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Five Star Review

Jah Shaka Meets Aswad in Addis Ababa Studio

Unglaublich: Jah Shaka alias „The Zulu Warrior“, einer der rätselhaftesten Künstler, Produzenten und Pioniere des Reggae und Dub, die Speerspitze der Londoner Soundsystemkultur ist tot. Er starb (vermutlich) am 12.04.2023. Sein präzises Alter und die Todesursache wurden nicht bekannt gegeben.
Jah Shaka von dem noch nicht einmal sein bürgerlicher Name bekannt ist, war bereits zu Lebzeiten eine Ikone. Geboren wurde er in Chapleton, der Clarendon Parish auf Jamaika. Noch als Kind kam er 1956 mit seinen Eltern als Teil der Windrush-Generation nach London. Für ihn und seine Zeitgenossen waren Musik schon immer ein wichtiges Werkzeug, um die feindliche, rassistische Umgebung zu kompensieren, in der sie sich befanden. Mit ein paar Schulfreunden gründete er 1962 eine Reggae-Band. Ende der 1960er trat er dem lokalen Soundsystem Freddie Cloudburst bei, das ihn zur Musikindustrie führte.

Von der Rastafari- und der US-Bürgerrechts-Bewegung inspiriert, gründete Jah Shaka kurze Zeit später sein eigenes Soundsystem. Ein Schlüsselmoment war, als er 1976 bei einem Clash gegen Lloyd Coxsone antrat, eines der zu der Zeit angesagtesten Soundsystems in England. Es endete damit, dass Coxsone einsehen musste, dass er verloren hatte und den Dance abbrach. Das Jah Shaka-Soundsystem war wenige Jahre nach seiner Gründung das angesehenste Soundsystem außerhalb Jamaikas. Später zeigten sich auf Jah Shakas Dances regelmäßig bekannte Persönlichkeiten der Londoner Reggae-Szene, wie etwa Earl Sixteen oder auch Yabby You.

Ende der 1970er startete Shaka ein eigenes Label, auf dem er seit Anfang der 1980er Jahre eigene Produktionen veröffentlichte, wie die „Commandments of Dub“ Serie. Es entstanden im Laufe der Zeit auch mehrere Kollaborationen mit namhaften britischen Künstlern, wie Aswad und Mad Professor, die aber teilweise auf anderen Labels erschienen. Hinzu kamen auch Aufnahmen mit Horace Andy, Max Romeo und den Twinkle Brothers. Mehrmals reiste er nach Jamaika und produzierte dort in King Tubby’s legendärem Studio in Waterhouse oder im Music Works Studio von Gussie Clarke u. a. mit Veteranen wie Willie Williams und Max Romeo, aber auch mit jungen Musikern wie Icho Candy.

In den 1980ern war Jah Shaka eigentlich abseits des Mainstreams, denn der Trend ging zu digitalen Sounds und Slackness. Während sein Soundsystem mit einem einzelnen Plattenspieler neben dem Mischpult antrat, hielt Shaka als Rastafari an seinem „Roots and Culture“-Programm unbeirrt fest. Neben sozialkritischen Anliegen griff er schon immer vor allem spirituelle Themen der Rasta-Kultur auf, begleitet von donnerndem Bass und monoton-hypnotischen Sounds, mit denen er sein Publikum in Trance-ähnliche Zustände versetzte. Seine Dances entwickelten von Anfang an eine mystische Atmosphäre, die dem Publikum oftmals mehr religiösen oder politischen Veranstaltungen zu gleichen schienen, als gewöhnlichen Party-Veranstaltungen. Jah Shakas Verständnis der Musik war immer spiritueller Art.

Viele britische Dub-Künstler wurden durch Jah Shaka inspiriert, wie beispielsweise die Disciples, aber auch die Slits. Insgesamt entwickelte Jah Shaka einen großen musikalischen Einfluss auf den gesamten britischen Dub und ganz speziell auch auf die Entwicklung von Jungle und Drum & Bass.

Bei einem Hausbrand im Jahr 2000 wurde Shaka schwer verletzt und war lange Zeit außer Gefecht gesetzt. Danach setzte er – stark wie immer – seine Liveauftritte wieder fort und tourte regelmäßig in Großbritannien und gelegentlich andernorts in Europa, den USA oder Japan.

Jah Shaka unterstützte in Jamaika und Ghana verschiedene Sozialprojekte, wie Schulen, Krankenhäuser und Fußball-Jugendmannschaften und war bis zu seinem Tod aktiv. Gerade noch vor ein paar Tagen hat er seine Tourdaten für dieses Jahr bekannt gegeben. Er wollte in ein paar Londoner Clubs und Musikfestivals in Großbritannien auftreten. Darüber hinaus wollte er für seine vielen japanischen Fans durch Japan touren.

Eigentlich wollte ich noch kurz die „Commantments of Dub Chapter Two“ (Jah Shaka Music) besprechen. Da haben mir dann die einschlägigen Streaming-Dienste einen fetten Strich durch die Rechnung gemacht. Dennoch bin ich mir sehr sicher, dass auch „Jah Shaka meets Aswad in Addis Ababa Studio“ (Jah Shaka Music) ein erstklassiges Album ist, welches auch euren Nerv trifft. Dieses Set wurde 1985 veröffentlicht, im selben Jahr, in dem der computergesteuerte „Sleng Teng“ Riddim eines Prince Jammy über Jamaika fegte und danach im Reggae nichts mehr so war wie zuvor. In England war „Jah Shaka meets Aswad“ ein Riesenerfolg und schaffte es in die britischen Reggae-Charts.
Dieses 7-Track-Album, mit gerade einmal knapp 30 Minuten Spiellänge, wurde von Aswad eingespielt und komponiert. Produziert, arrangiert und abgemischt wurde es von Jah Shaka. Geniale 30 Minuten Magie, die Aswad vor ihrer Pop-Reggae-Ära in Spitzenform präsentieren. Von „Addis Ababa“ bis hin zu „Shaka Special“ oder „Rockers Delight“ sind es die Kompositionen, die auf monotonen, mächtigen Bass-Lines, Drums und Keyboards basieren, welche die Stärke dieses Albums und ganz besonders Jah Shakas ureigenen Sound ausmachen. Jeder Track nimmt dich mit. Der „Drum Dub“ ist eine Version des Studio One Klassikers „Drum Song“, im Original von Jackie Mittoo, und das „Aswad Special“ ist Augustus Pablos „Cassava Piece“, welches als „King Tubby meets Rockers uptown“ noch viel bekannter ist.

