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Five Star Review

Bunny Wailer: Dub D’sco Vol. 1

Eine sehr traurige Nachricht erschüttert gerade die Reggae/Dub-Welt. Der letzte noch lebende Wailer aus dem Triumvirat der Wailing Wailers, Bunny Wailer, ist gestern (02.03.2021) 73-jährig im Kingstoner Krankenhaus gestorben. Aus diesem traurigen Anlass möchte ich nochmal die „Dub D’sco Vol. 1“ in Erinnerung bringen. Ein Album, das Bunny Wailer 1977 auf seinem Solomonic-Label veröffentliche und das von mir damals wie heute abgefeiert wird. Bunny Wailers erstes Dub-Album enthält (nur) sieben Tracks, die laut Bunny Wailer speziell für die Dancehall Massive ausgewählt wurden.
Das Album wird perfekt mit „Roots Raddics“ (aus Roots, Raddics, Rockers, Reggae) eröffnet. Ein heute immer noch unglaublicher und richtig packender Dub. Darauf folgt das mäandernde „Battering Down“ (aus Blackheart Man), das eine großartige Dub-Stimmung verbreitet, die träge und auf faszinierende Weise dahinfließt. Es ist immer wieder eine wahre Freude, die andere Dimension des Original-Gesangsstücks zu hören. Als Nächstes kommt „Armagedon“ (aus Blackheart Man), eine atemberaubende, mit Nyahbinghi Drumming verfeinerte, räumliche Klanglandschaft. Eine weitere großartige Version ist „Fig Tree“, die viele Vocals im Mix enthält. „Love Fire“ (aus Love Fire) erinnert ein wenig an „Dub Of Parliament“, Lee Perrys Dub-Version des Meditations Klassikers „House Of Parliament“. Die Hymne „Rasta Man“ (aus Blackheart Man) ist eine fantastische Dub-Version mit einer schillernden Atmosphäre. Sehr schön, wie gerade da Carly Barretts Drumming herauszuhören ist. Abgerundet wird dieses unglaubliche Meisterwerk durch „Dream Land“ (aus Blackheart Man), das ein paar herrlich kitschige Weltraum-Synthie-Klänge enthält.
Die meisten der auf Dub D’sco Vol. 1 enthaltenen Songs werden den Reggae-Fans mehr als geläufig sein, dennoch ist es immer wieder eine aufregende Erfahrung, sie in einem anderen, hier Dubwise-Stil zu hören. Die Art und Weise wie alle Songs von den weniger bekannten Dub-Meistern Sylvan Morris und Karl Pitterson im Kontrollraum eine inspiriert klingende Dub-Behandlung erhalten haben, kann als Sternstunde des Dub bezeichnet werden. Selten wurden der Instrumentierung und vor allem Bunny Wailers Stimme in Dub-Mixes so viel Raum gelassen. Es mag sein, dass Dub D’sco mit seinen Spezialeffekten etwas überproduziert daherkommt, aber letztendlich macht die Stärke der Songs und die exquisiten Darbietungen der Musiker dieses Album zu einem absoluten Muss für den Die-Heart-Dub-Fan.
R.I.P. Neville O’Riley Livingston aka Bunny Wailer

Bewertung: 5 von 5.
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Dubstrand Allstars: Dubbing on the Bay

Es gibt da diese „New Releases“-Sektion auf dubblog.de, in die der Rezensent gerne und regelmäßig reinschaut – und sei’s nur um zu sehen, was die Kollegen da alles zwischen Gut und Böse reinstellen. Das ist die ganz, ganz breite Palette; nur Besonderes und/oder Interessantes (im positiven wie negativen Sinn) findet seinen Weg in die Reviews. Also mutig reingesprungen in die Flut an Neuheiten, stichprobenartig reingehört und tatsächlich fündig geworden: Es ist Dubstrand Allstars‘ Debut-Album „Dubbing on the Bay“ (Dubstrand Music), das ich hiermit ins grelle Rezensions-Licht zerre.

