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Dub Syndicate: Fear of a Green Planet (2023)

1998 gründete Style Scott in Zusammenarbeit mit dem Berliner Vertrieb EFA sein eigenes Label Lion And Roots. Die ersten beiden Releases waren gleich zwei Dub Syndicate-Alben: „Mellow and Colly” und „Fear of a Green Planet“. Konzipiert als „Soundclash“ zwischen London und New York basierten sie auf den selben acht Riddims, die Scott wie üblich mit den Bassisten Flabba Holt und Bagga Walker in Kingston eingespielt hatte. „Mellow and Colly“ wurde in New York von Scientist gemixt. „Green Planet“, mit zwei zusätzlichen Riddims und zwei Versions etwas länger, war zu 360° eine On-U-Sound-Produktion, entthielt aber auch ein Souvenir aus New York: Bill Laswell fügte dort per Overdub eine Bassline ein. Ich bin bis heute nicht sicher, welche. In den USA erschien das Album mit alternativem Cover, das recht plump auf Public Enemy’s „Fear of a Black Planet“ verwies. Und damit etwas in die Irre führt, denn auf den ersten Höreindruck setzten DS auf „Green Planet“ den Kuschelkurs fort, den sie 1996 mit Ital Breakfast etabliert hatten, ihrem vorerst letzten Album auf On-U Sound. Dort trieben mittlerweile die japanischen Punk-Kids von Audio Active ihr Unwesen, und Style Scott hatte just zuvor mit Bill Laswell ein anbetungswürdiges atomar-apokalyptisches Album auf Word Sound eingespielt, das fast ohne Harmonik und Melodik auskam. Dagegen ging es auf „Green Planet“ ein bisschen zu wie im Hippie-Camp. Tablas, Violinen, schmachtende Melodien und Sprüche aus dem Rasta-Poesiealbum, die Riddims bis auf einen („Wake Up“) allesamt näher am Lovers Rock als an der Dancehall-Gegenwart, das erschienen mir in dieser Lebensphase alles etwas unterwältigend. Trotzdem bin ich immer wieder zu diesem Soundclash-Doppel-Album zurückgekehrt, habe die Versions einzeln oder als Album back to back gespielt und mich an den unterschiedlichen Mixansätzen erfreut. Während „Mellow & Colly“ sparsam und schlank ausgestattet war, lernte ich auch immer mehr die Gemütsruhe und Souveränität zu schätzen, die die Produktion von „Green Planet“ bestimmen. Das neu gemasterte Re-Release von „Fear of a Green Planet“ (Echo Beach) zum 25jährigen Jubiläum lässt diese Stärken, wenn überhaupt, noch deutlicher hervortreten. Die Produktion ist, wie die Engländer sagen würden, „lush“, das heißt im landschaftlichen Sinne im vollen Saft. Alles fließt, tropft, blüht auf und bestäubt einander in dieser pastoralen Idylle, in der es keinen Überlebenskampf zu geben scheint, nur Harmonie. Garten Eden statt Dschungel. Die Känge clashen nicht, sie umschwingen einander respektvoll in einem ozeanischen Offbeat-Strom, ohne je die Grenzen zum Kitsch wegzuspülen. Auch wenn da jeder seine eigenen Grenzen ziehen mag. Spiritueller Höhepunkt ist das tatsächlich wortlose „Not a Word“ mit seiner Gänsehaut-Violine, danach wird das Tempo mit einem Steppers- („Dubbing Is a Must“) und einem Dancehall-Riddim („Wake Up“) geringfügig angezogen. Ab hier wird es nur noch deeper und minimalistischer: „Hey Geoff“ erinnert mit seinen Stimm-Samples an die Kollegen von Tackhead und Little Axe, und in seiner extremen Luftigkeit an „Stoned Immaculate“. Die Versions von „Higher and Higher“ und vor allem „Emmanuel“ beeindrucken durch mixtechnische Reduktion. Diese fantastische Schlusstrecke wird auf dem Re-Issue noch ergänzt durch drei Extended Loop Mixes, die das Vergnügen noch ein bisschen in die Breite ziehen. Hier wurden offenbar Passagen vom Master geloopt und noch mal mehr oder weniger kreativ gedubbt, es passiert also nicht viel neues, nur noch ein bisschen mehr. Viertes und aussagekräftigstes Supplement ist ein Remix von „Dubvionist“ Felix Wolter. Basierend auf „Greater David“ fällt es mit viel Tapesättigung ein bisschen aus dem Soundbild, bildet aber einen würdigen Abschluss. Diese vier neuen Versions ändern aber nichts am Impuls, gleich danach „Mellow and Colly“ aufzulegen. Denn durch die schlanken Scientist-Mixe, die mit weniger Overdubs auskommen und im Discomix-Verfahren auch den Vocals (u.a. Junior Reid und Big Youth) mehr Platz einräumten, wird die komplette Soundclash-Experience so richtig dreidimensional. Das wissen sie auch bei Echo Beach. Das Re-Issue soll im neuen Jahr kommen.

Bewertung: 4 von 5.
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Protoje & Zion I Kings: In Search of Zion