Jah Shaka, du Magier am Mischpult, du soziokultureller Basisarbeiter und kreativer Echokämmerer, ruhe in Frieden.

Bewertung: 5 von 5.
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Review

Dub Plantage: Beware of the Mega Magic Mushrooms!!

Heute werfen wir einen Blick zurück auf ein Album aus dem Jahr 2022 – quasi einem Oldie wenn man das so sehen will. Und das in einem Blog, das sich eigentlich dem Neuen und Frischen verschrieben hat! Nichtsdestotrotz zahlt sich so ein Rückblick gelegentlich aus – umso mehr, wenn es sich um ein feines Werk wie das Debüt von Dub Plantage handelt. In guter alter Dub-Tradition lautstark „Beware of the Mega Magic Mushrooms!!“ (D.P.T.) betitelt, scheint das quietschbunte Cover vorzuführen, in welche Welten man sich begibt – so man den Rat von Dub Plantage nicht befolgt.

Dub Plantage, ein Konglomerat internationaler Musiker mit Basis in Regensburg, konnte schon mit einigen EPs und Singles aufwarten – die fanden durchaus Beachtung, können aber mit dem Sound des vorliegenden Albums nicht mithalten. Und der gefällt dem Rezensenten, weckt er doch Erinnerungen an… ja doch, den RAS Records-Katalog der späten 80er und 90er Jahre. Doctor Dread wartete anno dunnemals unter anderem mit Dub-Alben von Culture, Israel Vibration und Black Uhuru auf; allen gemeinsam war eine eher karge Instrumentierung mit (mitunter etwas zu-)viel Klangraum für feine Dub-Vibes – siehe Culture’s „Stoned“, dem Dub zum „One Stone“-Album, als exemplarisches Beispiel. Hier knüpft Dub Plantage mit etwas mehr Verve an: Die Produktion ist sauber, die Arrangements sind einfach gehalten und schön instrumentiert, wenn auch der mehrfache Einsatz einer Soundsystem-Sirene etwas zu viel des Guten scheint. Sehr gut gefällt der Hall auf der knackigen Bassdrum – man möchte fast meinen etwas Paul Smykle rauszuhören… wunderbar. Ich meine auch, dass die insgesamt „nur“ acht Tracks des Albums völlig ausreichend sind – wohltuend in einer Zeit, wo in Releases 15 oder mehr Tracks, ungeachtet deren Qualität, sinnfrei reingestopft werden. Besser kleine, feine Portionen als schal schmeckender XXL-Fraß.

Alles in allem ergibt das eine Empfehlung für „Beware of the Mega Magic Mushrooms!!“ – insbesondere für jene, die Produktionen der 80’s und 90’s schätzen. War ja langsam an der Zeit, dass nach dem 70’s Revival endlich auch den darauf folgenden Jahrzehnten gehuldigt wird!

Bewertung: 4 von 5.
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Review

Biblical: Well Read Dubs

Biblical ist ein kultureller Sänger / Sing Jay, dessen einzigartiger Gesangsstil seit der Veröffentlichung seines ersten Albums „Inborn Precepts“ (2007) bestimmt vielen bereits aufgefallen ist. Er wuchs in einem nordkalifornischen Haushalt mit einem starken Hang zu Reggae und Rastafari auf. Musik nahm für ihn schon immer eine bedeutende Rolle ein. Sie war für ihn von Anfang an Nahrung für Seele und Geist. Beginnend mit den klassischen Roots-Reggae-Interpreten Bob Marley & The Wailers und Burning Spear, um nur zwei zu nennen, wurden die Lehren Rastafaris und die Begeisterung für jamaikanische Roots Music schon in jungen Jahren tief in sein Herz gepflanzt.

Nachdem Biblical bereits über zehn Alben veröffentlicht hat, folgt jetzt sein neuestes Album „Well Read Dubs“ (Trinity Farm Music). Das Pendant zur im April 2022 veröffentlichten „Well Read“ ist sein allererstes Dub-Album. Insgesamt zehn der ursprünglich elf Tracks wurden einer superben Dub-Veredelung unterzogen. Eingespielt wurde das Album mit der in Barcelona ansässigen Reggae-Band „Go A Chant“. Hinter dem Pseudonym „Go A Chant“ verbirgt sich auch der Musiker, Produzent und Kopf der Band – Manel (katalanische Form des Vornamens Manuel) Guerra. Der Musiker und Engineer hat bereits mehrfach, auch live, mit Künstlern wie Midnite/Akae Beka, Army, Tuff Like Iron, Ancient King, Iqulah und Prezident Brown zusammengearbeitet. Interessant: Als prägende musikalische Einflüsse nennt Manel Guerra einmal nicht Bob Marley & the Wailers an erster Stelle. Allen voran haben es ihm der mystische Burning Spear und ganz besonders Augustus Pablo angetan, dessen Far East Sound ihn ganz besonders beeindruckt und geprägt hat. Aber auch Einflüsse zeitgenössischer Künstler wie Midnite/Akae Beka von den US Virgin Islands sind problemlos auszumachen.

