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Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle: To drive the Dub Starship through the Horror Zone

Häufig ertappe ich mich bei der Frage: „Wie würden Jim Morrison, Jimi Hendrix, Bob Marley u. v. a. heute klingen, wenn sie nicht viel zu früh gestorben wären?“ Diese Frage drängt sich mir auch bei Lee „Scratch“ Perry auf. Nein, nein, Scratch ist gottlob noch am Leben. Aber was wäre gewesen, wenn Lee „Scratch“ Perry in den späten 1970er Jahren nicht in eine zunehmend unberechenbare, depressive und destruktive Phase gerutscht wäre, die als Endresultat im Abfackeln seines Black Ark Studios in Washington Gardens, Kingston mündete? Wie würden heute Alben aus dem Black Ark Studio klingen? Zum Glück gibt es einen Adrian Maxwell Sherwood und einen Daniel Boyle, die noch die Fähigkeit besitzen, diesen weit über 80-jährigen alten Herrn zu Höchstleistungen anzuspornen.

Maxwell Livingston Smith alias Max Romeo fertigte im Black Ark bereits 1976 zusammen mit Lee Perry und den Upsetters sein Meisterstück – ein bis heute gewaltiges, weit sichtbares Bergmassiv in der weiten Reggaelandschaft. Beinahe 40 Jahre nach „War ina Babylon“ veröffentlichten 2015 Max Romeo, Daniel Boyle, Lee „Scratch“ Perry und drei Ur-Upsetters eine weitere Zusammenarbeit: „Horror Zone„. Auf keinen Fall ist „Horror Zone“ ein billiger Abklatsch von „War ina Babylon“, sondern eher ein gelungenes Anknüpfen an alte Zeiten, also eher eine Art Weiterentwicklung. Dem Vokal-Album „Horror Zone“ lag das Dub-Album in guter alter Manier bereits bei. Und was folgt nun? Nachdem „Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle to drive the Dub Starship through the Horror Zone“ schon 2020 in limitierter Vinyl-Auflage zum Record Store Day erschienen war, folgt jetzt das Dub Album des Dub Albums in digitaler Form. Boyle und Perry haben die original „Horror Zone“-Dubs erneut einer Bearbeitung am Mischpult unterzogen und einen Kosmos mit Unmengen von höhlenartigem Hall und analogen Spezial-Effekten veredelt, die laut Credits Lee „Scratch“ Perry zugeschrieben werden. Wieder einmal bekommen wir überzeugend zu Gehör gebracht, dass es für Perry & Boyle keine Herausforderung darstellt, ein bereits gutes Dub-Album ein weiteres Mal abzumischen, denn diese zwei Dubmaster sind immer in der Lage noch einen draufzusetzen. Das Ergebnis kann sich mehr als hören lassen, denn die Zwei haben eine intergalaktische, dubwise Supernova erschaffen, welche die gesamte Galaxie noch heller erstrahlt als das Original.
Produziert, aufgenommen und gemischt wurde in Daniel Boyles Rolling Lion Studio ausschließlich mit analogen Geräten aus den 50ern bis in die 80er Jahre und charakteristischem Black Ark-Sound, der jedoch verständlicherweise nicht zu 100 % erreicht wird. Nichtsdestotrotz bin ich mir ziemlich sicher, dass „Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle to drive the Dub Starship through the Horror Zone“ ein neuer Klassiker in Lee „Scratch“ Perrys Gesamt-/Lebenswerk sein wird.

Bewertung: 5 von 5.
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Paolo Baldini DubFiles Meets Noiseshaper: Shaping the Noise