Review René

Es ist ja schon etwas befremdlich, dass ein jamaikanischer Artist sich an Musiker außerhalb Jamaikas wenden muss, wenn er Roots Reggae-Rhythms haben möchte. Aber okay, Jamaica is moving forward – während wir hier im „Westen“ konservativ am Erbe der 1970er Jahre festhalten. Da wir hier aber immer noch einige Kaufkraft besitzen (mal sehen, wie lange das noch gilt), ist Protoje auf die Idee verfallen, sein Album „In Seach of Lost Time“ von 2020 für unseren Hörgeschmack „remixen“ zu lassen und als „In Search of Zion“ (RCA Records) heraus zu bringen. Remix bedeutet hier, dass die drei Zion I Kings-Produzenten eigentlich ein gänzlich neues Roots-Instrumentalalbum komponiert und aufgenommen haben – das allerdings lediglich als Backing für die Voclas von Protojes vorhandenem Album „In Seach of Lost Time“ dient. Das ist wirklich ein verrücktes Konzept: Einfach mal die Musik austauschen, um das Album besser an europäische und nordamerikanische Zielgruppen verkaufen zu können. Tja, ist halt Business. Allerdings waren die Zion I Kings stolz genug, um auf ein Doppelalbum mit Dub-Versions ihrer Produktionen zu bestehen. Und die hören wir uns jetzt mal an. Was direkt auffällt: Das Spektrum reicht stilistisch vom Lovers-Rock-Backings bis zu (verhaltenem) Roots-Steppers. Die Lovers-Rhythms streiche ich jetzt mal wohlwollend, denn mit Schlager kann ich absolut nichts anfangen, egal in welchem musikalischem Gewand er daher kommt. Die Backings von Schlager sind nicht weit von Fahrstuhlmusik entfernt – eine Ausgeburt an Langeweile. Was bleibt sind die Roots-Dubs auf dem Album. Doch die sind, gemessen am State of the Art-Dub der Gegenwart, unfassbar blass und unscheinbar geraten. Wo bleibt die Power von Roots? Wo die Dynamik, wo das rebellische Statement? Wie kann ein Roots-Album eines großen Artists so seicht, unoriginell und mutlos daher kommen? Gleiches gilt für den Dubmix: Absolut generisch. „In Search of Zion“ ist leider eine riesige vertane Chance, modernen Dub einer breiten Zielgruppe von Protoje-Fans schmackhaft zu machen.

Bewertung: 3 von 5.

Review gtk

Zugegeben, Protoje ist mir – vor allem in den letzten Jahren – eher durch beiläufiges Weghören bekannt: Ich steh‘ nicht auf HipHop, ich steh‘ nicht auf Sprechgesang. Vielleicht mag man das in diesem Fall als Conscious HipHop, Progressive Rap, Sing-Sang oder wie-auch-immer benennen; jedenfalls lassen Musik und Text meine Hörnerven ziemlich unbeeindruckt zurück – und das obwohl ich mich, wenn auch nicht mit der üblichen Intensivität, mit Protojes Alben durchaus beschäftigt habe: Schlussendlich hat jeder Kunstschaffende eine Chance verdient.

Der Fairness halber sei bemerkt, dass man im Oeuvre Protojes – oder sollte man besser sagen: im Oeuvre seiner Produzenten – durchaus gelungene Hooklines entdecken kann. Die konnte man schon in den ersten (international erschienenen) Alben finden – Produzent Don Corleon sei Dank, der Protoje quasi das damals noch Reggae/Conscious Dancehall/R&B-lastige Material bis hin zu den Lyrics auf den Leib geschrieben hat. Mit den darauf folgenden Alben & Singles konnte sich Protoje mit eigenem Label & Management und vor allem der Unterstützung von Produzent/Keyboarder Phillip James als feste Größe in seinem ReggaeHipHopR&B-Hybridgenre etablieren. Live ein wenig mehr Roots, im Studio etwas mehr R&B – jedem das seine. Da war’s nur mehr eine Frage der Zeit, bis sich ein Major-Label mit Protoje schwarze Zahlen ausgerechnet und ihn vertraglich vereinnahmt hat. Sony Music bzw. dessen Sub-Label RCA Records lenkt seit 2020 mehr oder weniger die Geschicke Protojes, obwohl der sich von dem Deal „a certain level of creative control“ (=> Wikipedia) erwartet. Man möchte ihm das wünschen, wiewohl man weiß, das Majors nicht gerade zimperlich im Umgang sind, wenn ihr finanzieller Input nicht die erwarteten Früchte trägt.

Zwei durchaus erfolgreiche Alben auf RCA Records später, sehen wir uns dieser Tage mit einer Überraschung konfrontiert: Da hat doch glatt jemand die (Vocal-)Bänder des 2021er-Releases „In Search of Lost Time“ den Zion I Kings-Team überreicht – um nichts weniger als drum herum das Roots-orientierte Reggae-Album „In Search of Zion“ (RCA Records) zu basteln (RCA nennt’s gar ein „Remix-Album“). Wessen Idee das war, sei dahingestellt; es mag Protoje selbst sein um in der Reggae-Community wieder etwas Credibility zu erlangen; es mag Sony/RCA Records sein, dass in seinem Roster auch das Sunshine-Reggae-Segment abgedeckt wissen will. Dass es gerade Zion die I Kings getroffen hat, mag deren guten Ruf oder aber auch einer ersten Zusammenarbeit auf Protojes letztem regulären Release „Third Time’s the Charm“ zu verdanken sein.

Nun wissen wir bereits, was wir von den Zion I Kings erwarten können: Einwandfreies Handwerk, gediegene Arrangements und feinster Sound, umgesetzt in klassisch anmutenden Roots-Tunes. Da kann man wirklich nicht meckern, das ist ein solides Backing das jedem Sänger Raum gibt, sein Ding umzusetzen. Das funktioniert sogar, wie in vorliegendem Fall, wenn der Sänger gar nicht neu einsingt. Wunderbar und maximal erhellend: Das Original und die Reggae-Version back-to-back hören, zwei Welten vergleichend. So ein Rap geht doch nicht auf Roots… doch, das geht. Und es hört sich gut an!

Als unerwartete Draufgabe liefern uns Protoje/RCA Records/Zion I Kings auch noch die Dub-Tracks dieser vor zwei Jahren eingespielten Reggae-Versionen. Auch das können die Zion I Kings, wie sie mit den Dub-Alben unter eigenem Namen bewiesen haben – insbesondere mit dem Vol. 1 ihrer Dub-Series, mit dem sie Style Scott einen exzellenten Tribut zollen. Nun wissen wir – und haben es hier auch schon besprochen -, dass man von den Mannen rund um Laurent Alfred keine Wahnsinns-Innovationen erwarten darf – entsprechend gediegen wummern die Dubs bass-lastig aus den Boxen; entsprechend punktgenau und niemals übersteuernd werden die Effekte eingesetzt. Nichts Neues unter der Virgin Islands-Sonne – „nur“ die übliche Verlässlichkeit mit Qualität.