Die meisten Tracks, die auf „Well Read Dubs“ zu finden sind, erinnern sehr stark an den Sound, die Stimmung und die Vibes, welche z. B. die Band Midnite mit ihrem charismatischen Frontmann Vaughn Benjamin von den Jungferninseln in die Reggae-Welt getragen haben. Das Album beginnt sehr verhalten, mit zum Teil sphärischen Synthie-Klängen. Gefolgt von „ Dubfullness“ mit einer locker hüpfenden Orgel und tollen Percussions. Bei fast allen Tracks fällt die starke Gitarrenarbeit von Russ „Tuff Lion“ Williams angenehm auf – ganz egal ob an der Akustischen oder Elektrischen. Seine Beiträge tragen einen großen Anteil zum Gesamtbild der „Well Read Dubs“ bei. Der „Lion my Dub“ ist angereichert mit einem feinen, dezenten Melodika-Spiel. Generell ist die Grundstimmung des Albums angenehm entspannt, ja beinahe meditativ. Manchmal kommt Biblicals Stimme wie ein zusätzliches Instrument daher. Die im Raum frei schwebenden Gesangsfragmente sind mehr Lautmalerei denn Gesang und verleihen dem ganzen Klangkosmos eine weitere Facette. Keiner der Titel ist komplett „stript to the Bone“. Eine kleine, tragende Melodie ist immer auszumachen.
Alles in allem ist „Well Read Dubs“ ein sehr unterhaltsames Album mit mystischen Anklängen, die auch gerne mal wie bei „One Dub“ in jazzige Gefilde abdriften.
Achtung: Das Album erfordert meines Erachtens aufmerksames Hören und eignet sich weniger als pure Hintergrundmusik. Wenn man sich aber auf dieses zum Teil ungewöhnliche Album einlässt, offenbart es unglaubliche Dimensionen. So ging es jedenfalls mir, der die letzten Wochen das Album täglich hörte und mit wachsender Begeisterung schätzen lernte.

Noch zum Abschluss ein kleines Schmankerl für Gitarrenfreunde: „Tuff Lion: Ten Strings“ ein wunderschönes, gitarrenlastiges, etwas dubbiges Instrumentalalbum.

Bewertung: 4 von 5.
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Zweite Meinung

The Co-Operators: Vibrations from the Bionic Tabernacle

Ein Album-Titel, der Gutes verheißt: Allein schon die Worte „bionic“ und „tabernacle“ erzeugen wohl nicht nur bei mir wohlige Schauer; Erinnerungen an eine vermeintliche bessere Zeit – den 70er-Jahren – machen sich breit. Wo Vinyl noch Vinyl war, wo’s gekracht und gegrammelt hat, wo der Bass tonnenschwer von gefühlt nicht minder schweren Pressungen jamaikanischer Machart aus den Riesen-Boxen wummerte. In meinem Fall war das ein einschlägiger Plattenladen… lang ist’s her. Schlichter Vibe halt, mit den damals aufkommenden technischen Möglichkeiten umgesetzt: „Bionic Dread“, wenn man Dillinger in diesem Zusammenhang erwähnen darf.

Fast forward ins Jahr 2023, wo die Co-Operators mit ihrer Neuerscheinung „Vibrations from the Bionic Tabernacle“ (Waggle Dance Records) nonchalant die Zeit zurückdrehen. Immer noch schlichter 70’s Vibe, klangtechnisch allerdings auf der Höhe der Zeit – wobei man letzteres sowohl positiv als auch negativ sehen kann: „tonnenschwer“ ist jedenfalls aus dem Klang-Vokabular verschwunden… Träne im Knopfloch!

Die Co-Operators sind keine neue Erfindung; die Band aus Bristol um Produzent und Musiker Eeyun Purkins kann mit etlichen Singles und zwei Alben aufwarten. Sie sind auch mitverantwortlich für Joe Yorke’s rasanten Aufstieg in der Reggae-Welt und waren unter den ersten, die mit ihm des öfteren „co-operated“ haben. Die Zusammenarbeit ist noch längst nicht beendet; in wenigen Wochen schon wird das gemeinsame Album „A Distant Beat“ erscheinen.

Zurück zum zu besprechenden Dub-Album. Hier wurden Stücke aus den beiden Alben „Beating the Doldrums“ und „Rhythms from the Kitchen Sink“ dem Dub-Treatment unterzogen; dankenswerterweise sind das *nicht* die Ska- und Rocksteady-Tunes, sondern die feinen Roots-Perlen. Am Dub-Mix vom Herrn Purkins kann man nicht meckern, der geht runter wie Öl; ansonsten beklagt der Rezensent (wie nahezu immer): Zu wenig Bass, zu viel Höhen als Zeichen der aktuellen Hörgewohnheiten. Wenn man denn auf „Vibrations from the Bionic Tabernacle“ unbedingt etwas Negatives finden möchte, empfehle ich den Basslines Aufmerksamkeit zu widmen: Sie sind zwar wunderbar simpel, aber auch merkwürdig abgehackt gespielt – es fehlt ein wenig der Flow, das scheinbar endlose, repetative Dahinwummern ohne Unterbrechung. Das könnte Stilmittel sein, stört auf Albumlänge dann doch. Wie gesagt: Wenn man denn unbedingt was finden möchte.

Das ergibt summa summarum eine Empfehlung für The Co-Operator’s Dub-Debüt und die Anerkennung dafür, dass auch sie den Sound der 70er hochhalten.