Zugegeben: Es sind wieder mal die Drums, die meine erste Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haben; sie erinnern in ihrer Abmischung sehr an Releases aus dem Jahr 1981, als da wären Peter Tosh‘ „Wanted Dread & Alive“, Jimmy Cliff’s „Give the People What They Want“ oder Pablo Mosers‘ „Pave the Way“. Dieser harte Sound, der nicht sonderlich basslastig war, aber mit seinem Punch in entsprechender Lautstärke wahrscheinlich Löcher im Trommelfell hinterlassen hat; diese Kickdrum, die ziemlich martialisch daherkommt und quasi befiehlt, wo’s langgeht. Der damals relativ kurzlebige Trend findet sich jetzt auf dem „Dubbing on the Bay“-Album wieder – ob das beabsichtigt oder Zufall war bleibt offen.

Meine zweite Aufmerksamkeit hat den Dubstrand Allstars selbst gegolten – nie gehört, nie gesehen, wer soll das sein? Die online-Recherche lässt mich vorerst komplett auflaufen; dann findet sich doch noch ein Bruchstück einer Information und weist auf Brizion hin. Der Mann ist mir schon öfters aufgefallen; weniger wegen seiner mediokren Musik denn ob der schieren Menge seines Outputs: Der Kalifornier dürfte einmal Husten und am anderen Ende schießen 5 Alben raus, die dann leider auch so klingen. Klarer Fall von Quantität vor Qualität. Man stelle sich vor, Vaughn Benjamin hätte sich mit Brizion zusammen getan… das wäre wohl eine endlose Flut an dahinbrabbelnden Alben geworden.

Die Dubstrand Allstars hingegen sind dankenswerterweise kein weiteres Soloprojekt von Brizion; er nimmt sich (hurra!) doch glatt einen zweiten Musiker – sprich Drummer – an Bord. Keine Frage, das lässt die Musik aufleben, wenn auch mit Wermutstropfen: Der Mann spielt E-Drums, die per se keine großen klanglichen Varianten bieten. Schläge auf die E-Snare klingen immer ermüdend gleich, eine akustische Snare hingegen klingt bei jedem Schlag eine Nuance anders – je nachdem wo der Stick das Fell trifft. Ein kleiner Unterschied der eine Klangwelt ausmacht.

Zurück zum Album – es ist nicht sonderlich basslastig mit einem gefühlten Cutoff bei 60Hz, aber siehe oben: Was für Tosh und Cliff damals gut genug war, sollte man heute auch den Dubstrand Allstars zugestehen. Letztlich bleibt eine Ansammlung klassisch anmutender Riddims; sparsamst instrumentiert mit unaufdringlich eingearbeiteten Dub-Effekten. Da ist nicht viel falsch gemacht worden, und doch wirkt alles gleichförmig, eintönig. Das ist sicher nicht nur den Drums geschuldet, sondern eher dem, dass da lediglich zwei Musiker ihr Bestes geben: Der eine spielt Schlagzeug, der andere spielt den überschaubaren Rest der Instrumente. Lust kommt da keine auf, musikalische Ideen sind nicht zu finden. Das Ganze wirkt eher wie eine Pflichtübung und ist damit weit von einem Meisterstück entfernt. Wer jedoch gewillt ist seine Erwartungen entsprechend herunterzuschrauben, wird durchaus Freude an „Dubbing on the Bay“ haben. 

Bewertung: 2.5 von 5.
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R-Juna: Rockers Dub