Bewertung: 4 von 5.
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Subdub: Digital Africa

Subdub ist ein bekanntes Venue in Leeds (UK), das sich seit 1998 Dub, Roots, Dancehall, Jungle, D&B und Dubstep verschrieben hat. Wie wunderschön wäre es, so einen Club in meiner Stadt zu haben! Statt dessen gibt es hier Clubs, die mir jeden Samstag die Wahl lassen zwischen Techno, Hardcore Techno und Tech House. Mainstream statt Dub zu mögen, würde mein Leben definitiv angenehmer machen. Aber irgendwie hat Mutter Natur mir das Dub-Gen spendiert und mich dann auf eine einsame Insel ausgesetzt, wo Dub nur als Konserve verfügbar ist. Genau in dieser Hinsicht wollten die Macher:innen von Sub Dub mir und unzähligen Leidensgenoss:Innen überall auf der Welt etwas Linderung verschaffen und planten 2001 die Veröffentlichung eines Subdub-Compilation-Albums mit dem Titel „Digital Africa“. Doch als die „Digital Africa“-Testpressungen endlich eintrafen, wurde das Projekt auf Eis gelegt. Warum? Tja, liebe Vinyl-Freunde, ihr seid schuld, denn Vinyl zu pressen und zu distribuieren war damals noch so teuer, dass Subdub nicht das nötige Geld dafür aufbringen konnte. Also verschwand die Kompilation erst mal im Regal – bis 22 Jahre später das Dubquake-Team von Frankreich nach Leeds pilgert und dort die Testpressungen entdeckte: Unveröffentlichte und exklusive Titel von Iration Steppas, Jah Warrior, Vibronics, The Disciples, Tena Stelin, Nucleus Roots, The Bush Chemists und Freedom Masses. 12 UK-Dubs aus den 90ern, hartes, kompromissloses Sound System-Zeugs, kuratiert von Simon Scott und Mark Iration. Da die finanzielle Lage von Dubquake auskömmlich ist (und eine digitale Veröffentlichung heute zudem nahezu kostenlos zu haben ist), stand der Entschluss fest, „Digital Africa“ (Dubquake) pünktlich zur Feier des 25. Geburtstags von Subdub zu veröffentlichen (natürlich auch auf Vinyl ;-). „Und“ – stellt sich nun die Frage – „hat die Musik den Test of Time bestanden?“ Ich muss gestehen: Verdammt, ja, hat sie. Warum „verdammt“? Weil es doch einige Fragen aufwirft, wenn die vor einem Vierteljahrhundert entstandene Musik, heute nicht historisch, sondern immer noch up to date klingt – und das in einem Genre, das von sich behauptet, progressiv zu sein. Okay, Sound System-Mucke repräsentiert nicht gerade die Avantgarde des Dubs, aber die beträchtliche historische Distanz sollte schon deutlicher hörbarer sein, als das bei „Digital Africa“ der Fall ist. War die Kompilation ihrer Zeit weit voraus, oder könnte es sein, dass sich der UK-Dub nicht wirklich weiter entwickelt hat und in den frühen zweitausender Jahren stecken geblieben ist? Ganz so hypothetisch ist die letzte These nicht, denn der Dub im UK wird ja heute noch von den Akteuren jener Zeit geprägt. Aber zum Glück gibt es ja viele Dub-Musiker:innen, die zwar auf den Schultern des UK-Dub stehen, ihn aber stilistisch überwunden haben und neue Wege gehen. Nur auf Sound Systems lebt er noch, der gute, alte UK-Dub-Sound – und dort ist er unübertroffen. Gutes bleibt!

Bewertung: 4 von 5.
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Dub Foundation: The Good The Bad & The Dubby

Als ich vor ein paar Tagen meine Rezension des neuen Chuck Foster Albums „Dub Journey“ verfasste, schrieb ich folgenden Satz: „Mit dem Gitarrensound von „Riding In The Wind“ sind wir bei der Westernfilmmusik angelangt, mit der auch ein Lee „Scratch“ Perry gerne experimentierte“. Passend dazu kam mir das vor fünf Jahren erschienene Album „Dub Foundation: The Good The Bad & The Dubby“ in den Sinn. Das Album ist eine Hommage an den römischen Komponisten, Dirigenten und Oscarpreisträger Ennio Morricone, der im Juli 2020 verstorben ist.
Morricone hat die Musik für mehr als 500 Filme komponiert. Da er die Musik für zahlreiche Italowestern schrieb, wird sein Name vor allem mit diesem Filmgenre in Verbindung gebracht. Besonders bekannt ist seine Filmmusik zum Italowestern-Epos „Spiel mir das Lied vom Tod“. Für sein Lebenswerk wurde Morricone 2007 mit dem Oscar ausgezeichnet.

Captain Smooth & Dub Foundation sind eine Gruppe von Künstlern/Musikern aus Madison, Wisconsin. Vor sechs Jahren hatten sie die Idee, klassische Spaghetti Western Melodien von Ennio Morricone im Reggae-Gewand einzuspielen und in ein Dub/Reggae-Album zu verwandeln. Als sie anfingen, die Tracks aufzunehmen, wussten sie, dass es episch werden würde, und dass es zu dem Projekt zusätzlich einen Film brauchte. Also machten sie sich mit einer hochwertigen Filmausrüstung auf den Weg nach West Montana und drehten ihren eigenen Spaghetti Western Kurzfilm.

Captain Smooth, der Multiinstrumentalist, Komponist und Musikproduzent aus Madison, produziert Musik für viele Genres. Von Klassik über Funk/Reggae und Popmusik bis hin zu Hip-Hop ist alles vertreten. Für viele lokale Bands wie Dub Foundation, Captain Smooth, Space Jam Frontier, Red Rose, Two Tiny Dads und The Brothers Randall ist er der Spiritus Rector. Gerade mit den Randall-Brüdern, Dave, Michael & Kelton hat er den Grundstein für dieses Album gelegt.
Captain Smooth sagt, dass alle Künstler, die an diesem Projekt mitgearbeitet haben, sowohl Reggae & Dub als auch das Spaghetti Western Genre lieben. Sie wollten zwei Ihrer Vorlieben teilen, die noch nicht so sehr »Mainstream« sind. „Die meisten der jüngeren Generation wissen nicht, was ein Spaghetti Western ist“, sagt Captain Smooth, „und das wollten wir auch musikalisch ändern.“ Mit den dreizehn Tracks auf dem Album haben sie unvergessene Filmmusik-Klassiker wie „For a few Dollars more“, „Fistful of Dollars“ und „The Good The Bad and The Ugly“ ausgegraben und wieder aktuell gemacht. Schlichtweg Kultmusik, die jüngere Generationen vielleicht verpasst haben, wird mit diesem Projekt einem jüngeren, breiteren Publikum vorgestellt. Wahrscheinlich erkennen die meisten sogar die unsterblichen, klassischen Western-Melodien, können die Kompositionen aber nicht mit dem Namen Ennio Morricone in Verbindung bringen. Das haben Captain Smooth & Dub Foundation mit diesem Album grundlegend geändert.

