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Ras Red I: Gweithredu Dub

Soll mir mal einer sagen, dass man sich nicht doch von einer Verpackung beeinflussen lässt. Wäre auf dem Album ein Comic (Wimmel)Bild von Tony McDermott zu sehen gewesen, dann wäre ich viel früher auf dieses Oevre aufmerksam geworden. Leider prangt auf dem vorliegenden Album lediglich ein „Monchhichi“-ähnliches Wesen mit sehr geröteten Augen vor einem Soundsystem. Für Monchhichis war ich Anfang der 80er bereits viel zu alt. Heute stolperte ich wegen des walisischen Wortes „Gweithredu“ (engl. Action) erneut über dieses von mir völlig übersehene Album. Die Rede ist, wie ihr oben unschwer erkennen könnt, von Ras Red I: Gweithredu Dub. Wenn das abgebildete Wesen Ras Red I (lies „Red Eye“) stilisieren soll, dann hat er offensichtlich, feinste Sativa Landrasse konsumiert, die seiner Kreativität einen echten Kick nach vorn verpasste. Russell Squire, so heißt der Multiinstrumentalist, Produzent und Dubmaster aus Taunton, einer Stadt in der Grafschaft Somerset im Südwesten Englands, mit bürgerlichem Namen. Mit „Gweithredu Dub“ hat er eine Werkschau zusammengestellt, die man zweifellos als Hommage an die Blütezeit des Reggae Ende 1970er, Anfang 1980er verorten muss.
In England ist Ras Red I kein Unbekannter und seine Dub-Workshops sind in der Grafschaft Somerset kein Geheimnis mehr. Außerdem engagiert er sich für den Fortbestand der ältesten auf der Insel gesprochenen Sprache, dem Walisisch (Cymru > engl. Wales).
Das vorliegende Album ist eine Mischung aus fast im Alleingang eingespielten Eigenkompositionen, die neu gemixt wurden und einigen Ras Red I Favoriten, die im Laufe der letzten vier Jahre mit anderen Interpreten im eigenen Studio entstanden sind. So gefällt mir „Swine“, eine Anspielung an George Orwell’s Animal Farm, von One Style MDV (MDV = Many Different Variations) ausgesprochen gut. One Style MDV sind eine Band mit Mitgliedern afrikanischen Ursprungs aus London, die bereits auf über 30 Jahre in Sachen British Reggae zurückschauen können und mich immer leicht an Misty in Roots erinnern. Zumindest, was ihren Output anbelangt, sind sie Misty in Roots sehr ähnlich.

Mit seinen eigenen Dub-Tracks und den Dub-Remixen einiger Gastinterpreten zeigt dieses Album Ras Red I als einen vielversprechenden Grassroots-Dub Künstler. Für den sehr relaxten Mix hat dann der Meister lieber ein bisschen einer Indica Variation zu sich genommen, denn „Gweithredu Dub“ versprüht statt „Action“ eher ein wohlig warmes Laid Back Feeling. Genau das, was einen entspannten Abend ausmacht.

Bewertung: 4 von 5.
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Ras Sparrow: Dub in Stone

Angesichts des zur Zeit kargen Angebots an frischen Dub-Abenteuern ist man froh, wenn ein neues, noch dazu gutes Album – oder vielmehr eine 5 Track-EP – erscheint. Ras Sparrow, ein hierzulande nicht sonderlich bekannter Venezolaner, hat sich als Sänger/Produzent/Engineer dem Roots Reggae verschrieben und bringt mit „Dub in Stone“ (Ras Sparrow Records) seinen ersten vollwertigen Dub-Release heraus. Die Promotion dazu erledigt kurzerhand ein animiertes Video zum „Atlantis Rising Dub“:

Multiinstrumentalist Ras Sparrow, auf früheren Releases hin- und hergerissen zwischen digitalen und analogen Klängen, zeichnet sich auf „Dub in Stone“ durch feine, großteils von ihm selbst live eingespielte, handgeklöppelte Roots-Riddims aus. Das Ergebnis kann sich hören lassen: Bass-Drum und Rimshot harmonieren im Mix optimal und sind Grundlage für vier wunderbar dynamisch abgemischte One Drops – und einen gelungenen Steppers für die Freunde des 4-on-the-Floor:

Die klassisch gehaltenen Arrangements der 5 Tracks geben sich durchwegs gelungen: Langeweile oder die in Dubs mitunter zu befürchtende Leere haben hier keine Chance –  dafür sorgt der Einsatz von Leadinstrumenten wie einer (nicht nervenden) Melodica oder einer Gitarre. Den Rest erledigt ein grundsolider Dub-Mix – der zwar nicht der ganz große künstlerische Wurf ist, aber auch nicht – wie zuletzt leider häufiger gehört – zwanghaft einen auf King Tubby oder Scientist macht. Eine überraschend wohltuende Erfahrung auch die Kürze des Releases: Gegenüber den übersatten, mit Durchhängern, Ladenhütern und einem gewissen Gähn-Faktor ausgestatteten Abverkaufs-Monstern gibt sich die „Dub in Stone“-EP erfrischend kurzweilig und macht Lust auf mehr – ganz so wie in den guten, alten Vinyl-Zeiten. Also ab damit in die Playlist!

Bewertung: 4 von 5.
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Sylvan Morris & Harry J: Cultural Dub

Da habe ich jetzt beinahe eine halbe Ewigkeit gesucht, um ein ziemlich rares Album, welches auch noch unter falscher Flagge navigiert, ausfindig zu machen.
Wenn wir hier im Dubblog von Soundengineers sprechen, fallen im Grunde immer die gleichen Namen. Einer, der in diesem fröhlichen Reigen aber auch immer – und das völlig zu Unrecht – vergessen wird, ist Sylvan Morris. Er war beinahe in allen Studios Jamaikas zuhause. Seine Tätigkeit als Mixing-/Soundengineer begann Morris mit zarten 17 Jahren im Dynamics Studio, wo er es ca. zwei Jahre aushielt, um dann nach einem kurzen Intermezzo in Duke Reids Treasure Isle Studio, für sechs Jahre im Studio One bei Clement Dodd anzuheuern, wo Sylvan Morris dem typischen Studio One Sound seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückte. Er gilt immer noch als der beste Engineer, der jemals in 13 Brentford Road (Studio One) am Mischpult saß. Laut eigener Aussage war Sylvan Morris während seiner Zeit bei C. S. Dodd alles in Personalunion: Elektrotechniker, Berater, Arrangeur, Toningenieur und Mixer. Lediglich für die Bezahlung sei C. S. Dodd persönlich verantwortlich gewesen und just aus diesem Grund verließ Sylvan Morris Studio One, um seine neue Arbeitsstätte im Harry J in der Roosevelt Avenue in Kingston anzutreten. Das war Mitte der 1970er und das Harry J Studio war zu jener Zeit eine der Hauptanlaufstellen der besten jamaikanischen Künstler überhaupt. Weit über tausend zum Teil unvergleichliche Songs sind während Sylvan Morris’ 16-jähriger Tätigkeit im Harry J Studio entstanden. Nur ein paar Klassiker zur Erinnerung: Bob Marley: „Natty Dread“ und „Rastaman Vibration“, The Heptones: „Cool Rasta“, Augustus Pablo: „Ital Dub“ und „Earth Rightful Ruler“, The Royal Rasses: „Vortex Dub“, Burning Spear: „Dry & Heavy“, „Marcus’ Children“ und „Man In The Hills“. Oh ja, wenn wir gerade bei Burning Spear sind, die Original „Living Dub Vol. 1 und Vol. 2“ – zwei meiner unangefochtenen Lieblingsplatten – und auch „Dub D’sco Vol. 1 und Vol. 2“ von Bunny Wailer wurden ebenfalls durch Sylvan Morris klanglich vergoldet und somit unvergessen.
Zurück zu meinem Anfangssatz: Als Sylvan Morris 1974 im Harry J Studio aufschlug, ging das „Dub-Ding“ gerade so richtig los. Ergo sind auch von Sylvan Morris ein paar weniger bekannte Dub-Alben unter eigenem Namen: „Morris On Dub“ (1975), „Reggae Workshop“ (1977) und „Cultural Dub“ erschienen. Die 1978 veröffentlichte „Cultural Dub“ finde ich von allen dreien am abwechslungsreichsten. Den Anfang macht der achtminütige „Neighbour Dub“ mit Toastings der auf dem Cover unerwähnten Big Youth & Ras Midas. Nach dem Big Youth Toast geht das Album in einen Showcase-Mix über, um dann mit einem Ras Midas Toast zu enden. „Hearts Of Dub“ featured den unvergessenen und ebenfalls unerwähnten I Roy und die Harry J Allstars klingen hier wie die Revolutionaries. Für den dritten Titel wurde der Rocksteady Evergreen „Rivers Of Babylon“ mit den Melodians neu eingespielt, der wieder in einen klassischen Dubteil übergeht, um mit einem herrlichen Toasting des „mighty Poet I Roy“ (Zitat: LKJ) zu enden. Showcase Alben waren in der Entstehungsphase dieses Albums wirklich angesagt. Bereits in den frühen 70ern hatte Harry J eine Version von „Breakfast In Bed“ mit Sheila Hilton produziert. Sylvan Morris machte daraus kurzerhand den „Breakdown Dub“. Und weiter geht die Entdeckungsreise: „World Of Dub“ heißt im Original „What Kind Of World“ und stammt von den Cables aus alten Studio One Zeiten. Im „Undermind Dub“ hört man die Stimme von John Holt. Ursprünglich stammt „Can I Change My Mind“ von Alton Ellis und wurde bereits 1968 von C. S. Dodd produziert. Den krönenden, leider viel zu kurzen Abschluss dieser Werkschau macht ein perryesker „Cultural Dub“ mit Joe White an der Melodica, fettem Gebläse und ungewöhnlich vielen Soundeffekten.