Vom zyprischen Dubophonic Label gibt es wieder etwas Neues zu vermelden. Ein Jahr nach seiner Reggae/Dub-Debütveröffentlichung „Dubs And Praises“ ist der US-amerikanische Produzent aus Indiana Roy Waterford alias R-Juna mit seinem zweiten Dub-Album „Rockers Dub“ (Dubophonic Records) zurück. Und was soll ich euch sagen? Da geht einem alten Deadhead wie mir das Herz auf, wenn sich ein Dub-Künstler über 25 Jahre nach Jerry Garcias plötzlichem Tod (1995) und der offiziellen Auflösung der Grateful Dead zwei absolute Klassiker der Band: „Franklin’s Tower“ und „Fire On The Mountain“ vornimmt, sie einer Dubbehandlung unterzieht und durch die Echokammer jagt. Natürlich sind die beiden Titel auch Beleg dafür, welch außerordentlichen Stellenwert Grateful Dead – *die „amerikanischste“ aller Bands – in den USA innehat(te). Und was gibt’s noch auf der Neuerscheinung zu entdecken? In der Sammlung der zehn neuen Produktionen finden sich außerdem eine schöne Dubinterpretation des Red Stripes all-time Krachers „Seven Nation Army“ und des Doors Klassikers „Riders On The Storm“ mit Samples von Jim Morrisons Originalstimme. Die verbleibenden sechs Titel sind ordentliche Eigenkompositionen im herkömmlichen Roots-Dub-Style, die R-Juna elegant zwischen die Klassiker positioniert hat. Produziert, gemischt und gemastert wurde das Album wieder von Roy Waterford im Alleingang. Lediglich für die Dubbearbeitung der Grateful Dead Tracks wurde Colton Lantz an der Gitarre als Unterstützung angeheuert. Als kleinen Wermutstropfen muss ich konstatieren, dass Colton Lantz noch nicht einmal im Entferntesten an den glasklaren Gitarrensound eines Jerry Garcias herankommt. Wobei es ihm beim „Fire on the (Mountain) Dub“ etwas besser gelingt. Sei’s drum, denn das ist Jammern auf hohem Niveau. Wie bereits R-Junas erstes Dub-Album „Dubs & Praises“ kostet auch „Rockers Dub“ wieder nur das, was du zu zahlen gewillt bist.

*Die „amerikanischste“ aller Bands deshalb, weil sie es verstanden, mühelos fast alle amerikanischen Musikstile in ihren einzigartigen Band-Sound zu adaptieren.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Papa Dee: Sir Pinkerton Investigates Another Murder in Red Hut Studio

Ah… wunderbar! Wieder ein Dub-Counterpart zu einem Vocal-Release – wie sich’s gehört, meine ich. Eines bedingt das andere und überhaupt: One foot can’t run. Ich präsentiere also „“Sir Pinkerton Investigates Another Murder in Red Hut Studio“ (Red Hut Studios) – das Dub-Album zu Papa Dee’s vorjährigem, eher schlicht benannten „The Red Hut Sessions“-Release. Die Vorfreude darauf war meinerseits groß, gab es doch schon einmal von Papa Dee eine sehr schöne Vocal/Dub-Kombination, die zwar eine etwas schräge Erscheinungshistorie hat, aber auf ganzer Linie überzeugte: „Papa Dee Meets the Jamaican Giants“ und „Papa Dee Meets the Jamaican Giants vs. Internal Dread: In Dub“.

Mit den „Jamaican Giants“ ist es diesmal nichts geworden; „Sir Pinkerton“ ist schwedischer als schwedisch (wie Wasa Knäckebrot möchte ich fast sagen, aber das haben sich längst schon die Barilla-Nudelkocher einverleibt). Zur Erklärung: Papa Dee ist Schwede, die Musiker sind Schweden; Studio, Aufnahme, Mix, Mastering: alles in Schweden, durch Schweden & von Schweden. Was soll ich sagen: Europe rules, zumindest was klassischen (Roots-)Reggae und Dub betrifft. Die werden hier seit geraumer Zeit sehr gut, mit Liebe zum Detail und mit viel Respekt vor den ganz Großen gemacht. Kein Wunder, dass für uns so manche europäische Produktion jamaikanischer als der dortige Output klingt.

Zurück zu Papa Dee und seinem Dub-Release: Das große, nicht ganz unwitzige, in Variationen schon öfter untergekommene Thema sind hier Mordfälle, in denen die berühmte „Pinkerton National Detective Angency“ Ermittlungen durchführt – und zwar durch Begründer Sir Pinkerton höchstpersönlich. Was das mit der Musik zu tun hat? Rein gar nichts; Titel wie „Serial Killing“ oder „Pure Murder Dub“ sind wohl irgendwie auch als Anleihe an jamaikanische Vorbilder zu verstehen. 