Habe ich schon erwähnt, dass mir das Wiederhören dieser Melodien richtig Spaß gemacht hat? Logo, sonst hätte ich das hier gar nicht erst geschrieben.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Danakil: Dialogue de Dub

Heiß, heißer, Danakil. Die Danakil-Senke in Äthiopien ist mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 35,6 Grad Celsius der heißeste Ort der Erde, vereinzelt wurden schon Temperaturen von bis zu 60 Grad Celsius gemessen. Seit 30 Millionen Jahren driften hier zwei Erdplatten auseinander. Durch diese tektonischen Bewegungen wird gleichzeitig die Erdkruste immer dünner und sinkt ab, was zur Folge hat, dass die Oberflächentemperatur stetig steigt – weswegen das 10.000 Quadratkilometer große Areal den Beinamen „unwirtlichster Ort auf unserem Erdball“ trägt.

Jetzt wissen wir auch, woher die französische Reggae-Band Danakil aus Marly-le-Roi bei Paris ihren Namen hat. Gegründet wurde die Band im Jahr 2000 auf der Schulbank des Gymnasiums „Louis de Broglie“ in Marly-le-Roi (Yvelines), wo damals eine Gruppe befreundeter Musiker zur Schule ging. Ihre Musik bewegte sich von Anfang an zwischen Reggae und Weltmusik. Im Jahr 2011 gründete die Gruppe das unabhängige Label Baco Records, heute Baco Music.

Vor zehn Jahren reiste die Band zum ersten Mal für Aufnahmen nach Bamako (Mali) und traf dort den malisch-französischen Künstler Manjul in seinem Studio. Manjul ist bekannt für seine eigenen Werke wie „Dub to Mali“ (siehe Rezensionen) sowie für zahlreiche Kollaborationen mit anderen internationalen Bands und Künstlern (Sugar Minott, The Skatalites, Cedric Myton, Clinton Fearon, Amadou et Mariam, Tiken Jah Fakol, etc.).
Die Begegnung von Danakil mit dem Multi-Instrumentalisten und Tontechniker Manjul führte wie fast selbstverständlich zum Beginn gemeinsamer Projekte. Seitdem hat (der Bretone) Julien Souletie alias Manjul an allen Folgealben der Gruppe mitgewirkt. Er mischte auch die Vorgänger-Dub-Alben „Echos du Dub“ (2012) und „Entre Les Lignes Dub“ (2014). Hier beginnt auch die künstlerische Zusammenarbeit zwischen dem Toningenieur Damien „Bobby“ Coutrot und Manjul, zwei leidenschaftlichen Reggae- und Dub-Musikern, die seit nunmehr zehn Jahren mit Danakil im Studio und auf der Bühne zusammenarbeiten.

Nun präsentieren uns Bobby und Manjul mit „Dialogue de Dub“ (Baco Music) ein, wie ich finde, wunderbares Dub-Remake des Danakil Klassikers und Erfolgsalbums aus dem Jahr 2008. Schon damals saß Bobby federführend am Mischpult. Die vorliegenden acht Dub-Versionen des Danakil-Vorzeigealbums haben die beiden Protagonisten ganz in der Tradition des Dub »vierhändig« abgemischt. Ehrlich gesagt haben mich die Electro-Dub-Ausflüge von Danakil nie erreicht. Mit „Vieillards Dub“ und „Marley Dub“, um nur zwei Tracks des aktuellen Albums exemplarisch zu nennen, haben sie es endlich geschafft. Die beiden Toningenieure der Band, Damien „Bobby“ Coutrot und der Franko-Malier Manjul, haben das Album gemeinsam produziert und ihr ganzes Talent am Mischpult unter Beweis gestellt, um ein kleines Juwel zu schaffen, das es zu entdecken gilt. Warum von den ursprünglich elf Tracks nur acht einer Dub-Behandlung unterzogen wurden, bleibt ein Mysterium.

Alles in allem muss ich sagen, dass ich von Danakil im wahrsten Sinne des Wortes geflasht wurde, da ich niemals mit einem solch traditionellen Sound gerechnet hätte. „Dialogue de Dub“ ist wirklich ein sehr feines Album geworden.

Bewertung: 4 von 5.
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Chuck Foster: Dub Journey

Der amerikanische Reggae-Pionier Chuck Foster ist eine wichtige Persönlichkeit in der amerikanischen Musikszene. Als langjähriger Moderator der Sendung Reggae Central beim kalifornischen Radiosender KPFK hat er wesentlich dazu beigetragen, das Reggae-Feeling in der Bay Area zu verbreiten. Darüber hinaus ist er als erfolgreicher Musiker und Autor bekannt.