Mein Fazit: Immer wenn ich nach vielen Jahren solche Alben wiederhöre, erkenne ich, dass es immer noch diese warme, organische Musik ist, die mich für immer in ihren Bann zieht und verzaubert. Da sind sie zu finden, diese unsterblichen Basslines, die den heutigen Aufnahmen viel zu häufig fehlen und von uns alten Hasen so schmerzlich vermisst werden. Im Nachgang betrachtet bekommen wir mit „Cultural Dub“ einen kreativen Querschnitt durch die Schaffensphasen von Sylvan „The Genius“ Morris. Je tiefer ich mich in Sylvan Morris’ Arbeiten wühle, desto offensichtlicher wird, wie immens wichtig dieser Mann hinter dem Mischpult für die gesamte Entwicklung des Reggae und Dub war/ist.

Bewertung: 4 von 5.
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Gregory Isaacs: Night Nurse Dub

Spoiler: „Night Nurse Dub“ (TABOU1) ist nicht der Dub-Counterpart zu Gregory Isaacs‘ bereits 40 (!) Jahre altem Meisterwerk „Night Nurse“ – selbst wenn uns das Cover des neuen Releases das auf den ersten Blick glauben machen möchte. Wär‘ ja auch eine mittlere Sensation im Reggaeland gewesen, wenn plötzlich eine Dub-Version des 1982er-Albums aufgetaucht wäre. Wir können heute nur erahnen wie es klingen würde, vermutlich aber so in etwa wie Godwin Lodge’s Extended Mix von Material Man (B-Seite der Night Nurse 10“):

Zurück zum neuen „Night Nurse Dub“: Auch hier haben wie im Original die (heutigen Restbestände der) Roots Radics alle Riddims eingespielt – nämlich ein zweites Mal im Jahr 2000, zusammen mit weiteren Tracks aus Isaacs‘ ausschweifendem Katalog. Die Absicht war ein Tribute-Album, dass sich allerdings erst einige Jahre später manifestieren sollte. Style Scott war schneller, hat sich die Bänder der Instrumentals geschnappt und 2001 auf seinem eigenen „Lion & Roots“-Label als „Style Scott & Flabba Holt: Nurse in Dub“ rausgebracht. Ich erinnere mich, dass es deswegen einigen Wirbel gab und gar von Diebstahl die Rede war. Wie auch immer, diese Bänder wurde in den On-U Sound Studios von Dub Syndicate’s live-Keyboarder und Samples-Abfeuerer Alon Adiri abgemischt – und das erschreckend lahm. Mit Dub Syndicate-Aufnahmen hatten diese Tracks herzlich wenig zu tun; Adrian Sherwood selbst war hörbar nicht involviert. Das Ergebnis war ein langweiliges, sparsam instrumentiertes und etwas leer klingendes „Dub-Album“ mit wenig wirksamen Effekten oder Samples – dafür aber mit einer störend dominanten Bass-Drum: 