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

Studio One Space-Age Dub Special

An diesen Dubs kommt niemand vorbei: Studio One Space-Age Dub Special (Soul Jazz). Hier sind sie alle zu hören, die schönen, nie alternden Studio One-Rhythms – und zwar in Reinform, ohne Gesang. Und vor allen in brillanter Qualität! Ich denke da nur an meine alten Vinyl-Releases: Unfassbar schlechte JA-Pressungen in weißen Covern – nicht gerade Ausdruck von Wertschätzung auf Seiten des Produzenten. Aber die Leute Soul Jazz sind anders drauf. Sie sind echte Sound-Nerds, die das Coxsone-Erbe sorgfältig bewahren und pflegen. Sie haben die Dubs von den Originalbändern remastert, auf ein fettes Album gepackt und mit einem wundervollen Cover versehen, das Clement Dodd im Space-Orbit zeigt. Ein Bild übrigens, das von Lone Rangers Studio One-Album „Badda Dan Dem“ von 1982 inspiriert wurde, auf dessen Cover Sir Coxsone am Steuer eines Raumschiffs im Weltraum zu sehen ist.

Die meisten dieser Tracks stammen aus der lange vergriffener Reihe von Studio One-Dub-Alben, die zwischen 1974 und 1980 veröffentlicht wurden, darunter „Zodiac Sounds“, „Ital Sounds and System“, „Roots Dub“, „Dub Store Special“, „Juks Incorporation“ und andere. Viele dieser klassischen Alben wurden ursprünglich nur in Jamaika in kleinen Auflagen mit speziellen Siebdruck-Hüllen veröffentlicht, alle mit absoluten Minimaldesigns, die heute als Vintage-Vinyl bis zu 100 Britische Pfund kosten.

Den Credit für die Dubs gelten einem fiktiven „Dub Specialist“, hinter dem sich tatsächlich Studio One-Sound-Engineer Sylvan Morris verbergen dürfte. Er, sein Produzent und die genialen Musiker haben viele der besten Aufnahmen geschaffen, die das Genre Reggae vorzuweisen hat. Sie sind hier als zeitlos schöne Dubs zu genießen.

Bewertung: 5 von 5.
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Interview

Interview mit Jah Schulz

Dein Name: Michael Fiedler

Du lebst in: der Nähe von Stuttgart

Titel deines letzten Albums:
„Dub Showcase“, aus 2022. Die neue Single „Stories“ , erschien am 1. 3. 2023

Wie lautet deine persönliche Definition von Dub?
Futuremusic

Was macht einen guten Dub aus?
Er zieht dich in denn Bann, hypnotisiert dich. Tatsächlich, wenn ich zu hause ein wenig schläfrig werde, ist das ein gutes Zeichen.

Wie hast du deine Leidenschaft für Dub entdeckt und wie hast du dich und deine Musik seiddem entwickelt?
Ich bin über Umwege (Jungle, Breakbeats, Techno) zum Dub gekommen. Reggae hat mich damals wenig interessiert. Aber die Musik die ich als Kind und Jugendlicher geliebt habe, hatte schon immer viel mit Dub zu tun: Basslines, Delay, Dub-Samples. Als junger Erwachsener Ende der 90er hab ich dann Tubby & Zeitgenossen für mich entdeckt.

Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von dir aus?
Sehr unterschiedlich. Ein interessantes Sample oder Loop, ein Thema. Der Rest kommt von selbst.

Wann bist du mit einem von dir produzierten Dub-Track zufrieden?
Irgendwann macht es einfach „Klick“. Ich bin kein Perfektionist, dass ist ein Vorteil. Manche Tunes brauchen etwas länger, andere funktionieren innerhalb von Stunden. Ich beiße mir aber auch schon manchmal die Zähne aus. Aber ein wohliges Gefühl im Bauch sagt mir dann irgendwann: dass ist jetzt so fertig.

Was ist beim Produzieren von Dub am wichtigsten?
Fantasie, Experimentierfreude, keine Angst vor Fehlern.

Was ist deine besondere Stärke?
Ich kann sehr schnell arbeiten, wenn ich eine konkrete Idee habe.

Welches Album hältst du für dein bestes?
„Dub over science“ von 2020 auf Basscomesaveme.

Gelingt es dir, mit Musik deinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Ja. Manchmal besser, manchmal schlechter. Ich bin musikalisch sehr vielseitig unterwegs. Allein vom Dub leben würde aber nicht funktionieren.

Welche Aspekte deines Jobs machen dir am meisten Spaß?
Live spielen und der kreative Austausch mit anderen Künstler:innen. Ich improvisiere z. B. sehr gerne mit anderen bei meinen Auftritten.

Wovor graust es dir im Studio?
Zu viele Menschen schauen mir über den Rücken während ich produziere. Das ertrage ich nur ganz kurze Zeit. Das gilt nicht für Musiker:innen die mit mir gerade im Studio arbeiten, dass geht dann schon klar.

Wenn du gerade nicht an Dubs schraubst, was machst du dann am liebsten?
Über Dub nachdenken.

Was hörst du außer Dub?
Alles mögliche. Wirklich!

Wenn Geld und Zeit keine Rolle spielten: Welches Projekt würdest du gerne verwirklichen?
Zeit und Geld spielt im Moment keine Rolle, ich habe gerade das Gefühl ich kann die Dinge machen, die mir Spaß bereiten. Zur Zeit arbeite ich an einer SpokenWord/Dub Platte. Zeit ist da, es geht aber zäh voran, vor allem, weil sich nur schwer Künstler:innen finden lassen, die mitmachen. Wenn allerdings Geld wirklich keine Rolle spielen würde, hätte ich ein Soundsystem in meinem Wohnzimmer.

Was bevorzugst du: Studioarbeit oder Sound System-Performance?
Beides ist wichtig. Ich liebe Soundsystem Veranstaltungen. Sie inspirieren mich. Oft hab ich danach oder währenddessen das Gefühl, dass ich sofort ins Studio und meine Maschinen anwerfen muss.