Sein neuestes und achtes Album „Dub Journey“ (Catch Me Time Records) ist die Dub-Version seines letztjährigen Song-Albums „Long Journey“. „Dub Journey“ ist ein Foster typisches Dub-Reggae-Album, das von erfahrenen Session-Musikern begleitet und aufgenommen wurde. Was mich an Chuck Fosters Alben ganz besonders begeistert, ist, dass seine Musik immer authentisch klingt und „live“ eingespielt wird. Auch in seiner aktuellen Band spielen wieder gestandene Musiker: So ist zum Beispiel Tony Chin, der Gitarrist von Soul Syndicate, erneut mit von der Partie. Ein weiteres Bandmitglied, John Morran, setzt mit seiner Violine und Mundharmonika interessante Akzente, was sich besonders schön und eindringlich im Stück „Ghost Story“ zeigt. Wie üblich wurden die Tracks im Rough Sounds Studio in Redondo Beach von Chuck und Mike Irwin gemischt, wobei Irwin auch für Bass und Melodica verantwortlich zeichnet. Gelegentlich ist Chucks Gesang fragmentarisch in den Tracks zu hören. Die Dubs sind solide in den ansprechenden Mix eingebettet, wobei die Herren nicht mit Soundeffekten geizen. Es gibt reichlich Echo und Hall. Aber wie schon auf den Vorgängeralben wird auch bei „Dub Journey“ auf übertriebene Effekte und Schnörkel verzichtet. Vielmehr fängt das Album erneut perfekt die Atmosphäre der prä-digitalen Reggae-Ära ein. Ein typisches Element aller Chuck Foster-Produktionen ist der häufige Einsatz schöner Gitarrensoli, was im Reggae nicht immer jedermanns Sache ist, aber sehr gut verdeutlicht, dass Chuck Foster aus der Westcoast-Rock- und Blues-Ecke kommt. Ein weiteres Beispiel dafür ist der „Shady Lady Dub“, der an das Shady Lady Motiv in vielen Westcoast-Songs der späten 60er Jahre erinnert. Mit dem Gitarrensound von „Riding In The Wind“ sind wir bei der Westernfilmmusik angelangt, mit der auch gerne ein Lee „Scratch“ Perry experimentierte. Der unverwechselbare, signifikante Gitarrensound taucht immer wieder auf und wurde zusammen mit dem Retro-Orgelsound zum Markenzeichen von Chuck Foster in fast allen seinen Kompositionen. Der Schlussakkord des Albums, „Way Out Dub“, besticht durch seinen Pablo-esken Sound und verleiht der gesamten musikalischen Reise eine Atmosphäre von Ruhe und Tiefe. Das Stück ist ein wunderbarer und gelungener Abschluss des Albums.

Bewertung: 4 von 5.
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Kevin Richard Martin: Black

Dies ist ein Album aus dem Randgebiet des Dub. Angrenzende Regionen sind beatlose Ambient-Musik sowie ein Subgenre mit dem schönen Namen Doom Jazz. Kevin Richard Martin ist in allen diesen Gebieten ein bisschen zuhause, musiziert und produziert dort und darüber hinaus in diversen Zusammenhängen (u.a. Techno Animal, Zonal, King Midas Sound, G36). In der Sound System Culture mischt er vor allem unter dem Namen The Bug mit. Aber so wie bei seinem US-amerikanischen Geistesvetter Bill Laswell ist es ganz egal was er innerhalb seines weiten Interessenspektrums (u.a. Drone, Post Metal, Dancehall) er anpackt: Es ist unweigerlich durchströmt von der Erfahrung des Dub, die dem heute in Brüssel lebenden Brexilanten persönlich zuerst von Jah Shaka und den Disciples vermittelt wurde. Mittlerweile ist sein Output zu einem ganzen Netzwerk von Entwicklungssträngen und Kooperationen angewachsen, dessen komplette Darstellung ein Organigramm im DIN A1-Format erfordern würde. In „Black“ (Intercranial) treffen sich verschiedene seiner Interessen auf einem 76 Minuten langen Album, das hoffentlich eines Tages auch in Vinyl-Form vorliegen wird. Die hypothetische A-Seite würde dann wohl zwei Nummern enthalten, die salopp mit „Ambient Dub ohne Drums“ beschrieben wären. Die schwermütig verhangenen Arrangements beschwören die langsamsten Momente der Berliner Dub-Schmiede Rhythm& Sound herauf, des enigmatischen UK-Producers Burial aber auch der Münsteraner Schneckentempo-Band Bohren und der Club of Gore. Zumal Martin hier für die Erdung im Niederfrequenzbereich einen Kontrabass verwendet. Die einzelnen Soundereignisse werden so sparsam gesetzt, dass jedes davon vor Spannung zittert. Zusätzliche Suspense entsteht vor allem im 14-minütigen Titeltrack durch die für Martins Verhältnisse relativ komplexen Akkord-Progressionen. Das hat seinen Ursprung im Konzept des Albums, das in Gänze der 2011 verstorbenen Amy Winehouse gewidmet ist. Die Musik ist gewissermaßen um die Leerstelle herum komponiert, die die Sängerin hinterlassen hat. Dabei könnte die Distanz zu ihrem tatsächlichen Bandsound, den wir vor allem mit üppigem Retro-Soul von Mark Ronson und den New Yorker Dap Kings verbinden, interessanterweise kaum größer sein. Amys „Geist“ lebt eher in den Bassnoten und den darüber hinwegwehenden Akkorden, in denen die Gestalt ihrer Songs aufscheint, ohne sich jemals ganz zu enthüllen. Die Essenz ihrer Musik wird von Martin mit Langsamkeit gebannt. Wie ein Maler, der ein detailliertes Detail eines Ölbilds mit einem Pinselstrich in die Breite zieht, dehnt Martin hier Harmonik, Rhythmik und Melodie zu einem breiten Band umeinander schwingender Spuren, in denen sich eine ganz eigene Schönheit enthüllt. Das Resultat ist eine Slo-Mo-Soul-Musik, die ihresgleichen sucht. Erst im vierten Titel „Love You Much, Love Too Much“ erklingt nach all diesem minimalistisch hypnotischen Pulsieren ein Drumbeat, der bei 50 bpm freilich ebenfalls der Langsamkeit frönt. Tonangebend sind hier außerdem kraftvoller aufgetragene Synthesizer-Farben und wenn ich nicht irre auch Martin persönlich an seinem „ersten“ Instrument, dem Saxophon. Damit wären die Soundparameter so ungefähr abgesteckt, zwischen denen sich „Black“ bewegt. Wie viele der EPs und Alben die Martin vor allem seit der Covid-Ära veröffentlicht hat, klingt es zunächst wie introspektive Musik für die ganz entschleunigten Momente zuhause. Dabei funktionieren einzelne Parts – als Warmup, Intro, Outro oder mittendrin (Vorschlag: „Camden Crawling“) sicher auch im Club, und sind übrigens auch genau dafür designt. Kevin Martin ist Klangfetischist, und nirgends entfaltet sich seine Obsession für Frequenzen, Schwingungen und Vollkörper-Bassmassage für uns Endverbraucher klarer als auf einem fähigen Sound System.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Prince Fatty meets The Gorgon in Dub