Fast forward ins Jahr 2003: Das Tribute-Album ist fertig und erscheint unter dem Titel „We Sing Gregory“. Sänger wie Luciano, Don Carlos, Max Romeo, Sugar Minott, Bunny Rugs und nicht zuletzt Gregory Isaacs selbst interpretieren die Cool Ruler-Klassiker, darunter das gesamte Night Nurse-Album. Herausgekommen ist ein von Gaylord Bravo abgemischtes, etwas dumpf klingendes Album, das nicht zünden will – keineswegs überraschend, den Isaac’s Gesangsstil und Diktion sind nun mal einzigartig und bieten jeder Neuinterpretation die Stirn. 

2018 gab es einen Versuch, dieses Album digital als „We Sing Gregory (Deluxe Remix Edition)“ wiederzubeleben: Der 34-Track Megapack beinhaltet zahlreiche, von Dartanyan Winston abgemischte Discomixes plus die zuvor erschienen Gaylord Bravo-Mixes. Das hätte ein sattes Album werden können – sowohl vom Klang her als auch von der Spieldauer. Letztlich lag’s wieder am dumpfen Sound und den nicht wirklich aufregenden neuen Mixen, die zudem nicht im Einklang mit den älteren Mixes gemastert wurden. Das Teil kann man in seine Audiothek aufnehmen, einen triftigen Grund dafür gibt es allerdings nicht.

Womit wir endlich im Jahr 2022 und beim eigentlichen Gegenstand dieser Rezension angekommen sind. Es sind immer noch die Instrumental-Aufnahmen aus dem Jahr 2000 bzw. die 2003 mit Vocals versehenen Versionen, hier von Dartanyan Winston als reine Dubs abgemischt. Hat sich was gebessert? Nein, es sind immer noch diese schleppenden, dumpf klingenden Aufnahmen* – wohl besser als die öden 2001er-Mixes von Alon Adiri und durchaus mit mehr Effekten versehen, aber wenn’s nicht grooved, dann grooved’s halt nicht. Das Album hat es freilich auch nicht leicht, denn es wird immer mit dem 1982er Original verglichen werden – und an diesem Rubadub / Lovers Rock-Meilenstein kann man sich eigentlich nur die Zähne ausbeißen: Gregory Isaacs und die Roots Radics in Höchstform sind unschlagbar.

Bewertung: 2.5 von 5.

*Grundlage dieser Rezension ist der Stream von bandcamp.com, der – auch über ein gutes Sound System gehört – klanglich sehr zu wünschen übrig lässt.

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Afrikan Dub & Wallar Beats: Natural Whispers

Steppers zeichnet sich bekanntermaßen durch den Bassdrum-Kick auf jeder Note des 4/4-Takts aus. Merkmal (fast) aller für ein Sound System produzierter Dubs. Der Effekt besteht in einem sehr energetischem, „marschierendem“ und aggressivem Rhythmus. Viele klassische Reggae-Liebhaber hegen jedoch Vorbehalte, da er ihnen zu sehr nach stupidem Techno-Gestampfe klingt. Dass es sich mit diesem Rhythmus aber auch sehr ideenreich und originell umgehen lässt, beweisen Afrikan Dub – ein junger Produzent aus Mexiko – und Wallar Beats – ein ebenso junger Produzent aus Spanien – mit ihrem auf Wami – einem gleichermaßen jungen Label aus Argentinien – erschienenem Album Afrikan Dub & Wallar Beats: „Natural Whispers“ (Eigenverlag). Die Bassdrum stampft hier in der Tat maximal unbeirrt stoisch durch jeden Track. Das Rhythmusgeflecht drum herum jedoch macht Sperenzchen. Mal erklingt virtuose Percussion, mal Streichinstrumente, mal gar nichts. Breaks gehören zum Konzept. Ebenso Minimalismus. Und trotzdem hat das Album einen gewissen Flow, bleibt musikalisch und harmonisch. Der Bassdrum-Beat ist das Rückgrat der Musik, die Konstante im Chaos, der Polarstern beim Ritt auf den Soundwaves. Was wir hier hören ist postmoderner Steppers, Dub an der Grenze zum Zerfall in seine eklektizistischen Einzelteile. Mir macht das bewusste und konzentrierte Zuhören inklusive des Dekodierens der Zitate richtig Spaß. Ich bin mir aber sicher, dass die Tracks auch im Sound System perfekt funktionieren, wo sie das Gegenteil leisten, nämlich bewusstlos tanzende Körper anzutreiben. Eine klassische Win-Win-Situation.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Five Star Review