Ich habe schon immer vermutet, dass der Sound von Rockers HiFi zeitlos ist. Er war vor rund zwanzig Jahren seiner Zeit um mindestens 20 Jahre voraus. Deshalb klingt Paolo Baldini DubFiles Meets Noiseshaper: „Shaping the Noise“ (Echo Beach) heute so fresh. Als sei das Album eben erst aufgenommen worden. Was es ja auch ist – nur eben mit alten Aufnahmen. Ha, die Newbies sind verwirrt. Hier kommt die Auflösung: Hinter dem Namen Noiseshaper verbergen sich die Wiener Knaben Axel Hirn und Florian Fleischmann, die in den 1990er Jahren bei Rockers HiFi in die Lehre gingen und zu Beginn des aktuellen Milleniums selbst fantastische „housey downbeats with a fat reggae flavor“ hervor brachten. Höhepunkt ihrer Karriere war zweifellos die Verwendung ihres Songs „The Only Redeemer“ in der US-Fernsehserie CSI: Miami, was ihnen eine Mainstream Singel-Veröffentlichung auf Palm Pictures einbrachte und ihre Musik auf die weltweiten Dancefloors katapultierte. Wer Referenzen wünscht: Ich muss beim Noiseshaper-Sound unwillkürlich an Dreadzone, Kruder & Dorfmeister, Thievery Corporation oder International Observer denken – ein Sound, den ich bis heute liebe, der aber leider in Vergessenheit geraten ist. Lediglich der Internationale Beobachter ist ihm treu geblieben. Wie schön, dass Echo Beach dem Oevre der Wiener und dem unwiderstehlichen Different Drummer-Sound nun Respekt zollt. Bereits vor zwei Jahren veröffentlichte das Label einen Retro-Sampler mit ihrer Musik, doch erst jetzt kommt der eigentlich Clou: Palolo Baldini hat die schon damals fantastischen Tracks durch die Echokammer gejagt und dadurch noch viel fantastischer gemacht. Wer Paolo Baldini ist, dürften auch Newsbies wissen: Ein Dub-Meister sonder gleichen, der hoch oben, in den italienischen Alpen residiert.

Kollege Karsten Frehe konstatiert „Shaping the Noise“, dass das Album durch Baldinis Dubmix „nicht wie ein erneuter Aufguss von Altbekanntem klingt, sondern erfrischend neu“. Wie recht er hat! Durch Baldinis Dub-Künste klingt die fünfzehn Jahre alte Musik taufrisch. Ich würde hier von einer klassischen Win-Win-Situation sprechen. Ausgeklügelte, komplexe und ungemein groovende Produktionen aus der Vergangenheit treffen auf einen akribischen, ideenreichen und perfektionistischen Dubmixer der Gegenwart mit untrüglichem Gespür für Timing und Dramaturgie. Das Ergebnis ist doppelt gut. Hört euch das Album am besten mal ganz konzentriert mit Kopfhörern an (auf Apple-Music übrigens in Lossless-Qualität). Ein großes Dub-Hörerlebnis.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Bost & Bim: Warrior Brass

Und schon wieder ein unfassbar gutes Reggae-Instrumentalalbum: Bost & Bim: „Warrior Brass“ (Bombist). Ich muss ja gestehen, dass ich sehr auf gute Instrumentals abfahre, denn wie Dub erfüllen sie ein wesentliches Kriterium: keinen Text. Seien wir ehrlich: Text ist im Reggae ziemlich überbewertet. Die Zeiten der Rebel Music und ihrer sozialkritischen Texte scheint seit Jahrzehnten vorbei zu sein. Längst müssen wir uns mit verbalen Ergüssen zu Themen wie Religion, Herb oder Sex zufrieden geben oder uns gar homophoben oder gewaltverherrlichenden Philippiken aussetzen. Mich ärgert das – oder langweilt mich zumindest. Wie schön ist es da doch, sich ganz purer Musik hinzugeben. Musik, die ganz sie selbst sein kann, die nicht im Dienste einer Textbotschaft steht und zum „Backing“ degradiert wird. Deshalb liebe ich auch diese latent arrogante Tradition im Dub, eine Gesangsstimme bereits nach wenigen Worten einfach im Echo verhallen zu lassen …

Doch ich mag gute Reggae-Instrumentals nicht nur wegen dessen was fehlt, sondern auch wegen dessen, was sie mehr haben – und ich muss gestehen, dass das nicht in gleichem Maße für Dub gilt – nämlich den vollen, satten Sound einer komplett besetzten Reggae-Kapelle. Höre ich z. B. das Stück „Tommy’s Mood“, dann drückt da nicht nur der Bass aus den Subwoofern, sondern eine ganze Wall of Sound kommt auf mich zugerollt. Ein üppig reiches, harmonisches und wohlig warmes Klangbild, garniert mit ebenso sanften wie kraftvollen Blechbläser-Sätzen. Perfekt durcharrangiert, superb eingespielt und satt produziert – Reggae mit Bläser-Sektion ist stets eine Wonne.

