Shankara NZ ist ein Duo aus Neuseeland (Brendan Evans und Elijah Wilson-Kelly), das sich elektronischen Downtempo-Beats mit exotischen Einflüssen verschrieben hat. Fette Bassflächen, indische Sitar-Klänge und Tablas – so klingen die meisten Produktionen des Duos. Doch mit der EP „Dawn Chorus“ haben die beiden einen konsequenten Schritt zum Dub gemacht und ein faszinierend betörend meditatives Dub-Werk abgeliefert. Ich habe ja schon öfters die These vertreten, dass gerade Genre-Außenseiter die spannendsten Dub-Produktionen kreieren, da sie sich nicht um Konventionen scheren und zudem ihre ganz speziellen, nicht Dub-spezifischen Kompetenzen einbringen. Bei Shankara NZ handelt es sich dabei definitiv um das untrügliche Gespür für tieffrequent schwingende, meditative Beats, eingebettet in einen weichen, aber dennoch kraftvollen Sound – der mich übrigens stark an den International Observer (Tom Baily) erinnert. „Dawn Chorus“ – läuft im Stream unter der Rubrik „Downtempo“ – ist für Freunde gepflegten Dubs jedenfalls eine echte Überraschung und ein perfekter Begleiter für Cozy-Feiertage in der dunklen Jahreszeit.
Wenn man es richtig bedenkt, dann ist Neil Fraser tatsächlich der dienstälteste, kontinuierlich bis heute tätige Dub-Fabrikant des Planeten. Congratulations! Seit Gründung des 4-Track-Ariwa-Studios 1979 in seinem Wohnzimmer produziert er Dubs. 1982 kam das legendäre Album „Dub Me Crazy“ heraus, dem 11 weitere Alben mit gleichem (Unter-)Titel folgen sollten: Meilensteine der Dub-History. Nun feiert er sich mit „40 Years of Dub“ (Ariwa) selbst. Dafür hat er tief im Berg seiner Aufnahmebänder gegraben und – wie mir scheint – seine persönlichen Favoriten aus 40 Jahren zusammen gestellt. Was eine sehr persönliche Auswahl nahe legt, ist die Tatsache, dass gerade seine großen Dub-Hits (welch Contradictio in adiecto!) hier nicht zu finden sind. Das läßt das Album frisch und unverbraucht klingen, zumal der verrückte Professor seine Aufnahmen neu gemastert hat. Viele der aufgeführten Titel lassen sich nicht im Ariwa-Back-Catalogue finden, so dass es gut möglich ist, dass hier auch bisher unveröffentlichte Dubs vergangener Jahrzehnte zu hören sind – es sei denn, der Verrückte hätte den Tracks einfach nur neue Titel verpasst. Wie dem auch sei: Das Album macht Spaß und die stilistische Entwicklung des Professors und seiner Musik ist spannend. Mit dem letzten Track „Forward 2 Africa“ ist er ganz im Hier und Jetzt angekommen – ach was: Er ist sogar wieder seiner Zeit ein Stück voraus!
Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende entgegen und pünktlich finde ich noch einen passenden Abschluss. Eine Kuriosität, eines dieser Dubious-Music-Alben, die ich so sehr liebe, rotiert bei mir seit zwei Wochen Minimum zweimal täglich. Im ersten Moment klingt das Album, als hätten sich die ON-U Sound Legenden Adrian Sherwood, African Head Charge und Strange Parcels zusammengetan und veröffentlichten jetzt ein Seitenprojekt unter dem Künstlernamen „Kutiman“. Aber weit gefehlt, der israelische Kibbuznik, Produzent, Filmemacher und Multiinstrumentalist Ophir „Kutiman“ Kutiel steckt hinter dem Ganzen. Musikalisch ist Kutiman in ganz unterschiedlichen Genres wie Funk, Afrobeat, Worldmusik, Jazz, Psychedelic Rock und Alternative zu Hause. Ganze sechs Jahre hat er sich nun Zeit gelassen, um „Kutiman: Wachaga In Dub“ zu veröffentlichen. Mit großer Ausrüstung (Mikrofone, Videoaufzeichnungsgeräte) flog Kutiman, den in Israel beinahe jedes Kind auf der Straße erkennt, 2014 nach Tansania, Afrika. Dort arbeitete er mit Stämmen der Massai und der Wachaga, einer Gruppe indigener Völker zusammen, die am Fuße des Kilimandscharo leben. Basierend auf den dort entstandenen Feldaufnahmen lokaler Musiker, Stammesgesängen und singenden Schulkindern aus Arusha, stellte er dann im heimischen Studio akribisch „Wachaga“ zusammen. Aus fünf der neun Originaltitel seines vierten Studioalbums schuf er jetzt „Wachaga In Dub“. Im Geiste klassischer Dub-Alben nimmt Kutiman Teile des ursprünglichen Ausgangsmaterials, ordnet sie neu, fügt Delay, Reverb und Phaser hinzu, um seine Musik in neue halluzinogene Höhen zu pushen. Entstanden ist ein wahrlich einzigartiges Konzept, das traditionelle afrikanische Gesänge und Rhythmen mit spirituellem Jazz und frisch klingender Elektronik kombiniert. Die Rhythmusmuster, Gesänge und die sich wiederholenden Passagen bieten die perfekte Plattform für Kutimans bewusstseinserweiternde Erkundungen. Das psychedelische „Awake In Dub“ klingt, als hätte Doug Wimbish die satten Bass-Lines eingespielt. „Maasai In Dub“ ist ein akustisch-afrikanischer Trip – (m)ein Killertrack. Das Mini-Album ist eine Tour de Force, die mitten ins Schwarze trifft, weil sich durch die Verschmelzung von Sampling, Electronica, Jazz und extrem vielen Dub-Effekten eine Exotik offenbart, die man in der Art sehr selten zu hören bekommt. Bitte mehr davon, Kutiman.
Zum Glück hat es NUR 12 Jahre gedauert bis uns Clive Hunt ein neues Instrumental/Dub-Album vorlegt. 2008 war ich wegen „Clive Hunt & The Dub Dancers“ völlig aus dem Häuschen und setzte das Album auf Platz drei meiner Jahrescharts. Nun ist sein neues Werk da: „Blue Lizzard“ (VP) – und ich bin schon wieder aus dem Häuschen. Für alle, die Clive Hunt nicht kennen: Er war Studiomusiker auf Hunderten von Tracks (meist in der Horn Section, am Bass oder an den Keyboards) und hat mindestens ebenso viele Tracks produziert. Eine wichtige Station in den 70ern war seine Produktionstätigkeit im Wackies-Studio, wo er u. a. für das legendäre Dub-Album „African Roots Act 1“ aufnahm. Nach 2000 wurde er Hausproduzent von VP Records und verantwortete u. a. das schöne „We Remember Dennis Brown“-Tribut-Album. Nun also „Blue Lizzard“ – benannt nach Hunts Spitznamen. Was für ein superber Sound! Präzise, crisp, tight, volltönend, warm und wohlig. Kein Wunder, wenn die Bläser Bobby Ellis, Nambo Robinson und Dean Fraser, die Keyboarder Robbie Lyn und Bubbler Waul, der Gitarrist Wayne Armond sowie die Drummer Squidley Cole und Kirk Bennet heißen. Ein wahres Hit Team! Sie spielen wunderschöne Evergreens neben neuen Kompositionen, allesamt ausgeklügelt und abwechslungsreich arrangiert – kein Vergleich zu so mancher allzu glatter Taxi Gang-Produktion. Erst im Kontrast zu solch perfektem Handwerk fällt auf, welch erbärmliche Produktionsqualität so manche moderne Dub-Alben bieten (die dann allerdings oft andere Qualitäten haben). „Blue Lizzard“ ist Old School im besten Sinne. Da die Bläser im Zentrum des Geschehens stehen, bemüht VP den Vergleich zu Rico Rodriguez’ „Man From Wareika“. Das ist nicht abwegig. Hätte der Perfektionist Rico sein Album heute aufgenommen, würde es wahrscheinlich klingen wie „Blue Lizzard“. Es ist zu befürchten, dass es nicht mehr lange Reggae-Produzenten und -Musiker geben wird, die diese herausragende handwerkliche und künstlerische Qualität abliefern können. Ein Grund mehr, jetzt ganz aus dem Häuschen zu sein.