Soul Sugar: Excursions in Dub

Als Mitte letzten Jahres die „Excursions in Soul, Reggae, Funk & Dub“ von Soul Sugar erschienen, war es Liebe auf den ersten Blick. Mich begeisterte der samtige Retro-Sound, die an Jackie Mittoo erinnernden Klänge der Hammond-Orgel und die für Reggae sehr unorthodoxen Arrangements – und natürlich auch die Klänge aus den anderen im Titel genannten Genres. Dennoch verkniff ich mir damals eine Rezension. Doch nun ist sie zwingend, denn (bereits seit Dezember) liegt eine amtliche Dub-Version des großartigen Albums vor, Soul Sugar: „Excursions in Dub“ (Gee Recordings).

Ich muss ein wenig ausholen. Hinter Soul Sugar verbirgt sich ein „collaborative collective“, in dessen Zentrum der Franzose Guillaume Metenier steht. Er studierte bei Jazzorgel-Legende Dr. Lonny Smith und widmete seine ersten Gehversuche ganz dem Hammond-Funk der 1960er und 70er Jahre. Inzwischen ist er immer mehr in Richtung Reggae gedriftet und produziert nun einen Mix & Match-Sound zwischen Studio One und Jackie Mittoo auf der einen und Jimmy Smith und Jimmy McGriff, also Jazz, Funk und Soul auf der anderen Seite. Wie sehr Guillaume Metenier mittlerweile dem Reggae nahe steht, ist schon an der Besetzungsliste der beiden genannten Alben abzulesen. Dort sind Sly & Robbie, Blundetto und Roberto Sanchez mit von der Partie – und neben Slikk Tim und Thomas Naim natürlich auch Metenier selbst, der unter seinem mittlerweile vertrauten Alias ??Booker Gee für die Orgelsoli verantwortlich zeichnet. Ein fantastisches Album, das jetzt in seiner Reinkarnation als Dub-Version noch mal gesteigert wird. Und das sogar im ganz handfestem Sinne, denn es enthält zwei Titel mehr als das Original. Einer davon ist „Peace Treaty“ von Jahno, ein kongeniales Reworking der Jackie Mittoo-Version, die er Mitte der 1970ern für Bunny Lee aufnahm. Die Dubs wurden übrigens von den Musikern selbst gemixt – was nahe liegt, denn Sanchez, Blundetto und Janho sind versierte Dub-Produzenten. Klanglich liegen Original und Dub-Version übrigens nahe beieinander. Die Dub-Meister haben ihre eigenen Vorlagen keineswegs neu erfunden. Die Mixe sind eher klassisch-zurückhaltend. Meist sind lediglich die Soli etwas gekürzt. Lediglich der „Matumbee“-Remix von Blundetto unterscheidet sich durch seine Reduktion deutlich vom Original. Für mich ist das absolut okay, da das Original ja ohnehin kaum zu toppen ist.

Bewertung: 5 von 5.
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Indica Dubs Meets Vibronics: Principles of Dubplate

Nachdem Indica Dubs und Steve Vibronics letztes Jahr die „Highest Principles of Dub“ verkündeten, schieben sie jetzt Indica Dubs Meets Vibronics: „Principles of Dubplate“ (Indica Dubs) nach. Es handelt sich dabei um die „sechs populärsten Tracks“ des Highest Principles-Albums komprimiert auf drei 10“-Vinyl-Singles – und zwar als „Deluxe Version“, ergänzt um je einen alternativen Mix (wie z. B. Instrumental- oder Vocal-Mixes). Soll heißen: Jeden Track gibt es – in schönster Sound System-Manier – als Doppelpack. Und wie es sich für Dubplates gehört, klingt der Sound schön offensiv und direkt – kein Wunder, da alles auch lauter abgemischt wurde. Mir gefallen aber auch die unveröffentlichten Mixes und Versionen ausnehmend gut. Selbst der Vocal-Track von Danny Red hat seinen Reiz. Aber letztlich muss man wohl konstatieren, dass bei diesen Veröffentlichungen die Form der 10“-Vinyl-Singles den USP ausmacht. Interessanter Weise gibt es die Tracks der Singles aber auch im Stream – als Album! Dann entfällt zwar das heimische Sound System-Feeling, aber die Doppelpacks sind trotzdem schön.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Mystic Fyah: Dynamite EP Remixes