Bost & Bim sind übrigens als Reggae-Produzenten eine durchaus beachtenswerte Nummer – was ich gar nicht so auf dem Schirm hatte. So haben die beiden Franzosen bereits erfolgreiche Tunes für Morgan Heritage, Chronixx oder Winston McAnuff produziert. Matthieu Bost ist zudem ein begnadeter Saxophonist, was er hier auf „Warrior Brass“ eindrucksvoll unter Beweis stellt. Komplettiert wird die klassische Brass-Section durch Trompete (Manuel Faivre) und Posaune (Marc Delhaye). Neben den drei Hauptperonen sind weitere hervorragende Musiker am Werk, wie z. B. Ticklah, Horseman oder Mista Savona. Es gibt übrigens nicht nur Bläsersolos zu hören, auch andere Instrumente kommen zum Zuge und übernehmen den Lead. Daher erinnert „Warrior Brass“ immer auch ein wenig an ein Jazz-Album – eine Assoziation, die nicht zuletzt auch von der Cover-Gestaltung stark getriggert wird. Tatsächlich aber ist es aber eher eine Hommage an klassische jamaikanische Instrumentalmusik, mit vielen charmanten Zitaten (z. B. Lee Perry), kleinen Exkursionen zu Nyabinghi und Calypso und zwei Tommy McCook und Cedric Brooks gewidmeten Titeln.

Bewertung: 5 von 5.
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Tuff Scout Presents: Out On The Floor Dub

Ich gebe es zu. Ich habe „Out on the Floor Dub“ aus dem Hause Tuff Scout als digitales Release gekauft und herunter geladen. Dabei ist das Album nichts anderes als eine hingebungsvolle Hommage an die guten alten Plattenläden und ihre Schätze: Vinyl-Schallplatten. Tja, mein digitaler Faux Pas ist bezeichnend, denn diese Läden, denen wir früher so regelmäßig Besuch abstatteten (bei mir war es immer der Samstagvormittag), um nach neuen Dosen für unsere Musiksucht zu suchen, gibt es kaum noch. Wie sich dieses Ritual in den einschlägigen Londoner Reggae-Läden wie Dub Vendor oder Lasco’s Music Den gestaltete, beschreibt Steve Barrow wehmütig in seinen schönen Liner-Notes zu diesem Album (die übrigens auf der Bandcamp-Seite zu lesen sind). Ach, das waren noch Zeiten! Klar, einige Läden gibt es noch heute, aber die stehen schon fast unter Denkmalschutz oder werden als Kulturerbe eingestuft. Sie sind der Sphäre des Alltäglichen längst entwachsen und handeln hauptsächlich noch mit historischen Pressungen und Memorabilia. Vorbei sind die Zeiten der 7“-Pre-Releases aus JA.

Einer, dieser Kulturerbe-Läden ist Out on the Floor Records in Camden, London. Ein Relikt der 1990er Jahre – aber immer noch aktiv. Neben Soul, Funk, Rock, Punk, etc. gibt es dort vor allem eines: Reggae-Vinyl, denn Jake, einer der drei Betreiber, ist fanatischer Sammler historischer JA-Pressungen. Außerdem betreibt der Mann das Reggae-Label Tuff Scout, das zwar neue Aufnahmen veröffentlicht, die aber stets so klingen als hätten sie schon 50 Jahre auf dem Buckel. „Out on the Floor Dub“ ist nun eine Sammlung von Dub-Versions des Labels, produziert und gemixt von Gil Cang und Demus. Leider drückt sich Jake vor allem im Medium Musik aus, weshalb kaum Hintergrundinfos zu den Akteuren und deren Produktionen aufzutreiben sind. Aber ist ja auch egal, denn wichtig ist ja nur, was hinten raus kommt, wie ich in Anlehnung an unseren Alt-alt-Kanzler zu sagen pflege. Und das ist – Lemmi wird mir bestimmt beipflichten – definitiv eine Vinyl-Pressung wert. Richtig schöner Old School-Dub, nur mit fetterem Sound. Spannend gemixt und zu einem Dub-Album mit perfektem Flow kombiniert.