Alleine mit der Person Edward O’Sullivan Lee, besser bekannt als Bunny „Striker“ Lee oder The Gorgon, könnte man hier Seiten füllen. Ohne Striker und selbstverständlich Osbourne Ruddock aka King Tubby sähe das Dub-Genre wahrscheinlich ganz anders aus. Die Zusammenarbeit der beiden ist und bleibt ein Meilenstein in der frühen Entwicklung des Dub. Bunny Lee war eine Ghetto-Größe, man könnte fast sagen eine Art Pate, einer, der fast alles regeln konnte. Bis zu seinem Tod im Oktober 2020 war er in Uptown Kingston genauso beliebt und respektiert wie bei den Sufferahs in Trenchtown. Bunny Lee fungierte oft als Vermittler, der auch Kredite vergab, Probleme löste und Geschäfte abwickelte. Als Byron Lee die Dynamik Studios modernisierte und sein altes Mischpult rauswarf, machte Striker den Deal perfekt, sodass King Tubby es kaufen konnte. So begann King Tubby mit einem richtigen Mehrspurstudio. Bunny Lee war von Anfang an von King Tubbys Arbeitsweise begeistert und die Produktionen der beiden sind und bleiben unerreicht. Jeder King Tubby Dub ist einzigartig. Tubby fügte die einzelnen Komponenten nicht mühselig zusammen, sondern startete einfach das Tape und legte live drauflos. Die Ergebnisse sind weithin bekannt und erfreuen sich immer noch großer Beliebtheit.

Der britische Produzent, Tontechniker und DJ Prince Fatty hat bereits die jüngeren Generationen an Reggae-, Soul- und Latin-Grooves herangeführt. Mit seinen eigenen Alben hat er sich den Ruf als einer der besten modernen Dub-Produzenten und Sound-Engineers der Welt erworben. Mit den ersten beiden Hollie Cook Alben, die er in den Jahren 2011 und 2014 produzierte, trug er einen wesentlichen Teil dazu bei, ein neues Kapitel des britischen Lovers Rock zu schreiben. In den vergangenen Jahren hat Prince Fatty durch verschiedene Singles eher dazu beigetragen, altgediente Künstler wie Little Roy, Winston Francis, Earl Sixteen sowie seinen Kollaborateur Horseman, der Schlagzeuger der britischen Gruppe Reggae Regular, in neuem Licht erscheinen zu lassen. Nach einer längeren Schaffenspause kehrt er mit dem Album „Prince Fatty meets The Gorgon in Dub“ (VP Records / Greensleeves) zu der Handwerkskunst zurück, die vor 50 Jahren von King Tubby, Prince Philip, Prince Jammy und vielen unbesungenen Helden kreiert wurde. Ein sorgfältig ausgewähltes Set von Masteraufnahmen aus der alten Bunny „Striker“ Lee / King Tubby-Ära wird von Fatty in die Gegenwart transferiert. Konzeptionell sieht die Idee vor, dass Prince Fatty die klassischen Sounds der verstorbenen jamaikanischen Musiklegenden Bunny „Striker“ Lee und King Tubby neu interpretiert. Das vorliegende Album ist mit seinen 10 Dubs also das klangliche Destillat einer interessanten Geschichte. Nachdem Prince Fatty auf die Sammlung archivierter Striker Lee Aufnahmen gestoßen war, nutzte der junge Dub-Produzent die Gelegenheit, die Versionen nach seinem eigenen Geschmack zu remixen. Ziel war es wieder einmal, die Tracks jüngeren Hörern zugänglich zu machen und das Feuer für Striker Lees Dub-Zeitgeist erneut zu entfachen. Für das echte Remixing hat Prince Fatty das Audiomaterial in den analogen Bereich transferiert: Er hat die Aufnahmen durch ein sorgfältig rekonstruiertes analoges Audiosystem geschickt, welches dem von King Tubby ähnelt. Das Ergebnis ist ein knackiges, modernes Dub-Meisterwerk, bei dem Fatty selbst den Status der Songs als Klassiker anerkennt.

Noch einige Anmerkungen zur gelungenen Songauswahl: Die Riddims stammen aus Linval Thompsons „Jah Jah A The Conqueror“, die mit Tommy McCooks Instrumental-Arrangements des gleichen Tracks verarbeitet wurden. Ebenfalls enthalten sind Jackie Edwards‘ „The Invasion“, das ursprünglich von Burning Spear bekannt ist. Gefolgt von Cornel Campbells „Press Along“, Horace Andys „Don’t Try To Use Me“ sowie Ronnie Davis‘ „Sun Is Shining“, das wir ursprünglich von Bob Marley kennen. Nachfolgend hören wir Barry Browns „Give Thanks & Praise“ und Rod Taylors „Garden Of Eden“. Die Riddims von Neville Browns „Prophesy“ sind auch von Don Carlos‘ „Late Night Blues“ bekannt. Bei Leroy Smarts „No Love“, kennt man das Instrumental auch als Horace Andys „Zion Gate“ und Don Carlos‘ „Ababajonoi“ geht auf das Instrumental „Real Rock“ von Jackie Mittoo und Vin Gordon zurück. Insgesamt ein neu bearbeitetes Dub-Album mit Klassikern für die moderne Ära, das in ein paar Jahrzehnten möglicherweise selbst zum Klassiker wird.

Bewertung: 4 von 5.
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Lee „Scratch“ Perry & Bob Riddim: Destiny

Am 29. August 2021 verstarb hochbetagt und doch für viele überraschend Rainford Hugh Perry aka Lee Perry aka Scratch aka The Upsetter aka Pipecock Jackxon. Einer, wenn nicht der Pionier des Reggae- und Dub-Genres. Der Mann, der nach eigenen Angaben mit 26 Jahren zum ersten Mal ein Tonstudio von innen gesehen hat und mit 30 seine erste Debütsingle „Old For New“ – eine treibende Ska-Nummer – veröffentlichte. Der „Salvador Dalí des Reggae“, wie ihn manche ehrfürchtig nannten, nahm sich der Wailers in ihren frühen Reggae-Zeiten an und formte sie zu dem, was sie später wurden – Weltstars. Bei den Upsetter-Sessions entstanden die Originalversionen von „Duppy Conqueror“, „Small Axe“, „Keep On Moving“, „Trenchtown Rock“, „400 Years“ und unzähligen anderen Klassikern.
Zwischen 1974 und 1979 produzierte Scratch in seinem Black Ark Studio mit relativ primitivem Equipment einige der fesselndsten Musikstücke des Jahrzehnts. Darunter große Hits wie Susan Cadogans populäre Coverversion von „Hurt so Good“, Junior Byles‘ hypnotisches Klagelied „Curly Locks“ und eine Reihe von Roots-Hymnen wie „Mistry Babylon“ von den Heptones, Max Romeos „Sipple Out Deh“ (aka „War in a Babylon“) und Junior Murvins schrilles „Police and Thieves“. Lee „Scratch“ Perry galt schon zu Lebzeiten als Rätsel, Exzentriker, Pionier und Genie zugleich, und irgendwie trifft jede Beschreibung auf ihre Weise zu, wobei die Grenzen zum Wahnsinn oft fließend waren. Der weltweit verehrte Grammy-Preisträger Lee „Scratch“ Perry hat den Reggae in akustische Gefilde geführt, die noch nie ein Mensch zuvor betreten hat, und dafür ist ihm mein Respekt für immer sicher.