Mystic Fyah ist ein Soundsystem aus Lissabon, bestehend aus drei Typen (Baresi, Dubio, Tito) und einigen beeindruckenden Lautsprechertürmen. Das Sound System existiert seit 2007, ins Production-Business scheint das Trio aber erst 2015 eingestiegen zu sein. Seitdem hat es einen kontrollierten, wohl dosierten Output – wie es sich für ein Sound System geziemt – im Steppers-Style. Doch dann kam letztes Jahr die „Dynamite EP“ mit sieben Titeln heraus, die plötzlich deeper und dunkler klang und unverhohlen mit Minimal-Techno-Anleihen spielten. Nun liegt das Reworking der EP mit dem einfallslosen Titel „Dynamite EP Remixes“ vor – und geht noch einen Schritt weiter. Frenk Dublin, Smalltondubz, Skruff, Dub Troubles und Stillhead legten Hand an vier der Titel und trieben sie noch weiter in Richtung Dunkelheit. Ich fühlte mich beim Hören unweigerlich an Rhythm and Sound erinnert – jene beiden Dub-Techno-Pioniere von Basic Channel, deren Musik ich vor 20 Jahren in höchstem Maße feierte. Doch im Vergleich zu deren rigorosem Minimalismus ist die Musik von Mystic Fyah geradezu ein Füllhorn an Ideen, Sound und Melodien. Wer den reichen uptempo Dub-Sound historischer, handgespielter Analogaufnahmen mag, wird Mystic Fyah wahrscheinlich trotzdem stupide Repetition unterstellen. Ich aber liebe diese magisch-minimalen, hypnotischen Mystic Fyah-Klang, der wie ein Meditationsmantra auf Trommelfelle und Gehirn wirkt und in dem jede Note, jedes Echo und vor allem auch jede Pause zwischen den langsamen Beats zählt. Das Hörerlebnis gleicht einem Abtauchen in eine Slow-Motion-Unterwasserwelt, schwerelos und (Tiefen-)berauschend.

Bewertung: 4.5 von 5.

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City Squad: Marseille + Aix

Die Franzosen haben es gut. Neben leckerem Essen, gutem Wein, Paris, dem Elsass und einer richtig schönen Portion Alpen, verfügen sie auch über eine lebendige und äußerst produktive Sound System-Szene. Selbst in Käffern wie Grenoble residieren 14 Sound Systems! Das Subsquad Prod-Label hat sich zur Aufgabe gemacht, die wichtigsten Dub-Hotspots des schönen Landes sukzessive vorzustellen. Neben Bordeaux und Grenoble fällt das Schlaglicht diesmal auf Marseille und deren kleine Nachbarstadt Aix-en-Provence – beide gelegen in den sonnigen Gefilden der Provence. Allein in Marseille gibt es 13 Sound Systems. In Aix und Umgebung weitere. 14 Tracks hat das Subsquad-Team für „City Squad: Marseille + Aix“ zusammen getragen. Erneut eine beeindruckende Sammlung. Steppers gibt hier ganz klar den Ton an. Doch es ist weniger die – durchaus differierende – musikalische Qualität, die diese Reihe so interessant macht, als viel mehr das geniale und doch so einfache Konzept, die Sound System-Szene Frankreichs in Form einer – zudem kostenlosen – Sampler-Reihe vorzustellen. Auf einer Tour de Dub, gewissermaßen. Ich wünschte mir so etwas auch für Deutschland – in der Hoffnung, dass wir nicht viel schlechter abschneiden würden als unsere lieben Nachbarn (was ich aber tatsächlich bezweifle).

Ähnlich wie in Grenoble scheint auch im Süden der Republik die Dub-Culture direkt von einer lebendige Festivallandschaft abzuhängen. Initialfunke war die „Musical Riot Association“, die sich 2002 gründete und unter eigenem Namen Dub-Festivals veranstaltete. Ab 2010 folgte dann einige Kilometer außerhalb Marseilles das bekannte Dub Station Festival – Inkubator vieler lokaler Sound Systems. Da die Subsquad-Crew ihre Sache ernst nimmt, könnt ihr eine Zusammenfassung ihrer akribischen Recherche der Subsquad-Website nachlesen. 