Der Streaming-Dienst meiner Wahl kennt mich sehr gut; er weiß um meine wahnwitzige Liebe zum Dub und kann sie von meiner Wertschätzung für Reggae unterscheiden. Er versorgt mich freitags pünktlich um 00:00 Uhr mit den aktuellsten Releases – vermutlich wohlwissend, dass ich gläserner Mensch spätestens um 23:59 Uhr gespannt vor dem Notebook sitze um das Neueste vom Neuen in Sachen Dub präsentiert zu bekommen. Nein, nicht Minimal-Techno-Elektro-Steppers-Dub, der sich vorwiegend durch endlose Wiederholungen ein- und derselben Synth-Bassline bzw. ein- und desselben EDM-Patterns auszeichnet; auch nicht Dub der billigen Art irgendwo im Kämmerchen schnell zusammengeschustert und ganz sicher nicht Dub, der zum Selbstzweck produziert wurde. Es muss schon der klassisch angelegte Dub sein, der mutig die Gegenwart reflektiert; der bestenfalls der Counterpart eines Vokal-Albums ist oder sich als ausgefeiltes, Dub-inspiriertes Instrumental-Album präsentiert.
But then again… nobody is perfect. Mitunter spüle ich – selten aber doch – meine Gehörgänge bewusst mit völlig genrefremden Produktionen diverser aktueller Künstler*innen durch. Zum einen betteln die grauen Zellen von Zeit zu Zeit nach ansprechenden und/oder intelligenten Texten; zum anderen meine ich, dass klassischer Dub keine Insel der Seligen ist: Er kann und muss sich auf neue musikalische Strömungen und technische Entwicklungen einlassen, um im Rahmen seiner Möglichkeiten aktuell, lebendig und ja, auch konkurrenzfähig zu sein. Insofern ist mir ein Vergleich mit anderen Genres wichtig – ich gehe aber davon aus, dass mein Streaming-Dienst diesen Gedankengang (noch) nicht nachvollziehen kann und so das eine oder andere genrefremde Album sinnfrei in die geliebte Dub-Neuerscheinungsliste fehlleitet. Jedenfalls wird so nicht nur meine Lust am Entdecken neuer Dub Produktionen gestillt – ich erweitere gleichzeitig meinen Horizont und kann mich kritisch mit aktueller Musik auseinandersetzen.
Das ist mitunter anstrengend, aber höchst befriedigend und beschert denn einen oder anderen Aha-Moment, was uns zum eigentlichen Thema dieser Rezension bringt: Spotify präsentiert mir ein brandneues Album, dessen knallbuntes Comic-Cover spontan auf den Soundtrack zu einem Sequel vom „Cool Runnings“-Film schließen lässt; der Titel „Jamaica By Bus“ weist trotz der Marley-Referenz eher auf ein Calypso- oder Mento-geschwängertes Touristen-Mitbringsel hin denn auf ein gehaltvolles Album; auch der Künstlername „Addis Records“ scheint seltsam… also Augen zu und durch. Erster Eindruck: woah… eine professionelle Produktion mit erdigem, sattem und dynamischem Sound, Marke Instrumental-Reggae. Zweiter Eindruck und Verdacht: oh no… Dean Fraser. Sein mitunter aggressives, oft x-mal gelayertes Saxophon will mir einfach nicht ins Ohr gehen. Um es deutlich zu sagen: Sein in Schichten eingespieltes Sopran-, Tenor-, Bariton- und Bass-Saxophon ist kein klassischer Bläsersatz wie er im Reggae/Dub zuhause ist und legt eher den Verdacht nahe, dass man sich Posaune und Trompete ersparen will. So mancher Dub-Enthusiast wird das anderes sehen; mir hingegen fällt es schwer, Fraser zu verzeihen, dass er Klassiker wie Black Uhuru’s „Shine Eye Gal“ gemeuchelt hat. Ich wünschte der Mann würde sich vermehrt den Backing-Vocals zuwenden, deren Arrangement er perfekt beherrscht – man erinnere sich nur an die grandiosen Harmonien, die er für diverse XTerminator-Produktionen kreiert hat.
