein verwoben, dass ich auch nach gefühlten hundert Mal Anhören nicht sicher sagen kann, wann ein Track endet und der andere beginnt – abgesehen von „Gladiator“, der mit seinem platten Fanfaren-Intro die Ausnahme darstellt. Wenn also im Beipacktext zum Album von „Kopfkino“ gesprochen wird, so kann man dem nur beipflichten: Es ist eine abenteuerliche, nahezu minutiös angelegte Reise zu unterschiedlichsten musikalischen Destinationen, die ich für mich nicht fix verorten möchte. 

Um wieder zurück zu Pink Floyd zu kommen: Sie haben viel vom hier Beschriebenen vorgelebt – freilich um Längen epischer und theatralischer, aber ich wage durchaus den Vergleich: Hervorragende Musiker, enormer Ideenreichtum, großartige Umsetzung bzw. Ausführung und exzellenter Sound da wie dort; auch mach(t)en beide Combos nur geringe Zugeständnisse an den Markt und an 03:30 Minuten Radio-Hörgewohnheiten. Das alles wird umso bemerkenswerter angesichts der Größenordnung der jeweils zur Verfügung stehenden Produktionsbudgets. Letzteres könnte sich noch als unvermutet positiv herausstellen, wenn im Gegensatz zu den soundmäßig aufgedonnerten state-of-the-art-high-tech-Hochglanz-Alben von Pink Floyd der relativ trockene und zeitlose Sound von Dub Spencer & Trance Hill einer wesentlich würdevolleren Alterung unterliegt.

Wenn „Tumultus II“ also nicht wirklich als Reggae oder Dub-Release fassbar ist, was ist es dann? Simpel eine hervorragende musikalische Arbeit, die – zur Beruhigung alles Dubheads – natürlich mit jeder Menge Dub-Effekte und laid-back Rhythmik á la One Drop aufwartet. Zugleich gibt es hier aber noch so viel mehr zu entdecken – andere Künstler würden mit all diesen Ideen vermutlich mehrere Alben auffetten. Nicht so Dub Spencer & Trance Hill, und auch deshalb beide Daumen hoch für diesen beeindruckenden Release. 

Bewertung: 5 von 5.
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Finn The Giant meets Sandmonk: Two Worlds Clash

Vergangenes Wochenende habe ich einen Streifzug durch mein Archiv gemacht und dabei Finn The Giant meets Sandmonk: „Two Worlds Clash” (Eigenproduktion) wiederentdeckt. Nein, auch wenn es im ersten Moment so klingen mag, keine moderne Fortsetzung der schwedischen Legende um einen Riesen aus Lund mit dem Namen Jätten Finn. Finn The Giant oder Jätten Finn sind Künstlernamen für Finn Stillerud, einen Reggae-Produzenten und Dubmixer aus Malmö. Sein älterer Bruder hat ihn schon im frühen Kindesalter mit Roots Reggae vertraut gemacht und auch maßgeblich beeinflusst. Im zarten Alter von 13 Jahren lebte Finn ein Jahr in Amerika und auch in der Fremde wuchs sein Interesse für Roots Reggae, moderneren Reggae und Dancehall, weiter. Auf der Highschool trat er dann der Reggaeband „Soon Come” bei. Nach seiner Rückkehr nach Schweden begann Finn The Giant gleichzeitig seinen eigenen Reggae aber auch Dubs zu machen. Zusammen mit Sandmonk, einem ehemaligen Band-Mitglied aus „Soon Come”-Zeiten, wurden 2001 einige Dub-Demos aufgenommen. Aufgrund verschiedenster Umstände wurden die Aufnahmen nie veröffentlicht und so gammelten sie in irgendeinem Kämmerlein vor sich hin. Erst 2007 wurden die elf analog und mit viel Passion aufgenommenen Dubs aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt und im neu entstandenen Studio remastered. Das Endresultat kann sich echt hören lassen. Bereits der Opener: „Hidden Knowledge” erinnert mich an den, auch von mir sehr geschätzten, Tomas Hegert: „Dub på Svenska”. (Immer wieder: Danke für den Tipp, René!) Auf „Greenhouse Stadion” meine ich ab 1:44 eine Art Akkordeon zu hören. „Minga Girls” erinnert an ein schwedisches, etwas polkaähnliches Volkslied. Manchmal bekommen wir eine sehr sparsam eingesetzte aber punktgenaue Melodica-Melodie zu hören. Die Orgel spielt diese nordischen, etwas unterkühlten aber sehr schönen, kristallklaren Orgelklänge, die mir seit Anfang der 70er von Bo Hansson (Tipp: Lord Of The Rings oder auch Attic Thoughts – kein Reggae) bekannt sind. Schwere, satte Drums und benthisch mäandernde Basslines werden flankiert von einer Fülle dubbiger Effekte. Die Fülle der Optionen, die ein neues Studio mit sich bringt, wurden durch die zwei Protagonisten überzeugend genutzt.
Obwohl Finn The Giant in den vergangenen Jahren sehr selten bis überhaupt nicht in Erscheinung trat, ist „Two World Clash” (Alte und Neue Welt?) für mich ein Album, das keinesfalls unbeachtet und vor allem ungehört in der Versenkung verschwinden sollte.