Schlußendlich kann man über „Sir Pinkerton investigates…“ (die Albumtitel-Länge ist wirklich Marketing-feindlich) viel Gutes sagen: Schöne, handgeklöppelte Riddims, feiner Klang und ein gelungener, klassischer Dub-Mix, der der Echo-Schleife durchaus schon mal ordentlich Zeit einräumt – King Tubby lässt grüßen! Einzig störend der eine Rocksteady- (oder doch Ska?) Track, was allerdings mehr oder weniger einer persönlichen Abneigung geschuldet ist. Raus mit dem Teil aus der Playlist und alles ist wieder gut & empfehlenswert.

Bewertung: 4 von 5.

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Review Zweite Meinung

Mato: Scary Dub

Was mussten meine trüben Augen sehen? Hat da nicht letztens Kollege Wynands das neue Album von Mato mäklerisch mit läppischen 3 Sternen abgespeist und damit wahrscheinlich nicht nur bei mir Schnappatmung ausgelöst? Diesen wunderbaren, neuen Release „Scary Dub“ (Styx Records) vom französischen Wunderwuzzi Thomas Blanchot, der unter seinem Pseudonym Mato 1A-Reggae, -Dub, -Hip Hop und diverse Remixes produziert? Also dem Mann, der sich 2014 mit seiner Dub-Version von Daft Punk’s „Homework“ ins kollektive Dub-Gedächtnis eingebrannt hat? Ja, werte Leser*innen… ich kann Eure Empörung ob dieses unglaublichen Fehlurteils sehr gut nachvollziehen! Ich geb‘ mal spontan eine Runde Riechsalz oder Baldriantropfen (je nach Bedarf) aus für alle deren Blutdruck ob des Schrecks verrückt spielt.

Eine Schockstarre später muss man wohl anmerken, dass Mato’s Dub eigentlich nichts für die original Dubheads ist. Da stellt sich nicht der wohlige Dub-Rausch ein – Ihr kennt das: Wenn die Knie weich werden und leicht einknicken; wenn der Kopf unwillkürlich im Rhythmus zu nicken beginnt und die akustische Welt aus einer hypnotischen, endlos-repitativen Bassline und schleppend-schweren Schlägen auf die Drums besteht – und noch dazu mit Echo & Hall & sonstigem Effekt-Arsenal ins psychodelische Traumland führt, wo Zeit dann nur noch aus Langsamkeit besteht. Also so fühlt sich’s jedenfalls bei mir an – gebt Bescheid, wenn Ihr da eher medizinischen Handlungsbedarf vermutet.

Nein, Mato ist eher Konzeptkünstler, Geschichtenerzähler, Comic-Zeichner, der 2 bis 3-Minuten-Stories in akustische Kleinode umsetzt. Oder sich auch schon mal der klassischen Musik oder der Filmmusik zuwendet, und das alles perfekt produziert & abgemischt – natürlich nicht für’s große Dance-Soundsystem, sondern für die gepflegte Heim-Anlage. Da findet noch nicht mal der sonst pingelig-kritische Rezensent etwas zu bemängeln, was schon mal eine Sensation für sich ist. Wie auch immer, Mato hat sich in seiner neuen Arbeit wieder mit der Filmmusik auseinandergesetzt; diesmal etwas enger gefasst mit dem Horror Movie-Genre. Da ist quasi alles vertreten was Rang & Namen hat – von Dracula, Frankenstein über Freddy Krueger und Michael Myers bin hin zu Fox Mulder und Dana Scully; wir wollen auch den weißen Hai und das Ding aus dem Sumpf nicht vergessen. Ein Album voller „Scary Dubs“ eben.