Schon der überaus gelungene zweite Track von „Jamaica By Bus“ (Addis Records) zerstreut aber alle Bedenken: Posaune da, alles gut und noch mehr: Wenige, gut platzierte Dub-Effekte sorgen dafür, dass man am Instrumental-Album nicht wie trocken Brot würgt. Die Vielzahl der an der Produktion beteiligten, einschlägig bekannten Musikern spiegelt sich in der Vielfalt der nach neun der 14 jamaikanischen Parishes (Gemeindebezirken) benannten Titel – alles Handarbeit im allerbesten Sinn, aufgenommen über einen Zeitraum von sechs Jahren in Kingston, London, Paris, Genf und trotzdem: Ein Album wie aus einem Guss; ein Album mit starkem Bezug zu Aufnahmen aus den frühen 1980ern; ein Album, dass sich wie selbstverständlich einmal quer durch One Drop, Rockers, Steppers und retour spielt und so recht kurzweilig geraten ist.
Und wer hat’s produziert? Die Schweizer natürlich – das Duo Jil & Stuf, dass bereits unter dem Namen „Restless Mashaits“ zwei gute, wenn auch nicht optimal abgemischte Instrumental-Alben veröffentlicht hat. Dieses Manko wurde jetzt behoben; die Drum Machine ist endgültig entsorgt und musikalische Exzellenz steht im Mittelpunkt. „Jamaica By Bus ist kein Dub-Album, auch kein reines Instrumental-Album; es ist ein zu 100% live eingespieltes Version-Album“, so Produzent Jil. „Wir wollten damit die spezielle Atmosphäre einzelner Parishes einfangen – eine musikalische Entdeckungsreise sozusagen, in Anlehnung an unsere eigenen Erfahrungen bei der Erkundung der Insel.“ Mittlerweile scheint Jil sie sehr gut zu kennen – seit 1991 bereist er Jamaika. Er kennt die permanent angespannte, mitunter gefährliche Situation in Kingston; er weiß aber auch um die gänzlich anderen Szenerien in Gegenden fernab der Hauptstadt. So abwechslungsreich die Insel, so verschieden die Tracks – verbunden allein durch Instrumentierung, Arrangement und Mix.
Bleibt noch die Frage nach dem Künstler-Namen: „Addis Records ist eigentlich der Name unseres 1992 gegründeten Labels,“ so Jil, „wir wollen damit auf den Streaming-Plattformen leichter zu finden sein.“ Man wünscht Jil & Stuf, dass diese Rechnung aufgeht – denn das kunterbunte Cover, auf dem noch nicht mal den Albumtitel zu finden ist, macht die optische Orientierung schwer. Also Obacht und lasst Euch nicht verwirren: Das ist kein Album mit Kinderliedern, sondern erstklassig produzierter Instrumental-Reggae – zwar bei weitem nicht so ausgefeilt und Solo-lastig wie Clive Hunt’s aktueller „Blue Lizzard“-Release, aber es als bloßes „Version-Album“ zu bezeichnen ist stark untertrieben: Als solches wäre es wohl das Beste, dass mir je untergekommen ist.
Dass sich David Harrows nicht auf eine klare Stilistik festlegen lässt, verdeutlicht sein nach „Lockdown Dubs“ zweites Corona-Album: „Virus Dubs“ (Workhousedigitial). Von Techno keine Spur mehr. Das Album klingt wie eine Produktion aus den 1970er Jahren: luftiger, akustischer Klang, echte (wahrscheinlich eher gesampelte) Instrumente, langsame Beats – und dennoch unverkennbar eine moderne Produktion. Erkennen lässt sich das an ihrer Komplexität und den überall hervorragenden Ecken und Kanten. Diese Musik wurde nicht als Backing für einen Song komponiert – wie in den 70s üblich. Die Virus Dubs sind pure Instrumentalmusik – und das nicht nur, weil keine Stimme zu hören ist. Deshalb bin ich auch so ein großer Freund von Dubs, die von vornherein als solche produziert wurden: Komposition und Sound sind meist radikaler, komplexer und origineller. Wenn dann noch, wie hier, ein fantastisch cleverer und spannungsvoller Mix hinzu kommen, ist der Dub ganz und gar bei sich.