Wer ist für dich der größte Dub-Artist aller Zeiten?
Jimi Hendrix meets King Tubby

Und wer der aktuell interessanteste Dub-Artist?
Es sind viele ProduzentInnen die ich toll finde. Zu viele um alle zu nennen. Aber es gibt aktuell bemerkenswerte Releases von Babe Roots, Om Unit, Bukkha, Tjah, Kaptan, Another Channel, …

Welches Sound System schätzt du am meisten?
Respekt geht an alle, die so ein Projekt auf sich nehmen. Das find ich wirklich immer wieder beeindruckend.

Was sind deine persönlichen Top Dub-Alben?
Massive Attack Meets Mad Professor: No Protektion
Rhythm & Sound: W/ the Artists
Dub Syndicate: Classic Selection Volume 2
Alec Empire: Low on Ice
Disciples: Infinite Density of Dub

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Five Star Review

Benjammin: Sons & Daughters Showcase

Ganz einfach ausgedrückt, ist der Baske Roberto Sanchez derzeit einer der besten Produzenten, den Reggae bzw. Dub zu bieten hat. Wer daran zweifelt, dass dem so ist, sollte sich einfach seinen Output anhören. Auch die aktuellen Showcase-Alben des Mannes von der Nordküste Spaniens zeigen, dass der Musiker, Sänger und Produzent seit über 25 Jahren auf allerhöchstem technischem Niveau arbeitet. Aber nicht nur die neuesten Werke aus dem A-Lone Ark Muzik Studio sind fantastisch, auch das vom Dubblog sträflich übergangene „Benjammin: Sons & Daughters Showcase“ (A-Lone Productions) gehört unbedingt in diese Kategorie. Das vor bereits fünf Jahren veröffentlichte Debütalbum des enigmatischen Reggae-Künstlers Benjammin aka Benedict Stobart zieht mich ganz besonders in seinen Bann. Der in England geborene Bejammin lebt seit über zwanzig Jahren im sonnigen Spanien und bewegt sich seit vielen Jahren in Roberto Sanchez’ Umfeld. Auf dem 2018 veröffentlichten „Sons & Daughters Showcase“ Vinyl-Album, finden sich sechs Gesangs-Tracks auf Seite A und sechs Dubs auf Seite B. Der Gesang erinnert an den legendären Burning Spear und/oder auch teilweise an Daweh Congo. Beim ersten Titel des Albums „Be Yourself“, der mit wunderschöner Posaune beginnt, dachte ich zuerst, ich hätte einen Hörschaden. Es kam mir immer wieder Winston Rodney aka Burning Spear in den Sinn. Bejammin hat sich Burning Spears Intonation meisterlich angeeignet. Dennoch klingt das Album keinesfalls wie ein billiges Plagiat. Die musikalische Unterstützung der Lone Ark Riddim Force ergänzt Benjammin perfekt. Was mich bei „Sons & Daughters“ vor allem mitreißt, sind die hervorragend gefertigten Riddims und die inspiriert klingenden Dubs, die das Album zu einem echten Sahnestück machen.
Die Dubs sind wunderbar mit Benjammin-Gesangsschnipseln durchsetzt. Den erstaunlichsten Track auf dem Album, mein Primus inter pares, liefert Roberto Sanchez aber mit dem perryesken „Everywhere Festival Dub“. Der Track klingt tatsächlich, als hätte ihm sein erklärtes Vorbild Lee Scratch Perry über die Schultern geschaut. Ein unglaublich inspirierter Dub. Meines Erachtens das eindrucksvollste Stück auf „Sons & Daughters Showcase“ überhaupt. Insgesamt gesehen, ist das vorliegende Album ein wahrer Leckerbissen und das nicht nur für Dub-Ohren.
Fazit: Das sind modern Roots vom Feinsten. Einfach brillant!

Bewertung: 5 von 5.
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Review

Benjah and EK: Dust Off the Dubs

Dub ist ja bekanntlich ein Subgenre von Reggae. Doch auch Dub zerfällt wieder in diverse Subsubgenres. Verrückter Weise besteht selbst ein Subsubgenre, wie Steppers, wieder aus unterschiedlichen Spielweisen. Da wäre z. B. der Steppers alter Schule, wie wir ihn von den klassischen UK-Soundsystems kennen. Iration Steppers, Disciples oder Jah Warrior sind typische Vertreter. Dann gibt es noch eine jüngere Schule, die etwas experimenteller zu Werke geht. Hier fallen mir Alpha Steppa, Kanka oder Jah Schulz ein. Und dann gibt es noch jene Schule, die reines Futter für Sound Systems produziert. Einen ganz speziellen Sound, der sich gar nicht so leicht beschreiben lässt. Statt es in Worte zu fassen, empfehle ich, dieses Album anzuhören: Benjah and EK: „Dust Off the Dubs“ (Lions Den). Benjah und EK sind zwei junge Produzenten aus Frankreich. Sie firmieren auch unter dem Namen „Bedrin Records“ und bieten genau den Sound, der auf Sound System-Events den Selector zum Rewind zwingt. Mit etwas Phantasie ließe sich das Ganze als „technowise Dub“ bezeichnen. Der Rhytmus ist hundertprozentig Reggae, aber die Produktionen haben sich vom Mimikry handgemachter Musik vollständig verabschiedet, der Rhythmus ist maximal repetitiv und sämtliche Referenzen zu Dub und Reggae in Form von Samples, MC-Vocals und „Jah“-Rufen oder Sirenen fehlen.