Jeder Track ist ein Comic für sich; die Film-Melodien sofort wiedererkennbar, die passenden Soundeffekte sensationell: Eine unheimliche Orgel, kreischende Frauen, Christopher Lee’s Stimme – „I am Dracula“ ist beste Dub-Unterhaltung:

Oder wie wär’s mit der Dub-Version vom „Jaws“-Theme, sprich dem „Weißen Hai“? Die langsam anschwellenden, dann nervösen, panik-verbreitenden Streicher… die Erinnerung an die späten 70er Jahre ist sofort wieder da:

Einen hab‘ ich noch: Michael Myers goes Reggae im „Halloween Dub“… uh… scaaary!!!

Mato macht diesmal also Musik für die SciFi/Horror/Splatter-Movie-Fans und natürlich auch für das Kind in den Dubheads. Es ist lockere Unterhaltung, leichte Kost, bestens präsentiert… und ich liebe es. Ich schmeiss‘ mich tatsächlich noch jedesmal weg, wenn ich den „Jaws Dub“ höre – und das Album läuft derzeit in Endlosschleife!

Das ergibt insgesamt locker 4 Sterne, Kollege Wynands… ach was, ich leg‘ noch einen halben Stern drauf: Es läuft gerade Akte X in Dub – „Die Wahrheit ist irgendwo da draussen“. Sooo scaaary!!!

Bewertung: 4.5 von 5.
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Mato: Scary Dub

Mato ist ein echter Konzeptkünstler. Er käme nie auf den Gedanken, einfach mal ein paar nice Dubs aufzunehmen und sie dann auf ein Album mit einem Titel wie „Corona-Dubs“ zu packen. Never! Bei ihm braucht es ein gehaltvolles Thema, sei es Hollywood-Filmmusik, große Klassik – oder zumindest ein Daft Punk-Meisterwerk. Mato ist immer für eine Überraschung gut. So auch dieses Mal: Erneut hat er sich der Filmmusik zugewandt, jedoch mit Genre-Ausrichtung: „Scary Dub“ (Stix Records). Wer den blutigen Schriftzug auf dem Cover sieht, muss nicht lange überlegen: Es geht um Horrorfilme, quer durch die Jahrzehnte: von Dracula und Frankenstein über Exorzist und Halloween bis Akte X und die Mumie. Ein witziges Konzept, das wunderbare Samples erlaubt. Das Problem ist nur, dass das Horror-Genre, anders als z. B. der Western, keine großen und allseits bekannten Soundtracks hervor gebracht hat. Wer daher auf Wiedererkennungseffekte und schaurig-wohlige Filmerinnerungen hofft, wird unweigerlich enttäuscht. Bleibt also die nackte Musik. Und da wären wir dann bei einem Dutzend leichtfüßiger Tracks in typischer Mato-Manier, ohne rechte Bodenhaftung, dafür voller spaßiger Sample-Anekdoten. Schade, schade, denn der konzeptbesessene Franzose baut an sich einfallsreich arrangierte Dubs und liefert einen präzisen Sound – Qualitäten mit denen sich mehr erreichen ließe. Meine Theorie: Als Backings hinter schönen Vocals wäre seine Musik klasse. Als Dub taugt sie trotz Hall und Echo weniger.

Bewertung: 3 von 5.
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JahYu: Center of Gravity