All dies ist bereits ein wesentlicher und wichtiger Teil jamaikanischer Musikgeschichte. Etwas mehr als zwei Jahre nach seinem Tod erscheint nun sein letztes Album „Lee ‚Scratch‘ Perry: Destiny“ (Delicious Vinyl Island), an dem der Magier zusammen mit dem kanadischen Produzenten und Musiker Bob Riddim noch gearbeitet hat. Das Besondere an diesem Projekt sind die Kooperationen, die Bob Riddim, der die meisten Instrumentals selbst geschrieben und eingespielt hat, dem jamaikanischen Urgestein Perry vorschlug. Perry teilt sich das Mikrofon mit Sängerinnen und Sängern der jüngeren Generation. Evie Pukupoo, Gründungsmitglied der Gruppe The No-Maddz, ist mit seiner sanften Stimme im Titelsong des Albums zu hören, der auf einem modernen Roots-Reggae-Beat basiert. Wir hören klassische Elemente wie stark verhallte Snares und ein paar schöne Gitarrenlicks. Außerdem ist David ‚Jah David‘ Goldfine von den Zion I Kings mit einer brillanten Bassline zu hören. Kabaka Pyramid unterstützt das Projekt, indem er im Song „Black“ diejenigen anprangert, die Menschen nur aufgrund ihrer Hautfarbe beurteilen. Perry kehrt hier zu seinem Spoken-Word-Stil zurück und klingt auf dem Track fast wie ein geladener Gast. Xana Romeo, Tochter des nicht minder legendären Max Romeo, mit dem Lee Perry den Meilenstein „War Inna Babylon“ produzierte, kommt mit einer gelungenen und originellen Coverversion von „Police And Thieves“. Das 1977 von Lee Perry für den Sänger Junior Murvin produzierte Original wird diesmal in eine dubbigere Richtung verschoben, wobei Xana Romeo bei der Phrasierung recht nah am Original bleibt. Eine brillante Adaption des Originals, bei der Perry zeigt, dass er immer noch in der Lage ist, eine Gesangslinie mit Souveränität zu führen. Das Trio Leno Banton, Blvk H3ro und Wayne J bringt mit „Ring Pon My Finger“ einen eher urbanen Vibe um einen Hip-Hop-Beat im dubbigen Reggae-Style. Die Spiritualität von Yaadcore passt perfekt zu Perrys Welt auf „Infinity“. Nicht zu vergessen der Opener „I Am“, einem satten, dubbigen Stück, das an die glorreichen Tage von Black Ark erinnert. Es zeigt einen altersweisen, fast schon sprachlich zurückhaltenden Lee Perry, der weit von dem maschinengewehrartigen Gebrabbel entfernt ist, das bei ihm noch vor wenigen Jahren üblich war. Der zweite Track auf dem Lee Perry solo zu hören ist „Space Echo“, gliedert sich in drei Teile und wird mit schönem Nyahbinghi Drumming untermalt. Das über sieben Minuten lange Stück würde mir noch besser gefallen, wenn nicht Bernard Lanis mit seinem Saxofon immer die gleiche Melodie rauf und runter trällern würde.

Natürlich ist „Destiny“ kein Dub-Album im herkömmlichen Sinne geworden, aber das passt sehr gut zum Vermächtnis eines Lee Perry, denn seine Alben waren schon immer außergewöhnlich. Scratch und Bob Riddim schaffen mit ihren spacigen, repetitiven Patterns eine trippige, ätherische Atmosphäre, die den Dub auf eine ganz neue Ebene der psychedelischen Immersion hebt. Auf dem Album sind viele aufstrebende musikalische Talente Jamaikas zu hören, aber der Kitt, der das Album zusammenhält, ist meiner Meinung nach Lee Scratch Perry und sein unnachahmliches Können. „Destiny“ muss mit seinen neun Titeln als letzter kreativer Impuls dieser Reggae-Legende betrachtet werden und ist ein weiterer überzeugender Beweis – wenn es eines solchen überhaupt noch bedurfte – für Scratchs Fähigkeit, sich im Rhythmus der Generationen zu erneuern. R.I.P Lee ‚Scratch‘ Perry!

Bewertung: 4 von 5.
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Creation Rebel: Hostile Environment

Die On .U Sound-Legende Creation Rebel ist zurück. Über 40 Jahre nach der Veröffentlichung ihres letzten Albums „Lows & Hights“ (1982) erscheint heute ihr neues Album „Hostile Environment“ (On .U Sound).

Mit dem im März 1978 veröffentlichten Album „Dub From Creation“ betraten Creation Rebel als erste Dub-Band Großbritanniens Neuland und schlugen eine Brücke zwischen Reggae und Punk. Sie teilten sich die Bühnen mit The Clash und The Slits und veröffentlichten sechs Kultklassiker, bevor sie für über 40 Jahre von der Bildfläche verschwanden.