Das auf Sound System-Music spezialisierte Berliner Label Lions Den, steht schon lange auf den Sound der beiden Franzosen und beschloss deshalb, ihnen ein Album zu widmen, auf dem sie die besten Dubs der letzten Jahren zu einem dicken Paket von 20 Tracks zusammen schnürten. Mir geht es wie Lions Den, auch ich stehe auf diesen kompromisslos konkreten Sound, insbesondere die durch die Drums forcierte Polyrhythmik hat es mir angetan. Allerdings befinden sich auch einige ziemliche Nieten unter den 22 Tracks (11 Instrumentals plus Dub-Versions), in denen mir bräsige Synthie-Orgien den Spaß verderben, oder mich ob der einfallslosen Beats die Langeweile überwältigt. Vielleicht hätte nicht jeder Dub es verdient, abgestaubt zu werden.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Interview

Interview mit Helmut Philipps

Was wir bereits wussten, ist jetzt amtlich: „Dub Konferenz“ von Helmut Philipps ist das beste Buch des Jahres! So gewählt mit großem Abstand zu den nachfolgenden Plätzen von den Lesern der RIDDIM im Lerserpoll 2022. Die Erstauflage war nach nur drei Monaten komplett ausverkauft, ab sofort ist die Zweitauflage des neuen Standardwerks zum Thema „Dub“ aber wieder überall im Handel und über die Homepage von Helmut erhältlich. Christoph Kraus hat mit Helmut Philipps ein Gespräch über die Erfolgsgeschichte seines Buches (dem ersten Buch über Dub in deutscher Sprache und dem dritten Buch über Dub überhaupt) geführt.

Wie und wann kam die Idee ein Buch über Dub zu schreiben? Kurze Entstehungsgeschichte.
Ich hab ja 2007 mit Olaf Karnik das Buch „Reggae in Deutschland“ geschrieben. Danach war klar: ich will noch ein Buch schreiben. Und während ich auf der Suche nach dem richtigen Thema war, haben mich Freunde bedrängt: „Warum schreibst du nicht ein Buch über Dub? Du hast selbst Dubs gemischt. Du kennst dich aus mit Tontechnik. Du kannst die richtigen Fragen stellen.“ Damit war die Entscheidung gefallen.

Wie bist du vorgegangen?
Das erste was ich hatte, war tatsächlich der Titel „Dub Konferenz“. Der Titel war Programm. Es sollten – soweit möglich – Dialoge werden, keine Interviews. Ich wollte vor allem wissen „warum“. Ab 2010 hab ich die ersten Gespräche geführt. Zuerst in Deutschland: Soljie Hamilton in Bielefeld, Pat Kelly an einem Offday in Münster, Clive Chin in Berlin, in Köln und beim Reggae Geel in Belgien, King Shiloh in Wuppertal. Danach überall und bei jeder Gelegenheit, die sich bot. Beim Garance Festival in Frankreich, beim Summerjam, Reggae Jam, Reggae Summer, in Holland, London, zweimal bin ich wegen des Buches nach Jamaika gereist.

Ein alter weißer Mann schreibt ein Buch über eine „schwarze“ Musik – in diesen Zeiten, überlegt man da sich auf den potentiellen Vorwurf der cultural appropiation vorzubereiten?
Ja, da hat mich tatsächlich der woke Zeitgeist eingeholt. Als ich angefangen hab zu schreiben, gab’s noch keine Gendersternchen. Ich kann nichts dazu, dass ich alt und weiß bin. Soll ich deshalb so ein Buch nicht schreiben? Wer schreibt es dann? Die jamaikanische Botschafterin in Berlin hat sich eine Präsentation des Buches von mir angehört und war erstaunt, dass ein deutscher Mann Geschichten aus ihrer Heimat erzählt, von denen sie noch nie gehört hat. In Jamaika weiß niemand, dass vor 50 Jahren die ersten Dub-LPs erschienen sind.

Wie ist die Rezeption, das Feedback auf das Buch?
Überwältigend und manchmal auch berührend. Die Leute schicken mir Fotos, wo das Buch bei ihnen auf dem Nachttisch liegt, auf dem Mischpult oder in ihrem Plattenregal. Manche „klagen“, dass sie nach der Lektüre jetzt ganz viele Alben kaufen müssen. Andere schreiben mir: „Ich lese es schon zum 2. Mal.“ Eine Frau hat mir eine Karte geschickt: „Wenn mich jemand fragt was liest du gerade und ich sage ‚Helmut Philipps – Dub Konferenz‘, dann klingt das ganz schön intellektuell.“ Jemand anders schickt mir ‘ne SMS: „Ich glaube du weißt nicht, was du mit deiner Arbeit und deinem Wissen für junge Dubnerds tust. Viele Infos und Erfahrungen können wir gar nicht mehr nachfühlen. Es ist wichtig, auch hier in Deutschland die Anfänge nachvollziehen zu können. Danke für die Möglichkeit durch dein geniales Buch!“ Sowas macht mich sprachlos. Und wenn ich dann überlege, dass die „Dub Konferenz“ zum besten Buch des Jahres gewählt worden ist und die erste Auflage nach 10 Wochen ausverkauft war, dann bin ich sehr dankbar und glücklich darüber, wie das Buch angenommen wird.