Als Designer habe ich den falschen Musikgeschmack. Das Cover-Artwork im Genre Dub gehört zu den schlechtesten auf dem Musikmarkt – was mir bei nahezu jedem neuen Release, den ich musikalisch so richtig feiere, zugleich großes visuelles Leid zufügt. Das liegt entweder daran, dass Dub-Producer so sehr auf den akustischen Sinn fokussiert sind, dass ihnen keine Kapazität mehr fürs Auge bleibt, oder aber es liegt daran, dass sie gezwungen sind, ihre Musik unter fatal prekären Umständen zu produzieren und sich Kosten für angemessenes Grafikdesign schlicht nicht leisten können. Tragisch! Aber hier haben wir endlich, endlich mal eine fantastische Ausnahme von der Regel: JahYu: „Center of Gravity“ (Steppas). Das Cover ist großartig. Was für eine schöne Illustration! Ich bräuchte das gute Stück als Vinyl in 30 x 30 cm! Natürlich weckt ein solches Cover hohe Erwartungen. Ebenso das Label: Steppas Records von Ben Alpha – Home of Alpha Steppa, Alpha & Omega und einigen anderen herausragende Dub-Artists. Zu letzteren gehört auch JahYu. Er lebt und arbeitet in Hamburg, ist koreanischer Abstammung und produziert höchst interessante Dub-Musik im Grenzbereich zwischen Dub, Dubstep und Bass Music. Sein Markenzeichen: Auf traditionellen koreanischen Instrumenten eingespielte ätherische Melodien, die über schweren Dub-Beats schweben. Dieser reizvolle Kontrast ist nicht grundsätzlich neu. Augustus Pablo und in seiner Folge unzählige andere Instrumentalisten haben ihn genutzt, um spirituell anmutenden Dub zu produzieren. Daher verwundert es nicht, dass das Adjektiv „spirituell“ auch stets verwendet wird, um JahYus Musik zu charakterisieren. Und wir wissen ja alle, dass Ben Alpha auch voll auf spirituell-meditativen Dub abfährt. Ich muss aber sagen, dass ich die Beats des Hamburgers eigentlich noch viel spannender finde, als seine koreanischen Instrumente. Denn JahYus Beat-Konstruktionen transzendieren ein ums andere Mal das bekannte Steppers-Muster in Richtung Neuland (zumindest für Dub-Verhältnisse) und sorgen so für frische Hör-Erfahrungen. So entsteht über die Albumlänge eine schöne Bass-Odyssee, mal über steiniges, raues Gelände und dann wieder durch die sanft wiegenden Wellen des Offbeats. Spannend und erlebnisreich bis zum Schluss. Kurz gesagt: Cover und Musik passen bestens zusammen.

Bewertung: 4 von 5.
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Jah Schulz: Dub Over Science

Jah Schulz hat nachgelegt: „Dub Over Science“ (Basscomesaveme). Ob der Titel ein Kommentar zur Corona-Pandemie ist? Falls ja, dann zweifellos in dem Sinne, „probieren geht über studieren“, denn genau das macht Jah Schulz hier. Ein gewagtes Experiment im Grenzbereich zwischen Mystik und Wissenschaft. Während Dr. Schulz sonst dazu neigt, den wissenschaftlichen Diskurs mit eher wuchtigen Argumenten im Steppers-Style voran zu treiben, hat er nun beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen – im wahrsten Sinne. So taucht er für „Dub Over Science“ hinab in die Marianengraben-Tiefseestation. Dort unten hat er ein Studio, in dem die Zeit langsamer vergeht, weshalb auch die dort produzierten Tracks mit halber Geschwindigkeit ablaufen. Was im Übrigen die Frequenz von den bisher von ihm gewohnten 16 Hz auf 8 Hz halbiert. Das lässt sich hier oben auf der Erde mit dem menschlichen Gehör natürlich nicht mehr wahrnehmen, ist aber als leichtes Erdbeben deutlich zu spüren. Die Forschungsfrage lautet: Wie tief muss der Bass noch runter geschraubt werden, um den Erdboden so stark in Vibration zu versetzen, dass die dadurch erzeugten Mikrodruckwellen den SARS-CoV-2-Virus im Dauerbeschuss zerbröseln lassen? Aus dieser bahnbrechenden Erkenntnis ließe sich in kürzester Zeit ein Dub-Vakzin entwickeln, dass alle Menschen heilen könnte – ganz ohne Nadelstich! Bei mir funktioniert es jedenfalls schon: Seit ich das Album über meinen Subwoofer laufen lasse, fühle ich mich ausgesprochen gesund.