Ursprünglich waren die Creation Rebel als Studioprojekt geplant. Für ihre Arbeit am Dub-Klassiker „Crytuff Dub Encounter Chapter 1“ traten sie auch als The Arabs in Erscheinung. Das Dub-Verständnis von Creation Rebel war von Anfang an ein völlig anderes. Das schwarze, britische Kollektiv aus dem Nordwesten Londons entwickelte seine Dub-Tracks organisch in Jam-Sessions im Studio. Adrian Sherwood erzählt: „Die erste Session habe ich nur zum Spaß gemacht. Ich habe das Debütalbum „Dub From Creation“ für 200 Pfund aufgenommen, als ich ungefähr 18 Jahre alt war.“ Bei den Aufnahmen war noch Dennis Bovell der Engineer und das Album erschien auf dem Hit-Run Label. Schon bald wurden Creation Rebel die Begleitband von Prince Far I, dem jamaikanischen Toaster, dessen Stimme ihm den Spitznamen „Voice Of Thunder“ einbrachte. Die erste UK-Tournee von Prince Far I, an der auch sein Kollege Prince Hammer und Bim Sherman teilnahmen, brachte Creation Rebel landesweite Aufmerksamkeit und verhalf Prince Far I zu einem Vertrag mit Virgin Records.

Musikalisch waren Creation Rebel ihrer Zeit um Längen voraus. Das 1980 veröffentlichte „Starship Africa“ war eine dicht strukturierte Soundcollage, die das Gefühl einer intergalaktischen Reise imitierte und bei manchen Zeitgenossen der traditionellen Reggae-Szene beklemmende Gefühle hervorrief. Laut Adrian Sherwood konnte David Rodigan mit dem neuen Sound nichts anfangen: „Bis heute zuckt er zusammen, wenn er die Worte Creation Rebel hört.“ Es folgten die Alben Creation Rebel / New Age Steppers: Threat To Creation und Creation Rebel: Psychotic Jonkanoo. Das Album „Psychotic Jonkanoo“ erschien weniger als ein Jahr vor dem letzten Album der Band „Lows And Highs“. Das Material besteht aus einer Reihe von Songs im Conscious-Stil, die hauptsächlich von „Crucial“ Tony gesungen wurden. Besonders beim Opener „The Dope“ habe ich noch das stilvolle Saxophon von „Deadly“ Headley im Ohr, das sich dezent mit den Gesangslinien vermischt. Das gesamte Album wird durch die Arrangements und die Produktion auf ein höheres kreatives Niveau gehoben. Alles klingt sauber, knackig und einfallsreich, vor allem in den Instrumentalversionen und bei „African Space“, wo eine Wah-Wah-Gitarre fast zurückhaltend eingesetzt wird. Das folgende Album „Lows & Highs“ (1982) war schon radiotauglicher, aber „Lizard“ Logan wurde wegen Marihuana-Imports inhaftiert, und die Ermordung von Prince Far I im September 1983 war ein weiterer Rückschlag für die Band. Ihre Auftritte als Backing Band für Prince Far I waren mit einem Schlag traurige Geschichte. Die Bandmitglieder gingen getrennte Wege, Crucial Tony gründete die Band Ruff Cut, die anderen schlossen sich den Singers & Players und African Head Charge auf Sherwoods Label On .U Sound an.

Heute, nach über 40 Jahren, meldet sich das Trio, bestehend aus den Kernmitgliedern Crucial Tony, Charlie „Eskimo“ Fox und Mr. Magoo, mit einem neuen Album, „Hostile Environment“, zurück. Die hohe Qualität des ebenso fesselnden wie tiefgründigen Albums ist für mich keine große Überraschung. Die Liste der Gastmusiker ist beachtlich und auf den alten Studiotapes tauchten sogar Archivaufnahmen des verstorbenen DJs Prince Far I auf, die auf zwei Tracks zu hören sind. Gleich zu Beginn von „Swiftly (The Right One)“ wird die Stimme von Prince Far I in der Geschwindigkeit reduziert, bis er wie ein betrunkener Yeti klingt. Das ist nur ein kleiner Teil eines ziemlich verdrehten Dub-Schemas, zu dem auch einige ungewöhnliche Synthesizer-Einlagen des bekannten Reggae-affinen Musikers und Produzenten Gaudi gehören. Das Instrumentalstück „Stonebridge Warrior“ besticht durch eine schöne, temperamentvoll gespielte Melodica. Während bei „That’s More Like It“ sich das Tempo entschleunigt und die „Spaceness“ zunimmt. Mit wirbelnden Echos, Acid-Gitarren-Licks, explosiven, stotternden, technischen Spielereien liefern Creation Rebel den perfekten Soundtrack. Der folgende Track „Jubilee Clock“, das zweite Instrumentalstück in Folge, ist ein absolutes Lehrstück in Sachen basslastigem Slow-Motion-Dub. Bei „This Thinking Feeling“ wird Prince Far I am Mikrofon von Daddy Freddy unterstützt. Auf dem gefühlvollen „Whatever It Takes“ singt Denise Sherwood im Duett mit Mr. Magoo (alias Veral Rose). Für meinen Geschmack der poppigste Moment, den „Hostile Environment“ zu bieten hat. Weiter geht es mit den herrlich Dub-lastigen Tracks „Salutation Gardens“ und „Crown Hill Road“, die von überdurchschnittlichem instrumentalem Können zeugen. Dieser Aspekt wird durch den Track „The People’s Sound (Tribute to Daddy Vego)“ mit seiner Mischung aus Cyrus Richards Piano und Orgel, Tonys Gitarre, Magoos Percussion und Gaudi am Synthesizer noch verstärkt. Das abschließende Instrumental „Off the Spectrum“ lässt noch einmal die „Rootz“ und musikalischen Stärken von Creation Rebels „Hostile Environment“ aufblitzen. Und ja, Adrian Sherwoods Präsenz und Können ist überall spür- und hörbar.

Das Dub-Werk „Hostile Environment“ bezieht sich politisch auf die katastrophale, bestrafende Einwanderungspolitik Großbritanniens, die von Theresa May eingeführt und von ihren Nachfolgern fortgesetzt wurde. Dabei wurde völlig außer Acht gelassen, was die „Windrush-Generation“ für den Aufbau Großbritanniens nach dem Krieg geleistet hat. „Das war vor dem Hintergrund des Windrush-Skandals und nachdem einer dieser Nazi-Innenminister gesagt hatte, dass sie ein feindliches Umfeld schaffen wollten, um Menschen, die Zuflucht suchen, aufzuhalten“, so Sherwood. „Es ist der perfekte Titel für das Album, da alle Vorfahren unserer Crew aus der Windrush-Generation stammen.“

Bewertung: 4.5 von 5.