Während wir den Download übrigens mit einem trivialen Langweil-Cover in die Mediathek gebeamt bekommen, ziert das Vinyl eine fantastische Illustration. Sie zeigt den Laden im Camden (u. a. mit „LKJ in Dub“ im Schaufenster, meiner ersten Dub-Platte!). In der Tür steht Jake. Was hinter ihm los ist, zeigt die Cover-Rückseite: Ein Menschenauflauf, wie er zuletzt 1999 in einem Plattenladen gesehen wurde.

Bewertung: 4 von 5.
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Mantra Move: Raven Dub

Heute empfehle ich wieder den andersgearteten Dub, der in diesem Fall zu einer Reise durch das mystische Indien einlädt. Das Projekt Mantra Move: „Raven Dub“ (Liquid Sound Design) ist bereits 1997 in den Köpfen des Bassisten Paul Raven (Killing Joke, Ministry, Prong, Raggadeath) und des Sängers Koze Kozma (Raggadeath) gereift. Nahm aber erst Ende 2019 – über 12 Jahre nach dem plötzlichen Herztod von Paul Raven – Gestalt an. Mantra Move ist eine bunte Truppe von Musikern, Sängern und Dichtern wie: Youth, Koze Kozma, Laurence Harvey (Kuba), Nik Turner (Hawkwind), Mark Gemini Thwaite (The Mission), Lee Harris, Shaky, Twixymillia u. v. a. Das Konglomerat solch unterschiedlicher Künstler schuf im Studio aus einer Vielzahl von Musikstilen und Genres eine ganz besondere Atmosphäre. Es entstand eine Fusion von Dub, Downbeat Electronica, Reggae und Psychedelic/Progressive Rock. Dessen nicht genug, sind auch Flamencoklänge und traditionelle indische Instrumente wie Sitar, Dhol und Banshi zu entdecken. Die Texte, teilweise aus dem Sanskrit übersetzt und vom Poeten Lee Harris rezitiert, passen wunderbar in diese teilweise magische Stimmung.
Lawrence Harvey (Kuba), einer der großen Chill-Out- und deep Downtempo-Künstler hielt bei „Raven Dub“ alle Fäden in der Hand. Er erzeugte mit der Kombination unterschiedlichster Stile eine unglaublich entspannte und ruhige, aber auch erfrischende Atmosphäre. Mit dieser intelligenten Mischung aus Upbeat, Downtempo sowie coolen Dubby Lounge Grooves entwickelte er ein wunderbares Musikerlebnis. Durch die Verschmelzung verschiedenster Genres und Rhythmen entstand ein Album, das von Anfang bis Ende frisch klingt und immer wieder gehört werden kann. Eine hervorragende Hommage, die dem Bassisten und Musikproduzenten Paul Vincent Raven (16. Januar 1961- 20. Oktober 2007) gewidmet ist.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Michael Palmer: Showcase I’m Still Dancing