Wovon bist du bei deinen Recherchen am meisten überrascht gewesen, was hat dich am meisten beeindruckt?
Mir war nicht bewusst, wie groß der Einfluss von Jazz auf die Entwicklung von Reggae ist, und damit auch von Dub. King Tubby zum Beispiel hatte ein Zimmer voll mit Jazzplatten. Die bei ihm arbeitenden Engineer konnten sich die Platten auf Kassette aufnehmen, was Leute wie Pat Kelly reichlich gemacht haben. Auch Coxson hatte eine riesige Jazz-Sammlung. Seine Skatalites waren eine Jazzband. Die frühen Studio One Dubplates sind oftmals von Jazz beeinflusste Bläser-Improvisationen. Lee Perry hat privat am liebsten Jazz gehört und macht 1975 mit Vin Gordons „Musical Bones“ eine Jazz-LP mit Offbeat. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Der improvisatorische Aspekt des Jazz spiegelt sich beim Dubben. Man höre sich nur die Platten von Tommy McCook oder Bobby Ellis an, die Tubby gemischt hat: Tommy McCooks „Brass Rockers“ (aka „Cookin‘“) oder „Hot Lava“, oder „Bobby Ellis & The Professionals meet The Revolutionaries“. Da trifft Jazz auf Dub. Dub und Jazz eint der freie Umgang mit Musik, Dub ist Improvisation am Mischpult. Deshalb haben sich ja auch einige der von mir Befragten so vehement gegen digitalen Dub ausgesprochen. Weil Dub ein Mischpult braucht und sich nicht programmieren lässt. Mittlerweile gibt es kleine Mischpulte, mit denen man Computer bedienen kann. Da hat sich was geändert.

Gab‘s ein Lieblingsinterview und wenn ja warum?
Ganz klar Style Scott. Mit ihm hab ich in Kingston im Yard von Chinna Smith unter einem alten Baum gesessen und er hat stundenlang erzählt. Von seinen Großeltern, von dem Ort wo er aufgewachsen ist, von Junkuno, seiner Ausbildung, den Clubs in Montego Bay. Ich wollte von ihm eigentlich nur wissen wie es war mit den Roots Radics und Dub Syndicate. Aber er hat mir sein ganzes Leben erzählt. Er war ein angenehmer, freundlicher und auf eine europäische Art höflicher Gesprächspartner. Ein Wanderer zwischen den Welten, der zwei Dub-Jahrzehnte geprägt hat und dem der Unterschied zwischen Jamaika und Europa total bewusst war. Es war ein krasser Schock als ich wenige Monate nach unserem Treffen erfahren musste, dass man ihn umgebracht hat.

Ist Dub spirituelle Musik oder Studio-Fließbandarbeit?
Dub war Auftragsarbeit am Fließband. Die Soundmen haben Freitags Schlange gestanden bei den Studios. Alle wollten neue Dubs für die Dances am Wochenende. Sie haben sich die Klinke in die Hand gegeben, während drin im Studio ein Dub nach dem nächsten gemischt wurde. Fünf Minuten pro Dub. Es hat nicht länger gedauert als der Song lief von dem der Dub gezogen werden sollte.
Die spirituelle Note des Dubs liegt in der Natur der Vorgabe. Hat das Original, die Vocalversion, spirituelle Tiefe, so überträgt sich das in den Dub und in die Toastings über den Dub. Aber wenn Johnny Osbourne singt: „I don’t want no ice cream love, it’s too cold for me“ und Scientist davon einen Dub zieht, ist das wenig spirituell. Wenn aber Johnny Osbourne über „Truth & Rights“ singt und dann vermutlich auch wieder Scientist einen Dub mischt, ist das was ganz anderes.

Kann es Dub ohne Reggae geben?
Es wird zumindest immer wieder versucht. Aber es gibt wenig überzeugende Beispiele. King Jammy hat zu mir gesagt: „Der Heartbeat des Reggae ist essentiell für Dub.“ Die „interdisziplinären“ Versuche Punk und Dub zu kombinieren funktionieren am überzeugendsten bei Musik mit Reggae-Beats. So wie bei Ruts DC, den Members oder The Clash. Die Fellow Travellers haben das auch gut hingekriegt, weil ihre Country-Musik ein unterschwelliges Reggae-Flair hat. Aber Jazz goes Dub, Klassik in Dub etc., das halte ich alles für in Echo getränkte Irrtümer.

Kannst du dich noch an dein erstes Hörerlebnisse erinnern – wann und wo und wie ist Dub in dein Leben getreten?
Lee Perry mit „Super Ape“. Gigantisch, aber wie man mit der Zeit verstanden hat, eigentlich kein Dub. Trotzdem, ein Meisterwerk. Und Scientist mit den Greensleeves Platten, von denen man heute weiß, dass er sie gar nicht gemacht hat. Von ihm stammen die Mixe, aber die Alben haben sich die Chefs von Greensleeves ausgedacht.

Das Thema „Scientist“ und die Art und Weise wie die Engineers für den Dub-Mix als Job bezahlt worden sind, aber weder als Künstler gesehen oder erwähnt werden und ihre Arbeiten zum Teil ohne ihr Wissen veröffentlicht wurden, war für mich als gängige Praxis eher unbekannt und hat mich überrascht. Kannst Du hier ein wenig drauf eingehen?
Dubs gehörten beim Mischen irgendwann zum Tagesgeschäft und haben nicht viel Zeit in Anspruch genommen. Wenn ein Song fertig war, wurde eben noch schnell ein Dub nachgelegt, quasi umsonst mitgeliefert. Der Produzent (Junjo, Bunny Lee, wer auch immer) hat den Song bezahlt und am Ende das Tape gekriegt. Da war dann auch der Dub drauf, der für die Rückseite der Single gebraucht wurde. Das von den Dubs woanders – in England – gesonderte Alben gefertigt wurden haben die Engineer nicht gewusst. Weil es ja die Alben in Jamaika gar nicht gab, sondern nur in Übersee.

Was ist deine Definition von Dub?
Dub ist der besondere Mix eines bestehenden Titels für einen besonderen Einsatz, nämlich bei Sound Systems. Dub ohne vorausgegangenes Original ist Instrumentalmusik. Was übrigens keine Definition von mir sondern von Style Scott ist. Interessanterweise hat Coxson den Sinn von Dub-Platten darin gesehen, dass die Deejays üben konnten.