Bewertung: 3.5 von 5.
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Five Star Review

Ambient Warrior: Dub Journey’s

Jetzt haben wir einen erneuten Beleg dafür, dass unser kleines, feines Sub-Genre Dub zeitlos und grenzenlos ist. Angetreten hat diesen Beweis das australische Isle of Jura Label mit der offiziellen Neuauflage eines äußerst ungewöhnlichen Dub-Albums von Ambient Warrior: Dub Journey’s, das ursprünglich bereits 1995 auf dem englischen Label Lion Inc veröffentlicht wurde. Das Album ist grundsätzlich tief im Dub verwurzelt, bedient sich jedoch eines viel breiteren Spektrums, das gleichwertig verschiedenste musikalische Einflüsse und Stile aus der ganzen Welt aufnimmt und zu diesen wunderbaren Klanglandschaften zusammenfügt. Das Konzept für „Ambient Warrior“ wurde als Seitenprojekt für Ronnie Lion und Andreas Terrano geschaffen. Dem nicht ganz unbekannten Ronnie Lion war bei Aufnahmen ziemlich schnell aufgefallen, dass Andreas Terrano ein sehr talentierter Gitarrist und Keyboarder ist und so waren sich die Beiden in dem Ansinnen schnell einig, ein Oeuvre zu erschaffen, welches die vielfältigen musikalischen Einflüsse beider Protagonisten widerspiegelt. Andreas ist z. B. italienischer, armenischer und russischer Abstammung, was auf Dub Journey’s unüberhörbar zum Ausdruck kommt. Ronnie Lion aus Brixton kennen Insider als Labelbetreiber aus den Anfängen des britischen Neo-Dub.

Seit den frühesten Dubversuchen von King Tubby, Lee Scratch Perry, Augustus Pablo, Prince Jammy und wie sie alle heißen, wissen wir, dass guter Dub dich in deinem tiefsten Inneren berühren muss. Deshalb nimmt mich Ronnie Lions Slogan: „This is Ambient Warrior…coming to You from the Heart“, vorgetragen mit einer markanten Stimme (Dennis Rootical), die an Prince Far I erinnert, vom Start weg mit auf (m)eine unvergessliche Pilgerreise zum Kailash. (Kailash: Er gilt den Tibetern als heiligster Berg, wird verehrt von Hindus, Buddhisten und Bön, stellt das Quellgebiet der vier größten Ströme des indischen Subkontinents.) Wie bitte, der Kailash? Ja, weil diese typischen Klänge der tibetischen Gebetsglöckchen omnipräsent sind und immer wieder erklingen. Das Album ist wie aus einem Guss und verbreitet bei mir eine wohlig warme meditative Stimmung. Andreas Terrano webt sehr weiche Gitarrensoli und Synthesizer- /Keyboardklänge zu wunderbaren Klanglandschaften zusammen. Was der Vielseitigkeit des Albums sehr guttat, ist auch der Tatsache geschuldet, dass viele Musiker verschiedenster Genres und Instrumente an den Aufnahmen beteiligt waren. Neben südamerikanischen Elementen wie Tango und Bossa Nova (Eastern Dub; Cajun Dub); hören wir auch Harfe (Cajun Dub), russisches Akkordeon (Bayan; Southern Dub), Vibraphon und Maultrommel (The Good, the Bad and the Dub).

Meine Quintessenz des Albums lautet: Großartige Dub-Alben schleichen sich ganz langsam an dich heran. Du kannst sie einmal abspielen und sie sind „ganz nett“. Spiele sie zig-mal und ganz langsam formt sich ein Bild: kleine Details tauchen auf, der Geist des Dub und die Glückseligkeit der Wiederholung bahnen sich ihren Weg in deine Seele.

Schön, dass es noch Labels gibt, die es sich zur Aufgabe machen, solch äußerst seltene, einzigartige Dub-Klänge vor der Vergessenheit zu bewahren. Deshalb bekommt Isle of Jura für die Wiederveröffentlichung des Ambient Warrior: Dub Journey’s Albums von mir sechs von fünf Sternen.

Bewertung: 5 von 5.