Dub Mixe von Peter Chemist zeichnen sich durch eine eigenwillig spröde Ästhetik aus. Da Chemists Output mit nur einer Handvoll Dub-LPs recht überschaubar geblieben ist, hier ein von ihm produziertes Showcase Album. So genau weiß man es nicht: Trägt die LP nun den Titel „Showcase“ oder ist es lediglich ein Hinweis darauf, dass „I’m Still Dancing“ ein Showcase Album ist? Fest steht jedenfalls, dass der Sänger nicht wie auf dem Cover Micheal sondern Michael Palmer heißt. Dessen erste LP von 1983 war seit langem und zu Recht gesucht und kaum unter einem dreistelligen Betrag zu kriegen. Angereichert mit Liner Notes von John Masouri auf einem Extrablatt gibt es die Platte jetzt originalgetreu auf dem französischen Iroko Label. Mit dem alten Cover inklusive Druckfehler, Limonious Comic-Rückseite und ohne schnöden Barcode. Der 1960 geborene Michael Palmer hatte als Teenager für Ossie Thomas seine erste Single „Mr. Landlord“ aufgenommen, erfolgreich wurde der Tune auf dem Get In The Groove Riddim aber erst, nachdem Sonia Pottinger ihn 1980 nochmal aufgenommen hatte. Ab da wurde Palmer einer der gefeierten Sänger der letzten Jahre der prä-digitalen Dancehall-Foundation. Er war kein Dread, er verstand sich als Roots-Reality-Sänger. Palmer kam aus der „feurigen Hölle“ von Kingston 13 (Maxfield Park) und sang im Opener seines bei Channel One produzierten Debüts: „Uptown people want to dance funky – people in the ghetto dance the waterpumpee. Uptown people dance electric boogie – people in the ghetto do the cool & deadly“. Die Riddims stammten von den Roots Radics und wurden vermutlich von Scientist aufgenommen. Anders lässt sich nicht erklären, wie dessen Name auf das Cover kam. Denn „I’m Still Dancing“ ist das Werk von Peter Chemist, den Palmer ausdrücklich in „Ghetto Dance“ erwähnt. Auch der Sound der Produktion, mit kaum wahrnehmbarer Hihat und eigenwilligen Echos, weist auf Peter Chemist. Der fabriziert hier außergewöhnlich spartanisch raue Dubs zu den sechs Vocaltunes. Den Party Time Riddim mischt er ganz ohne Hihat mit verspielten Echos und Akzent auf der Snare. „Ghetto Dub“ positioniert die Drums mit Gated Reverb Effekten um ein verzerrtes Gitarrenthema. „Gwan Dub“ reduziert das Schlagzeug auf Bassdrum mit unterlegten Snare-Echos. Palmer setzte die Zusammenarbeit mit Peter Chemist bei seinem von George Phang produzierten, extrem erfolgreichen Nachfolgealbum „Lick Shot“ fort, auf dessen Coverrückseite er von seiner Art des Songschreibens erzählt. Was die Angabe „all tracks written by Jah Thomas“ auf „I’m Still Dancing“ fragwürdig erscheinen lässt. Thomas hatte das Album für sein Midnight Rock Label produziert, sich ansonsten aber rausgehalten. Den Deejay-Part für eine Greensleeves Maxi des Krachers „Ghetto Dance (Babylon give wi a chance)“ überließ er Jim Brown, eine weitere Greensleeves Maxi mit dem Titelstück der LP und Robert Frenchs „No War“ auf der B-Seite ist aufgrund der Peter Chemist Mixe heute eine gesuchte Rarität, die jede Investition wert ist. Die klanglich überzeugende Neuauflage der LP lockt neben starken Vocaltunes mit seinem ungewöhnlichen Dub-Style. (Der leicht geänderte Text erschien zuerst in RIDDIM 02/21)

Bewertung: 4 von 5.

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Horace Andy: Broken Beats 2

Sieben Jahre ist es her, dass Echo Beach den Meistersänger Horace Andy ins Studio bat, um dort seine großen Hits über neue, zeitgemäße Rhythms zum Besten zugeben. Das Ergebnis trug den Titel „Broken Beats“. Nun folgt „Broken Beats 2“ (Echo Beach), auf dem neue Rhythms zu hören sind – garniert allerdings mit den selben, wohl bekannten Gesangsaufnahmen. Echo Beach hat sich nicht lumpen lassen und unfassbare 27 Tracks in die Digitalversion des Albums gepackt. Da das Material von „Broken Beats 1“ nur acht Songs von Horace Andy umfasst, bedeutet das, dass auf „Broken Beats 2“ alle Songs mehrfach zu Gehör gebracht werden. Spitzenreiter ist „Money, Money“, der hier in zehn Versionen dargeboten wird. Warum das Ganze hier im dubblog auftaucht? Weil die Backings von so illustren Dubbern stammen, wie Subatomic Sound System, Adubta, Adam Prescott, Dreadzone oder Jah Schulz – um nur einige paar zu nennen. Außerdem brillieren neben den vielen Versions auch ein äußerst schöne Dubs – für mich die eigentlichen Highlights des XXL-Albums, denn so sehr ich schon immer die Stimme und die Songs von Horace Andy mochte, so sehr nervt es mich, über die exorbitante Albumlänge die immer gleichen Melodien hören zu müssen. Daher sind die Dubs hier Inseln der Entspannung und Erholung in einem Meer aus „Cuss Cuss“ und „Money Money“. Ganz abgesehen davon, dass die Qualität der Produktionen erst in den Dubs so richtig zur Geltung kommt. Doch leider, leider gibt es auf „Broken Beats 2“ viel zu wenige davon. Aber so, wie ich Echo Beach kenne, wird bald ein mit „Broken Beats 3“ betiteltes Dub-Album erscheinen.