Bewertung: 4 von 5.
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Ancient Mountain: Ghetto Dub Vol. 2

Allein schon ein Albumtitel wie „Ghetto Dub“ lässt auf ein veritables One Drop-Bassmonster aus den tiefsten 1970ern, Marke „Blackheart Man“, hoffen. Wenn als Artist dann auch noch ein majestätisch-ehrwürdiges „Ancient Mountain“ angeführt wird, steigt die Erwartung ins Unermessliche: So ein Album hat keine andere Wahl als entweder fetzgeil oder grottenschlecht zu sein; dazwischen gibt’s Null Spielraum. Aber wie das nun mal ist mit vorgefassten Meinungen: Sie halten der Realität nicht stand. Und so staunt der Rezensent nicht schlecht, als er entdeckt, dass es sich hier um eine deutsche Produktion handelt. Eine ausgiebige Recherche und ein Interview später ist die Welt wieder in Ordnung und das Album in Perspektive gesetzt. Also mit Kopfsprung rein in die Materie und her mit den Hardcore-Facts:

Ancient Mountain ist Label, Studio und musikalisches Projekt von Martin Musch und Markus Dassmann. Während letzterer als Multiinstrumentalist Bass, Gitarre, Piano, Orgel und Melodica einspielt, steuert Musch Schlagzeug und Mix bei und ist damit im wahrsten Sinn des Wortes tonangebend. Für alle, die Linernotes lesen, ist der Drummer kein Unbekannter – mit Uwe Banton’s Movements, der Sharp Axe Band oder Irie Miah’s Massive Vibes ist er längst fixer Teil der deutschen Reggae-Szene; über Markus Dassmann von den Senior Allstars braucht man wohl kein Wort mehr zu verlieren.

Ghetto Dub Vol. 2“ (Ancient Mountain Records) ist nicht die erste Zusammenarbeit der beiden; auf dem 2020 erschienen De Soto-Album „Silverado Days“ hatte Dassmann den Lead und setzte seine musikalischen Vorstellungen um. Das wird im direkten Hörvergleich offensichtlich: „Silverado Days“ könnte durchaus als zugänglicheres Senior Allstars-Album durchgehen; zwar bei weitem nicht so kopflastig, aber vom Mix her ein typischer Altherren-Release: flacher als flach. „Das sind nahezu 15 Jahre alte Homestudio-Aufnahmen, die Markus im Alleingang fertig eingespielt und gemischt hat – ich habe lediglich die Drums beigesteuert“, erklärt Musch. „Für die Ancient Mountain-Aufnahmen hingegen nutzen wir ein professionelles Analog-Studio, wo noch eine Hammondorgel mit Leslie-Speaker steht; es gibt ein Klavier, ein Wurlitzer E-Piano, eine Riesenauswahl an alten (Röhren-)Mikros und die entsprechende Technik dazu.“ Danach geht‘s mit den Old School-Aufnahmen ins eigene Ancient Mountain Studio, wo Musch die Sachen „hybrid“, sprich mit Hilfe von ausgesuchten analogen EQ’s und Kompressoren, Federhall und einem kleinen Pult abmischt. 

Ghetto Dub Vol. 2 und sein (derzeit nur auf Bandcamp erhältlicher) Vorgänger Vol. 1 sind – entgegen der vom Titel herrührenden Erwartungen – von der klassischen Idee der B-Sides und Versions beseelt. „Als „Ghetto Dub“ bezeichnen wir eine Spielart des Reggae – den klassisch hart gespielten und reduzierten Channel One-Sound in Moll, wie ihn die Revolutionaries oder die Roots Radics zu ihrer Blütezeit Ende der 1970er bis Anfang der 80er gepflegt haben.“ Davon ab gesehen, so Musch, bedeute „Ghetto“ fernab vom soziokulturellen Kontext natürlich auch einen Raum beschränkter Möglichkeiten und Improvisation. Soll heißen: Keiner der Tracks wurde mit der Absicht eines Album-Releases aufgenommen. Es ist vielmehr die klassische Resteverwertung – aus einem Sammelsurium an musikalischen Ideen, dass sich im Laufe der Zeit angesammelt hat und zu Schade zum Wegwerfen war; von musikalischen Bruchstücken, die anderswo doch nicht veröffentlicht wurden und übrig blieben. Das tut der Qualität des Materials allerdings keinen Abbruch: „Was bei Ancient Mountain letztlich zählt, sind gute Songs und ein spezieller Analogsound.“