Wer im Web nach „Dub“ sucht, stößt immer häufiger auf Minimal-Techno. Was Rhythm & Sound vor rund 20 Jahren erfanden, erlangt heute zunehmend Popularität. Ich habe den Dub-Techno damals gefeiert – war er doch eine echte Innovation und klanglich absolut faszinierend. Heute jedoch langweilt mich der Sound der Epigonen zu Tode. Dabei lässt sich Elektronik mit technoidem Einschlag auch ganz frisch und unerhört mit Dub kombinieren: David Harrow macht es mit seinen „Lockdown-Dubs“ (Workhousedigitial) vor: Schnelle, hüpfende Beats, flotte, melodische Basslines, elektronisches Kraftwerk-Gebimmel und eine optimistische Grundstimmung. Dabei wird natürlich der klassische One-Drop-Rhythmus aufgelöst und auch Steppers hat hier nicht allzu viel zu melden. Dennoch gibt es genug Offbeats, Hall und Echo, um dem Genre Dub gerecht zu werden. Harrows ist übrigens ein Veteran des Dub, auch wenn er in dieser Szene wenig bekannt ist. Bereits in den 1980er Jahren arbeitete er eng mit Adrian Sherwood zusammen und komponierte einige der Tracks der goldenen On-U-Ära. Später war er dann ein wichtiger Acid-House-Protagonist, bevor er sich weitgehend der elektronischen Musik und nicht selten experimentellen Sounds verschrieb. Inzwischen ist er ein alter Mann mit langem, weißem Bart, der sich in Lockdown-Zeiten offenbar seiner Wurzeln erinnert und nerdig-schöne Dubs produziert.
Sonntag haben wir den ersten Advent. Eines kann ich heute schon sagen: Es wird wegen Corona ein Advent, wie ihn bisher niemand von uns kennt. Was bietet sich mehr an, als eine Sammlung klassischer Weihnachtslieder im Reggae-Rhythmus und ordentlicher Dub-Behandlung zu besprechen? Beim Gedanken an Weihnachten habe ich Visionen unserer Familienfeiern mit Tante, Onkel, Cousinen, Cousins und dem von mir so verhassten Weihnachtsliedersingen mit Blockflöte, Klarinette und dem ganzen Schmus. Mit fortschreitender Dauer des Abends wurden dann die Erwachsenen, dank Mums selbstgemachtem Eierlikör für die Damen und dem Punsch mit reichlich Rum für die Herren, immer breiter und dichter. Dann war die Stimmung auf dem Siedepunkt und das Ganze kaum noch zu ertragen. Was hätte ich aus heutiger Sicht dafür gegeben, wenn es mal eine Platte wie die von „Super Hi-Fi: Yule Analog Vol. 2“ auf den Plattenteller geschafft hätte? Aber so etwas geiles gabs vor über 50 Jahren leider noch nicht. In medias res: Bassist Ezra Gale hat sich mit seinen Hi-Fiers ein weiteres Mal zehn Weihnachtslieder vorgeknöpft und eine schräge, Gebläse-lastige, jazzige Mischung aus Weihnachtsstandards mit tiefen Dubs und Remixes gebastelt. Ezra Gale und Schlagzeuger Madhu Siddappa beherrschen die Kunst, sirupartige Grooves aus den Weihnachtsklassikern herauszukitzeln. Für mich sind die zwei Posaunen das Markenzeichen der Band. Eine ziemlich coole Mischung aus schnoddrigem und auch keckem „Gebläse“, gemischt mit einem stellenweise etwas weicheren Posaunenspiel à la Rico Rodriguez. Das Album beginnt mit einer „Stille Nacht“ Version, wie könnte es anders sein? Eine sehr schöne, eigenwillige Version von Pyotr Ilych Tschaikowskys „Tanz der Zuckerfee“ aus der Nussknacker-Suite ist auch vertreten, gefolgt von Bob Browns interaktivem White Board Song, hier: „Santa bring me an Echoplex“ im Ska-Rhythmus. Sehr witzig! Die Dubs wurden, wie bereits „Yule Analog Vol. 1“, von Prince Polo gemixt- siehe auch dazu „Destroy Babylon„. Mein Fazit: Die jazzige Horn-Section bietet uns die Essenz alter Standards in neuem Gewandt und ist für meine Ohren wie geschaffen, um diese dunkle Zeit der kommenden Rauhnächte (25. Dezember bis 06. Januar) gut zu überstehen. Prince Polo macht „Yule Analog Vol. 2“ erneut zu einem sehr angenehmen Hörerlebnis. Wer Lust auf feine Hörner im Reggae-Stil mit Dub-Magie hat, ist hier bestens beraten.