Wer ist dein Lieblingsengineer?
Scientist wegen der Anarchie in seinen Mixen und wegen des besten Sounds. Groucho Smykle weil er Dub wie Hollywoodfilme inszeniert. Auch seine Mixe beruhen auf Vocalversionen, aber da ist kein Platz mehr für Toastings. Beide, Scientist und Groucho, werden perfekt beschrieben mit dem Titel des Buches, das Michael Veal über Dub geschrieben hat: „Soundlandschaften und zerstörte Songs“. Bei Scientist habe ich erlebt, wie er beim live-dubben immer wieder gerufen hat: „Someone must deejay!“ Doch auch bei mir zuhause kommt kein Deejay à la David Lynch per Hologramm ins Zimmer und fängt an zu toasten wenn ich Dub höre. Dub ist außerhalb von Jamaika längst zu einer eigenständigen Kunstform geworden. Aber eine die von Erinnerungen lebt. Man weiß dass da noch Melodien, Bläser, Gesänge sind. Aber man hört sie nur im Geiste.

Du bist ja auf Lesetour, wirst in Radiosendungen eingeladen, z. B. WDR 3, WDR Cosmo, DLF, Bayerische Rundfunk, ByteFM, diverse Online Sender. Welche Fragen hat man dir noch nicht gestellt, bei denen es dich wundert, dass sie dir noch nicht gestellt worden sind?
Ich war anfangs ein wenig verwundert, dass es nie zu konfrontativen Diskussionen gekommen ist. Aber darum geht’s in der Dub Konferenz gar nicht. Ich hab ein Geschichtsbuch geschrieben, lasse andere Leute erzählen und hab dazu Fakten recherchiert. Ich merke, dass die Leser an genau der Geschichte interessiert sind. Wo alles herkommt und was es mit Dub auf sich hat(te). Die meisten haben inzwischen schon gemerkt, dass Dub und Steppaz nur scheinbar Seelenverwandte sind. Mit vielen gemeinsamen formalen Ingredienzien, ja. Aber letztlich something completely different. Steppaz ist, historisch wie musikalisch eine alternative Techno-Musik. Dub aber ist die Version einer bereits existierenden Musik. An diesem Unterschied führt kein Weg vorbei. Mad Professor hat mir gesagt: Es ist erst dann Dub wenn es eine Version ist. Und da sind wir wieder bei Style Scott: Wenn es keine Version ist, ist es Intrumentalmusik.

Welche Aspekte haben dem Publikum besonders am Herzen gelegen und sind nach der Lesung Thema gewesen?
Die meisten haben einfach nur zugehört und waren glücklich über die Informationen und Geschichten, die ich erzählt habe. Ich merke wie stark das Interesse am Thema Dub ist. Jeder kennt den Begriff, auch außerhalb des Reggae-Zirkels, aber viele wissen nicht so genau, was es damit auf sich hat. Deshalb kommt es ja auch zu dem Irrtum, dass man bei jedem Echo sofort denkt: Aaah … Dub!

Was ist deine Top 3 der klassischen Dubalben?

  • Lee Perrys „Super Ape“ – ein übernatürlicher Rausch. Kein Dub, fühlt sich aber so an.
  • „Herb Dub Collie Dub“. Gemischt von King Tubby, das Pendant zu „The Legendary Skatalites“, der einzigen Roots-Platte der Skatalites. Eine ziemlich seltene Platte. Kam 1976 ohne Cover auf den Markt und ist nicht mehr zu finden, wurde 2001 von Motion nachgepresst.
  • Alles von Scientist bei Greensleeves. Scientists Mixe profitieren davon dass die Originale in jenem Jahrzehnt so überragend waren: Wailings Souls, Johnny Osbourne, Michael Prophet, Barrington Levy, Hugh Mundell …
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Dubmasters Meet Shashamane

Nicht nur Reggae, auch „Dub gone international“ – das zeigt gerade wieder ein aktueller, durchwegs gelungener Release: „Dubmasters meet Shashamane“ (ZIMA). Wiewohl es die Dub-Version des selbstbetitelten (und empfehlenswerten) Album der polnischen Band Shashamane ist, werden schon im Titel die „Dubmasters“ in den Mittelpunkt gestellt. Die Riege mit u.a. Umberto Echo und Dubmatix kann sich sehen und hören lassen; sie alle liefern erstklassige Dub-Mixes ab, die die Essenz der Vocal-Versionen einfangen – ein Vergleich bestätigt das eindrucksvoll. „No filler, all killer“ wie man anderorts so treffend zu sagen pflegte.

Es empfiehlt jedenfalls, auch in das Vocal-Album reinzuhören – feiner, old-school-instrumentierter Roots-Reggae, vorgetragen in klassischer BMW-Besetzung inklusive in den Fokus gerückter, I-Threes-inspirierter Vocals. Der Shashamane-Band gelingt es nicht nur die musikalischen Vibes der Vergangenheit heraufzubeschwören, sie optimieren sie zudem mit Arrangements, die den Vocals und Instrumenten genug Raum und bestmögliche Wirkung verschaffen. Die Dubmasters übernehmen dieses Konzept fast schon selbstlos: Die Dubs sind bar jeglicher Selbstdarstellung und können – zumindest vom Rezensenten – nicht den jeweiligen Mixmeistern zugeordnet werden. Eine runde Sache, sozusagen.

Und so wundert es nicht mehr, dass dermaßen (BMW-) inspirierte, fast schon historisch anmutende Musik mit einer spielerischen Selbstverständlichkeit gerade auch aus Polen kommt. Es zeigt lediglich einmal mehr, wo überall die Roots-Reggae-Fahne hochgehalten wird. Und letztlich: Wo das Ausgangsmaterial gut ist, kann auch beim Dub-Mix nichts mehr schief gehen. Beide Daumen hoch für die Dubmasters und die Shashamane-Band!

Bewertung: 4.5 von 5.