Die Übung ist durchaus gelungen: „Ghetto Dub Vol. 2“ glänzt zwar nicht mit rauschenden Dub-Effekten – dafür sind die simplen und damit umso eingängigeren Basslines bestes klassisches Reggae-Handwerk. Martin Musch gibt dazu kongenial seinen besten Sly Dunbar: „Wir können unseren musikalischen Background nun mal nicht verleugnen: Channel One, Sly & Robbie, die Roots Radics usw. sind musikalischen Riesen, die diesen einzigartigen Sound geschaffen haben und den wir zu reproduzieren versuchen.“

Keine Frage, originäre Sounds und qualitativ hochwertiger Klang sind Musch persönlich wichtiger als flashige Effekte: „Wir nutzen ausschließlich akustische Instrumente. Ein Flügel, der mit zwei Kondensatormikrofonen abgenommen wird, klingt eben immer noch anders als die beste Emulation.“ Gerade bei den Drums, die Musch überwiegend ohne Clicktrack eingespielt hat, kommt die analoge Aufnahmetechnik den Hörgewohnheiten sehr entgegen. „Mit meinem Hintergrund als Schlagzeuger versuche ich einen spannenden Kontrast zwischen weichen Sounds und perkussiven Elementen zu schaffen. Viel Sound kommt natürlich auch aus den Fingern, sprich der langjährigen Erfahrung. Ohne einen versierten Universalmusikern wie Markus Dassmann würde Ancient Mountain sicher anders klingen.“ 

Also Routine und Können versus kreativem Wagemut? Nun ja, mit „Ghetto Dub Vol. 2“ wird sicher nicht King Tubby‘s Wiederauferstehung abgefeiert – dafür setzten Musch und Dassmann auf kleine Bass-Juwelen und den klassischen, aber heute um Welten besser klingenden analogen Sound: Channel One Deluxe, sozusagen. Allein zwei mediokre Ausflüge ins Funkige stören den Album-Flow und mindern den positiven Gesamteindruck – ohne sie wäre das Album wahrscheinlich die in sich stimmigste Resteverwertung ever.

Bewertung: 4 von 5.
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Radikal Guru: Beyond the Borders

Radikal Guru habe ich auf dem Schirm seit mir Neil Perch (Zion Train) vor ca. sieben Jahren einmal sagte, dass er ihn für einen der interessantesten Dub-Artists halte. Seitdem blicke ich immer äußerst erwartungsfroh auf neue Veröffentlichungen des polnischen Dub-Wunderknaben, aber ich muss gestehen, so richtig begeistert war ich nie – was zweifellos an der durch Neil geschürten, allzu hohen Erwartungshaltung liegen dürfte. Nun besteht wieder eine neue Gelegenheit mein Bild des Gurus doch noch in Richtung „genial“ zu verschieben, denn sein neues Album „Beyond the Borders“ (Moonshine Recordings) ist draußen. Eines vorweg: Wie bei den Vorgängern handelt es sich nicht um ein reines Dub-Album. Sechs der zehn Tracks sind Vocal Tunes – allerdings gebaut auf waschechtem Dub-Fundament. Und ja, der radikale Guru wird seinem Namen gerecht: Wie gewohnt sind seine Sounds hard & heavy. Eine Qualität, die durch die knackige Produktion noch verstärkt wirkt. Scharfe Vocals von Tenor Youthman, Troy Berkley oder Lady Skavya unterstützen den Effekt zudem. Aber ich bin auch wieder etwas enttäuscht; irgendwie ist mir die Musik zu eindimensional, zu unspektakulär, zu konventionell für einen Mann, der sich radikal nennt. Auch den Vokalisten ist (vielleicht mit Ausnahme von Tenor Youthman) nicht viel eingefallen. Da hilft es auch nicht, wenn der Guru verhalten mit Dubstep, Hip Hop oder Trap spielt.

Bewertung: 2.5 von 5.