Für Freunde des schwarzen Goldes gibt es übrigens eine „Broken Beats 1&2 Vinyl Edition“ mit acht Songs und sehr schönem Cover.

Bewertung: 3 von 5.
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Liquid Rainbow: 8 × 8

Am 16. November 1938 synthetisierte Albert Hofmann in Basel eine Substanz, die er selbst am 19. April 1943 erstmalig ausprobierte. Dieser Tag sollte als „Bicycle Day“ in die Geschichte eingehen, weil Albert Hofmann den Effekt der Droge erstmalig auf der Heimfahrt mit seinem Fahrrad wahrnahm. Mit dieser Entdeckung hat Hofmann die Pforten der menschlichen Wahrnehmung ins Unendliche erweitert. Warum dieser Exkurs?
Wenn sich eine Formation Liquid Rainbow nennt und dann noch mit solch einem flippigen Kaleidoskop-Cover und diesem eigenwilligen, musikalischen Sammelsurium aus Dub, Psychedelic, Electronica, Chillout und Field Recordings um die Ecke kommt, habe ich genau diese Assoziationen. Bereits Anfang 2014 wurde das Liquid Rainbow Album: „8 × 8“ veröffentlicht und hat bis heute nichts von seinem Reiz verloren. Das Opus sind acht Original-Songs und acht Dubs, die von Stefano Contini aka Dubmaster Conte nachträglich gemixt wurden. Liquid Rainbow sind drei Herren aus Italien. Die zwei Multiinstrumentalisten Stefano Contini aka DUBMASTER CONTE und Francesco Allegro aka FRANK WIZARDD spielen Bass, Drums & Percussions, Keyboards, Sampler, Baritone Guitar, Electric und Slide Guitar, Sampler und Field recordings. Roberto Beretta aka ROBY B steuert Electric Guitar, Banjo und Keyboards dem Sound-Gemisch bei.
Der Mailänder Dubmaster Conte spielte als Teenager Bass in einer Punkrock-Band, die sehr stark von The Clash inspiriert war. Und wie könnte es anders sein, just über diese Schiene fand Dubmaster Conte seinen Zugang, zu den legendären Dub-Produzenten wie King Tubby, Lee Scratch Perry, Scientist und auch Mad Professor, die wiederum Dubmaster Conte zu seinen Mischtechniken inspirierten. Lange Rede kurzer Sinn: Man könnte das Album am besten als eine clevere Zusammenstellung aus Psychedelic Dub im Trip-Hop-Kostüm mit Ambient-Soundscapes und fetzigen Gitarrenklängen charakterisieren. „8 × 8“ ist folglich schon etwas abseitiger vom Mainstream-Reggae-Dub zu verorten – genau mein Ding.

Bewertung: 4 von 5.
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Dubstrand Allstars: Dubbing up the Coast

Ihr wollt neue Scientist-Dubs von den Roots Radics hören? Da braucht ihr nicht mehr länger suchen, die Dubstrand Allstars (Brizion mit seinem Bruder als Drummer) kommen auf ihrem zweiten Album „Dubbing up the Coast“ (Dubstrand Music) diesem Hörerlebnis schon sehr nah. 

Schon das Debut „Dubbing on the Bay“ war dem dubblog.de eine Review wert – wenn auch der Rezensent einiges zum herummosern gefunden hat: Gleichförmigkeit, mal in Form langweilig-gleich klingender e-Drums, mal in Form eintöniger Lustlosigkeit, mal simpel mangels musikalischer Ideen. In anderen Worten: Netter Versuch, aber das ginge noch wesentlich besser.