Bewertung: 3.5 von 5.
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The Elovaters: Defy Dub

The Elovaters – wieder eine dieser schablonenhaften West Coast-Reggae-Rock-Pop-Outfits möchte man meinen. Und in der Tat, zumindest musikalisch kommt das so ungefähr hin: Leichtfüßiger Reggae, der noch ein paar Mys mehr in Richtung elaboriertes Songwriting geht und mit etlichen Hooklines aufwarten kann. Das mag sich wie ein musikalisches Todesurteil im Dub-Universum lesen, wo Melodien geradezu vaporisiert werden und mitunter nur mehr in homöopathischen Dosen wie Geister durch den Klangraum schweben; wo die Bassline und nichts als die Bassline die Bühne bildet, auf der wir uns gerne ein multidimensionales Hörerlebnis vorgaukeln lassen. Ich warne allerdings vor vorschnellen Urteilen, die man durchaus fällen könnte, wenn man das Album „Defy Gravity“ und das Video zu Single-Auskoppelung „Meridian“ auf sich wirken lässt:

Penisprothesen, Skate- und Surfboards gibt’s also auch an der East Coast, wie die Bostoner Elovaters in ihren Promo-Videos betonen. Das scheint zu greifen und der Erfolg gibt ihnen recht: Langen und erfolgreichen Tourneen folgt die Einspielung des obgenannten Albums mit Produzent Danny Kalb, der eher für seine Arbeiten mit Beck oder Ben Harper geschätzt wird als für seine vereinzelten Reggae-Produktionen. Für die Band ist die Zusammenarbeit mit dem Produzenten-Kapazunder offenkundig ein Glücksfall; er legt den Fokus auf Melodie und Texte, straffe Arrangements und einen leicht bekömmlichen, hippen Sound. Dass der Sänger einst ein Stipendium für Operngesang hatte, merkt man vordergründig (gott-sei-dank) nicht; aber so eine Ausbildung ist zweifellos hilfreich um sich dermaßen leicht und treffsicher durch Höhen und Tiefen ausgefeilten mehrstimmigen Gesangs zu bewegen. Insgesamt ein rundes Album also, dass von der anvisierten Zielgruppe sehr gut aufgenommen wurde und die Elovaters in neue Popularitätshöhen katapultiert hat.

Und damit könnte diese Rezension schon zu Ende sein, wenn… ja wenn da nicht kürzlich der Dub-Counterpart zum Vocal-Album auf den Markt gekommen wäre: „Defy Dub“ (The Elovaters) erscheint erst satte zwei Jahre nach „Defy Gravity“ und überrascht tatsächlich mit Basslines, die im Dub-Mix ausgegraben und freigelegt wurden. Dazu braucht’s Spezialisten – das sind hier unter anderem Gaudi und Victor Rice, die dem leichtfüßigen Pop-Reggae eine gewisse Erdung verleihen. Den Vogel schießt aber ein gewisser E.N Young ab, der in seine Dub-Mixes aktuelle und angesagte Soundeffekte einbringt – so packt er die Vocals schon mal in die muffige Box um ihre Echos anschließend von den Hochtönern zerschneiden zu lassen. Den Jungen sollte man im Auge behalten – als Dub-Mixer, wohlgemerkt; seine eigenen Versuche als Interpret im Reggae-Genre sind noch… nun ja, entwicklungsfähig.

Insgesamt sechs Dub Mixer gestalten „Defy Dub“ abwechslungsreich und verpassen so dem Vocal-Album ein 2020er-Update – wobei die junge Generation eindeutig den Ton angibt und Haudegen wie Gaudi und Victor Rice etwas hinter sich lässt. Das Gesamtresultat ist frisch, eingängig und beißt sich im Rezensenten-Ohr fest – das mag am außergewöhnlichen Sommer 2020 liegen, an der unerfüllten Sehnsucht nach Sonne, Meer und lauen Abenden am Strand; vielleicht auch am Wunsch nach Leichtigkeit in fordernden Zeiten. Wer hätte gedacht, dass der Soundtrack dazu ausgerechnet ein Dub-Album sein könnte…

Bewertung: 3.5 von 5.