Wir alle lieben den Sound von Lee Perrys Black Ark-Studio. Während Tubby das Dub-Mixing erfand, war die dunkel-mystische Atmosphäre von Dub Perry Verdienst. Diese Atmosphäre lässt sich in absoluter Reinkultur nirgendwo besser inhalieren, als in instrumentalen Black Ark-Produktionen, so wie sie auf dem Album „Black Ark in Dub“ (VP) zu hören sind. Ursprünglich 1981 veröffentlicht, sind auf dem Album Aufnahmen versammelt, die kurz vor dem Untergang der schwarzen Arche produziert wurden. Darunter Dubs von so ikonischen Stücke wie „Jah Love is Sweeter“, „Ethiopia“, „Lion a De Winner“ und „Open the Gate“. Außerdem enthalten: „Guidance“, ein Stück, das lange Zeit von Jah Shaka als Sound System-Killer eingesetzt wurde. Die CD-Version der Veröffentlichung bietet mit „Black Ark, Vol. 2“ noch eine Bonus Disc – die in den Streaming-Diensten als eigenständiges Album verfügbar ist – und überwiegend Vokal-Tracks, ebenfalls aus der goldenen, späten Black Ark-Ära bietet. Diese beiden Alben sind von herausragender Qualität – zumal die fantastischen Dubs und Songs alle frisch remastert wurden und nun so gut klingen wie niemals zuvor.
In letzter Zeit erscheinen immer wieder Releases, die sich in erster Linie durch Sänger*innen auszeichnen, deren Stimme man durchaus das Prädikat „charakterlos“ verleihen kann. Das mag äußerst despektierlich klingen, ist aber keineswegs so gemeint. Singen per se ist nicht jedermanns Sache; nicht jede Stimme ist universal einsetzbar und nur wenige haben diesen eindeutigen Wiedererkennungswert, den ich als „stimmlichen Charakter“ bezeichnen möchte. Es ist diese einzigartige Intonation, Diktion und Manier, die – wenn man das so ausdrücken möchte – einer Stimme ihren Charakter verleihen. Das Reggae-Genre war und ist reich an diesen stimmlichen Unikaten: Michael Rose, Winston Rodney, Marcia Griffiths, Peter Tosh, Gregory Isaacs, Eek-A-Mouse, Dennis Brown, U-Roy, Earl 16, Apple Gabriel, Don Carlos, Vaughn Benjamin, Leroy Sibbles, die Marleys, usw. usf. – jede und jeder Einzelne unverwechselbar und bereits beim ersten Ton augenblicklich erkennbar. Dabei ist es völlig unwichtig ob der Ton sitzt oder ziemlich daneben geht; im Reggae sieht man das nicht so eng und macht mitunter den leicht schiefen Ton – den zwischen den Noten sozusagen – zum Stilmittel: Winston Rodney aka Burning Spear weiß davon das eine oder andere Lied zu singen; für Anthony B. ist Intonation sowieso ein lebenslanger „Universal Struggle„.
Es kommt nicht von ungefähr, dass sich im obigen Name-Dropping überwiegend die ganz Großen aus den 1970ern und 80ern wiederfinden – einer Zeit, als Major Labels dem Reggae noch großen Wert zugestanden haben – überwiegend dank Bob Marley, aber ebenso dem Hype, der nach seinem Tod entstand: Wer würde wohl den nächsten Reggae-Superstar unter Vertrag nehmen? Natürlich hat man auch schon zu Marley’s Zeiten mehr oder weniger erfolgreich andere Künstler des Genres aufgebaut; und wie das zu diesen Zeiten so war, haben die Majors eine rigorose Auswahl getroffen: nur die Besten der Besten im Sinne von Vermarktbarkeit, Wiedererkennungswert und… ja, auch Können. Ich unterstelle, dass Kriterien wie Naivität, Gefügigkeit und Manipulierbarkeit eine gewisse Rolle gespielt haben; das Investment musste sich bezahlt machen. Wenn dem nicht so war, fand man sich schnell bei kleinen und Kleinst-Labels wieder, die das Genre nach dem umsatzbedingten Desinteresse der Major Labels dankenswerterweise ins neue Jahrtausend getragen haben.