Und wie das besser geht: Auf „Dubbing on the Coast“ sind die e-Drums einem live-Kit gewichen, was schon mal Leben in die Klang-Bude gebracht hat; das ist der Sound, den’s braucht um handgemachte Musik frei atmen zu lassen. So befreit von der klanglichen Tristesse wirken die neuen, im klassischen 80’s-Style arrangierten Stücke tiefenentspannt. Einzig eine etwas zu scharf klingende Snare stört das Klangbild – was zweifellos eine Frage des Geschmacks bzw. der persönlichen Präferenzen ist.

Neu auch die gelungene Melodieführung – einfache und einprägsame Basslinien „old-school jamaican style“ (Flabba Holt lässt grüßen) führen in diesen leichten Trance-ähnlichen Zustand, den der Rezensent am Reggae so liebt. Da kippt man gerne rein; da fängt man rasch an, sich im Rhythmus zu bewegen. Dazu noch feine Gitarrenarbeit und Keyboards, die es dem Hörer mitunter schwer machen, zwischen Instrumental, Version und Dub zu unterscheiden. Selbst die dieser Tage scheinbar unverzichtbare Melodica wird nicht überstrapaziert und fügt sich unaufdringlich ins musikalische Geschehen ein. Im Gesamtbild also eine schöne, runde Sache, die eine musikalische Weiterentwicklung gut erkennen lässt – das mag was heißen, wenn man Brizion’s enormen, aber nicht sonderlich wandlungsfähigen Solo-Output als Maß der Dinge nutzt.

Was das Dub-Mixing betrifft, war der anfängliche Vergleich mit Scientist natürlich übertrieben; wiewohl die Richtung stimmt, wenn man den Vergleich mit den entsprechenden Aufnahmen der frühen 1980er anstellt. Wir haben hier keine spektakulären Dub-Kapriolen, Sound-Gimmicks oder innovatives Mixing vor uns, sondern vielmehr solides Handwerk – obwohl ich bezweifle, dass da an einem old-school Mixing Board gearbeitet wurde. Muss ja auch nicht sein – allein das Ergebnis zählt, und genügsam eingesetztes Echo bzw. Hall machen irgendwie auch ganz schön glücklich.

Bewertung: 4 von 5.
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City Squad: Grenoble

Ein interessantes Konzept verfolgt das französische Label Subsquad. Es kompiliert unter dem Titel „City Squad“ kostenlose Dub-Sampler mit Dubs von Artists aus jeweils einer französischen Stadt. Nach Bordeaux im letzten Jahr war jetzt Grenoble dran. In der Stadt nahe der Alpen leben weniger Einwohner als in Herne, und doch hat Subsquad 15 (!) Tracks verschiedener Dub-Artists zusammen bekommen – alle aus Grenoble. Unfassbar! In der Stadt und der näheren Umgebung sind tatsächlich 14 Sound Systems beheimatet (in Herne kein einziges). Tja, wer hätte das gedacht? Ich habe nicht im geringsten geahnt, dass Grenoble eine Hochburg des Dub ist. Aus unerfindlichen Gründen verorte ich Dub immer noch in Großstädten. Aber spätestens seit Paolo Baldini ist immerhin klar, dass Dub auch durch die Tälern der Alpen schallt. Dass ausgerechnet Grenoble so ein Dub-Hotspot ist, liegt vor allem am Roots ’n’ Culture-Festival, das 2003 als ein der alternativen Musik gewidmetes Sommerfestival startete, sich aber nach und nach Reggae zugewandte und und seit 2017 ein reines Sound System-Event ist. Ich habe es noch nie besucht, aber ich stelle es mir fantastisch vor, denn hier kommen zwei meiner größten Leidenschaften auf magische Weise zusammen: Dub und die Berge. Vom Festival aus infizierte Dub bald die ganze kleine Stadt und das Roots’n’Culture-Kollektiv veranstaltet inzwischen das ganze Jahr durch viele andere Dub-Events in Grenoble. Wer die Dub-History von Grenoble im Detail nachlesen möchte, kann das auf der Subquad-Website machen.

Zurück zum Sampler: Er bietet 15 Tracks von lokalen Artists, von denen zwar bisher nicht ein einziger meinen Weg kreuzte, deren hier versammelte Dubs mich aber voll und ganz überzeugen. Ich habe mir das nächste Roots’n’Culture-Festival schon vorgemerkt.

Bewertung: 4 von 5.