Die Musiklandschaft heute hat sich aufgrund der dahinsiechenden Musikindustrie und neuer technischer Möglichkeiten völlig verändert; die großen Umsatzfaktoren sind Live-Performance und Merchandise. Jeder – und das ist der springende Punkt – jeder, ob Musiker oder nicht, kann sich mit relativ geringem Kapitalaufwand in Eigenproduktion, -vertrieb, -vermarktung versuchen. Eine Vorauswahl der „Best of the Best“ findet nicht mehr statt und die Pyramide mit den Stufen des Erfolgs ist sehr, sehr flach geworden – im Genre Reggae, wohlgemerkt. Es bleibt der subjektiven Wertung überlassen, ob man das positiv oder negativ sehen möchte.
Kein Wunder also, dass wir uns heute mit einer erklecklichen Anzahl an Releases konfrontiert sehen, die ich als bestenfalls mittelmäßig werten möchte. Grund dafür könnte fehlende Expertise sein: Nicht jeder, der Pro Tools auf seinem Notebook installiert hat, kann produzieren. Nicht jeder, der ein Instrument besitzt, beherrscht es oder kann es dem Arrangement dienlich einsetzen. Nicht jeder, der eine Stimme hat, sollte singen – womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären und am Ende dieses kleinen Exkurses. Und dass alles wegen Nick Sefakis!
Entgegen dem vermuteten Fragezeichen im Gesicht des einen oder anderen Lesers ist Sefakis kein ganz Unbekannter: Der Mann ist Gitarrist beim kalifornischen Reggae-Rock-Pop-Konglomerat Iya Terra und verrichtet dort, wie man auf YouTube nachvollziehen kann, gute Arbeit:
Schuster, bleib‘ bei Deinem Leisten: Als begnadeter Saitenzupfer muss man nicht auch noch singen, schon gar nicht wenn’s die Stimme im Lead mangels des oben frech „Charakter“ Genannten nicht bringt. Dabei kann Nick Sefakis seine Stimmbänder durchaus sinnvoll einsetzen: Es finden sich traumhaft gelayerte, wunderbar harmonische old-school Background-Vocals auf seinem Solo-Debut „Foundation“ – und die lässt er zur großen Freude des Rezensenten auf den Dub-Counterpart „Foundation in Dub“ (Eigenverlag) so richtig zur Geltung kommen. Seidenweich setzen sie die Hook-Lines in Szene und wecken Erinnerungen an die großen Vocal-Trios á la Israel Vibration, The Viceroys / Paragons / Tamlins / Meditations / Heptones und wie sie alle heißen. Das und die Absenz bzw. die Reverb-Verarztung der Lead Vocals über weite Strecken zeichnen das Dub-Album aus, das man produktionstechnisch als gelungen bezeichnen kann: Klassische Arrangements und schöner, ausgewogener, wenn auch einen Ticken zu polierter Klang trifft auf zurückhaltenden, nichtsdestotrotz feinen Dub-Mix. Gut, ich hätte mir auf allen Tracks live-Drums gewünscht, aber man kann nun mal nicht alles haben und ich sehe die feinen, live eingespielten Bläsersätze als eine Art Wiedergutmachung. Ich will auch nicht kleinlich sein und winke selbst den AutoTune-Einsatz durch: Wenn’s passt, dann passt’s. Bei den vereinzelt eingesetzten HipHop-Beats hört’s dann wieder auf, die müssen nicht sein.
Kann man also „Foundation in Dub“ als gutes Dub-Album empfehlen? Durchaus, vor allem im Vergleich zum eher langweiligen Vocal-Album. Auch wenn Nick Sefakis das vermutlich nicht beabsichtigt hat: Die Dubs sind wie geschaffen für den Soundtrack zum Sundowner… am 7-Mile-Beach in Negril, im Alfred‘s Ocean Palace. „Life is surely what you make it so I made a dream of it“ – recht hat er, der Herr Sefakis.